Bauphase III: Edelstahl-Abgasanlage

Trucker kennen ihn: den prüfenden Blick auf die Auspuffgase. Qualmt der Motor oder nicht und wenn ja, in welcher Farbe? Weiß? Grau? Blau? Schwarz? Die Farbe der Abgase verrät viel über den Prozess der Kraftstoffverbrennung und damit über mögliche Motorprobleme. Beim Steyr 12M18 ist das Endrohr originalseitig so platziert, dass der Fahrer es ohne Verrenkungen im Außenspiegel sehen kann. Eine geniale Lösung, um die Abgasfahne stets im Blick zu haben. Einerseits...

Eine geniale Fehlkonstruktion

Andererseits ist das lange Endrohr auch ein Problem. So muss ich eines Tages im Außenspiegel erkennen, wie sich das Endrohr während der Fahrt stark bewegt. Ich finde einen Riss im Schalldämpfer (der Steyr hat nur einen) und zwar dort, wo das Endrohr am Schalldämpfer befestigt ist. Oberhalb des Anschlussstutzens klafft ein Ermüdungsriss im Mantelrohr. Eine Rissbildung an dieser Stelle ist wohl unvermeidlich und nur eine Frage der Zeit. Das ca. 1 Meter lange, frei schwingende Endrohr übt zu große Hebelkräfte auf den Stutzen aus. Insofern ist die originale Endrohr-Lösung ebenso genial wie fehlerhaft konstruiert.

Oschis Schalldämpfer ist durch. Zum Glück kann ich den Meister in den letzten Minuten seiner Betriebsführung überreden, uns mit einem angeschweißten Verstärkungsblech etwas Zeit bis zu einer umfassenden Reparatur zu verschaffen.

Make or Buy?

Leider ist es nicht so, dass man für ein rund 33 Jahre altes Auto eines Herstellers, der seit rund 25 Jahren nicht mehr am Markt tätig ist, überall Ersatzteile bekäme. Es gibt eigentlich nur zwei, drei Adressen für einen Original-Auspufftopf. Das Grundproblem: Der Paketdienst liefert nicht direkt bei Oschi an (wieso eigentlich nicht?). Und die Teile sind ihr Geld in meinen Augen nicht wert, wenn sie gebraucht und rostig oder neu und aus billigem Stahlblech sind.

Ich will etwas anderes, besseres, ich will Edelstahl! Auf der Suche nach Edelstahl-Auspuffanlagen für den Steyr 12M18 stