Die beste Zeit beginnt jetzt!

Es war einmal...

Wir schreiben das Jahr 2013. Jemand ohne Stellplatz, Werkzeug und praktische Erfahrung hat sich in den Kopf gesetzt, mit einem Allrad-LKW-Expeditionsmobil für ein halbes Jahr durch Island zu reisen. Der LKW-Führerschein ist bestanden, ein Laster gekauft und die Fährpassage gebucht. So weit, so gut ... nur, von einem Expeditionsmobil ist der Laster im Moment noch so weit entfernt wie der kurzfristig durch Klinkenputzen gefundene Bauplatz von Zuhause: weit...

Jemand hielt es für besonders schlau, erst das gebrauchte Fahrgestell zu sanieren und dann den Aufbau aufzusetzen. Wenn die Kabine einmal auf dem Laster stünde, würde man sie schließlich nicht wieder herunternehmen..., oder? Meine Herren, da war aber jemand naiv. Vier Wochen sollte die Sanierung dauern, vier Monate zogen schon ins Land. Stand der Dinge: Was beim Kauf einmal ein fahrbereiter Laster war, gleicht aktuell einer Ruine aus altem Eisen. Jemand hat sich wohl gewaltig verschätzt. Der Wohnaufbau, der unseren Protagonisten und seine klügere Hälfte demnächst für ein halbes Jahr komfortabel beherbergen soll, existiert noch nicht einmal auf dem Papier. Und der Countdown für die Fähre hat schon begonnen...

In schlaflosen Nächten reimt sich unser Protagonist eine Menge gefährlichen Halbwissens aus Internetforen zusammen. Und so meint er, zwischen Laster und Kabine gehöre ein Zwischenrahmen. Panik ergreift ihn beim Gedanken, dass der Laster im Gelände die Grätsche macht und ungebremst weitergegebene Verschränkungskräfte die nicht-existente Kabine knacken. So stehe es laut Foren auf jeden Fall zu befürchten. Also ergreift er dankbar das Angebot von jemand, der jemanden kennt, der sich mit so etwas auskennt. Der Kenner kommt, misst ein paar Maße und veranschlagt für einen federverspannten Zwischenrahmen pauschal 4.500 Euro. Netto. Ah ja, meint unser Protagonist, und bedankt sich artig für's Gespräch. Man ist wohl nicht auf derselben Wellenlänge...

Verzweifelt klagt unser Protagonist sein Leid seinem Teilehändler, der ihn an einen altgedienten Schlossermeister in der Nachbarschaft verweist. Man könne sich das ja einmal ansehen, meint der äußerst gutmütige Mann, nicht ahnend, auf was er sich da einlässt. Der Meister kommt, sieht, misst und rätselt, während unser Protagonist einen Haufen halbgarer Ideen zum Besten gibt. Der Meister zögert und zweifelt, schwebt ihm doch ein deutlich sichtbares Fragezeichen über dem Kopf. Aber jaaa, meint der Meister schließlich, man könne da vielleicht etwas machen. Und dann begeht der gute Mann den verhängnisvollen Fehler, Besitzer samt Auto (wenn es denn wieder fahrbereit wäre) für die nötige Zeit zu sich auf den Hof zu bestellen. Wie lang kann das schon dauern...? Es ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft.

Tage, Wochen, Monate und Jahre

Nicht sechs Tage, nicht sechs Wochen, nicht sechs Monate - geschlagene sechs Jahre parkt Oschi am Ende auf dem Hof der Schlosserei. Sechs Jahre  lang konstruieren und schrauben Mi und ich zusammen mit Meister Reiners unseren mobilen Traum zusammen. Ohne Stellplatz, Werkzeug und praktische Erfahrung starteten wir, beim Ur-Vater aller Problemlösungen landeten wir. Immer ein verständnisvolles Ohr, immer eine helfende Hand, immer eine rettende Idee, immer das passende Teil im Regal, immer das Schweißgerät am Mann. Immer freundlich, immer zuvorkommend, immer motivierend, immer hilfsbereit. Von früh morgens bis spät abends und auch an den Wochenenden. So ideale Rahmenbedingungen bot uns Meister Reiners, dass letztlich nur unsere eigene Kreativität den Rahmen der Umbaumaßnahmen begrenzte.

Oft konnte ich meinen Feierabend im Büro kaum erwarten, um wieder in die Schlosserei zu flitzen. Nur teilweise, weil mir die immer näher rückende Fährabfahrt im Nacken saß. Zu einem nicht minder großen Teil, weil ich mich wie Bolle auf die Zusammenarbeit mit dem Meister freute. Abend für Abend, Woche für Woche, Monat für Monat und schließlich Jahr für Jahr. Nach außen hin ruhig und besonnen, aber innerlich mitfiebernd, verstand es der Meister stets, Lösungen für unsere Probleme zu finden und unseren Reisetraum Stück für Stück Realität werden zu lassen. Und zwischendurch war immer auch etwas Zeit für ein gutes Gespräch. Es war eine unglaublich lehrreiche und inspirierende Zeit.

Die Island-Reise war ein Erfolg. Voller aufregender Zukunftspläne und mit vielen neuen Ideen für Oschi kehrten wir zum Meister zurück. Schmunzelnd hieß er uns erneut willkommen. Ob er sich darüber freute, dass wir Oschi mit ihm noch einmal grundlegend überarbeiten wollten, oder innerlich die Hände über dem Kopf zusammenschlug, wir werden es wohl nie aus ihm herausbekommen. Fakt ist, wir konnten weitermachen, wo wir aufgehört hatten. Weiter ging es mit dem Umbau des Fahrzeugs, und diesmal sollte die viele Arbeit am Ende auch von einem schönen Äußeren gekrönt werden. Kabine runter und zurück auf Null, Fahrgestell nackig und zurück auf Null, und zwei Jahre später hieß es: Kabine wieder rauf und Abfahrt zur nächsten Reise.

Auf nach Afrika! Auch diese Reise war erfolgreich, aber auch nach ihr klopften wir wieder mit neuen Ideen beim Meister an. Schicksalsergeben nahm er uns ein drittes Mal auf. Da wir nicht mehr um die Ecke wohnten, dauerte es ein gutes Jahr, bis die dritte Bauphase - dank der Aufgabe des festen Wohnsitzes - in die hektische Phase eintrat. So wurden die gemeinsam durchschraubten Tage zwar seltener, aber nicht weniger angenehm und erfolgreich. Im August letzen Jahres verließen Mi und ich dann endgültig den Hof, um unser mobiles Leben zu beginnen.

Ein Lebenswerk

Auf rekordverdächtige 55(!!!) - in Worten: fünfundfünzig - Berufsjahre bringt es Meister Reiners inzwischen und begonnen hatte alles im Alter von 15 Jahren mit einer beinharten Nachtschicht. Ob Metall-, Fahrzeug- oder Schiffbau, in seinem langen und harten Berufsleben ließ der Meister kaum etwas aus. Mit so viel Erfahrung beherrscht er noch viele althergebrachte Handfertigkeiten, die heutige Lehrlinge bestenfalls als Anekdoten aus ihren Schulbüchern zur Kenntnis nehmen. So gesehen ist Oschi auch ein Symbol traditioneller Handwerkskunst.

In den Jahrzehnten ihres Bestands durchlebte die Schlosserei als Familienbetrieb über drei Generationen eine wechselvolle Geschichte, und längst ist sie eine Institution in diesem Ort (der sich über eben diese Zeit nicht mehr wiederzuerkennen wandelte). Tausend und eine Geschichte aus bewegenden Zeiten kann der Meister erzählen und wie viele Abende in den letzten sechs Jahren hörte ich ihm mit großen Augen staunend zu. 

Seit geraumer Zeit jedoch bogen wir bei unseren unregelmäßigen Heimatbesuchen angespannt um die Ecke, was wir wohl vorfinden würden. Denn ein Ende der Schlosserei war schon länger absehbar. Ursächlich dafür: Die Vollendung des siebten Lebensjahrzehntes des Meisters und die Einsicht, nicht in alle Ewigkeit weiter eine kleine Schlosserei betreiben zu können. Nicht körperlich, nicht wirtschaftlich. Und nachdem die resolute Senior-Chefin nicht mehr ist, die in ihren letzten Lebensjahren über unser Auto wachte, ist die Erbengemeinschaft wild entschlossen, Haus und Hof inmitten bester Lage zu verkaufen. Nie und nimmer bringt die Arbeit der Schlosserei ein, was Grund und Boden wert sind. Der wohlverdiente Ruhestand ist nicht mehr aufzuhalten.

Doch Papier ist geduldig und die bürokratischen Mühlen mahlen langsam. So blieb uns die Möglichkeit, ab und an im sicheren Hafen der Schlosserei campieren zu können, länger erhalten als gedacht. Doch nun sind alle Hürden genommen und wenn sich jemand den Ruhestand verdient hat, dann unser fabelhafter Meister Reiners. In der alteingesessenen Nachbarschaft werden die Reiners schmerzlichst vermisst werden. Nur im rundherum aus dem Boden gestampften Millionärsghetto werden sie wohl drei Kreuze machen, wenn das Klingen der Hämmer und Kreischen der Winkelschleifer endlich verebbt. 

Was war und was wird

Die Gewissheit weicht der Unsicherheit: Das war's. Unser sicherer Hafen, unser letzter Anlaufpunkt, unser letzter Anker in der geliebten alten Heimat - er ist Geschichte. Und wenn der Meister es sich als Vertreter der alten Garde auch selbst nicht anmerken lässt - über unsere längst etablierten Bande in die Familie Reiners wissen wir darum, wie schwer es für ihn ist, sein Lebenswerk aufzugeben.

Der Betrieb ist geschlossen, die Maschinen und Werkzeuge sind geplündert, Haus und Hof einem Käufer versprochen. Zurück bleibt ein trauriger Anblick, den in nicht allzuferner Zukunft die Bagger eines Abrissunternehmens für immer aus der Büdericher Geschichte tilgen werden. An dieser Stelle wird ein moderner Wohnbau mit neuen Millionärswohnungen entstehen - mit viel Glas, Edelstahl und Holz zum Wohlfühlen. Gut- und Spitzenverdiener werden hier einen komfortablen Rückzugsort von ihrem anstrengenden Büro- oder Jet-Set-Leben finden, vollkommen ignorant gegenüber den Mühen, Glücksmomenten und Dramen, die sich unter ihren Füßen einst über Jahrzehnte abspielten. Man darf gar nicht darüber nachdenken, welche Historie an Emotionen hier für immer verloren gehen wird...

Sie haben es verdient!

Lieber Meister Reiners, niemand hat es sich nach einer Überschreitung des Renteneintrittsalters um locker 15 Jahre mehr verdient als Sie, eine Pause einzulegen und sich ein wenig auszuruhen. Niemand hat es sich mehr verdient, die Früchte eines arbeitsreichen Lebens zu genießen. Niemand hat es sich mehr verdient, die ein oder andere Reise zu unternehmen und sich mit eigenen Augen ein Bild von dem zu machen, was Sie als treuer Leser unserer Reiseberichte erzählt bekamen. Natürlich trauern wir um den komfortablen Stellplatz und die Möglichkeiten, die Sie uns über die Jahre boten. Viel mehr aber werden wir es vermissen, Sie hier anzutreffen. Auch wenn unsere Besuchsfrequenz zuletzt stark abgenommen hat, egal wo wir sind, Sie sind uns immer präsent. Denn ohne Sie wären wir mit Oschi so schnell nirgendwo hingekommen. Wir stehen für immer in Ihrer Schuld!

Obwohl ich mich zu Beginn des Projektes an Oschi halb tot gearbeitet habe, vermisse ich rückblickend doch sehr unsere angenehme, humorvolle und lehrreiche Zusammenarbeit, nicht nur in fachlicher sondern im Besonderen auch in menschlicher Hinsicht. Die gemeinsamen Schrauberabende, das Verständnis ohne viele Worte, die vielen guten Gespräche, Ihren Humor und Ihre Sicht auf die Dinge, Gott und die Welt. Ich habe von Ihnen nicht nur viel über Konstruktion und Metallbau gelernt, sondern auch über die Nöte und Sorgen kleiner Handwerksbetriebe und über die Geschichte meiner Wahlheimat. Und nicht zuletzt habe ich in Ihnen womöglich einen der letzten wunderbaren, guten, anständigen, aufrichtigen, pflichtgetreuen, disziplinierten, großzügigen, hilfsbereiten, ehrlichen und nimmermüden Menschen Ihres Schlags kennengelernt - eine Inspiration für mein ganzes Leben!

Mi und ich wünschen Ihnen, lieber Meister Reiners, dass Sie schon morgen so viel Spaß an der gewonnen Freiheit und Freizeit finden werden, dass Sie nicht einen Gedanken mehr an das halbe Jahrhundert kräftezehrender Plackerei in Ihrem Leben verwenden werden. Wir wünschen Ihnen und Ihrer Frau glückliche sonnige Tage und Abende im Campingstuhl, mit einem Bierchen in der Hand und einem saftigen Steak vom Grill auf dem Teller vor Ihnen. Wir wünschen Ihnen eine fortwährende sorgenfreie und genussvolle Zeit. Und uns wünschen wir, dass wir Ihnen immer wieder mal an dem ein oder anderen Ort auf dieser Welt zu einem gemütlichen Treffen begegnen (ein kaltes Bier steht immer im Kühlschrank und der Grill ist schnell angefeuert). Heute ist der erste Tag vom Rest unseres Lebens und die beste Zeit, liebe Reiners, beginnt jetzt!

Ihre Mi, Ihr Christian, Ihr Oschi

Kommentare: 4
  • #4

    Michael (Samstag, 29 Juni 2019 19:39)

    Schade, aber falls es doch irgendwann mal passieren sollte, dann hast Du zumindest schon mal Eines verkauft :)

  • #3

    Ingo (Samstag, 29 Juni 2019 15:02)

    Hallo Michael, das ist wunderbar geschrieben und zeigt, dass Du einen besonderen Blick auf Welt und Menschen hat. Du kennst Dankbarkeit und Respekt. Schön, in heutiger Zeit sowas zu lesen.

    Deine Seite ist für mich immer wieder Anlaufstelle für alle Fragen. Ich baue mir zur Zeit meinen Steyr 1291 um und bin damit ins kalte Wasser gesprungen. Einen Schlosser wie Euren Freund Reiner um die Ecke haben wir hier nicht. Und so wurscht'le ich mich von einem Schritt zu nächsten. Das macht alles sehr viel Spass! Einen Meister vor Ort zu haben, hätte mir sicher den ein oder anderen Tiefpunkt erspart :)

    Gruß Ingo

  • #2

    videomundum (Mittwoch, 26 Juni 2019 18:58)

    Hallo Michael, das Problem ist: Emotionen kaufen keine Brötchen. Und auch keinen Diesel. Und auch sonst nichts. In der heutigen Zeit erwarten alle alles umsonst: Lesen ja, aber Kaufen? Etwa noch Geld dafür bezahlen?? Geht's noch??? Von daher mache ich mir die Arbeit erst gar nicht, da sie niemals monetär angemessen entlohnt würde...

  • #1

    Michael (Mittwoch, 26 Juni 2019 13:34)

    Dein Schreibstil entspricht nicht dem Normalfall.
    Du solltest ein Buch über Dein Leben mit Oschi schreiben. Bücher schreibt heute zwar schon fast jeder, aber Du weckst mit Deinen sehr gewählten Worten Emotionen.

    Ich bin zwar kein Roboter, aber "Fußgängerüberwege" kenne ich nicht :)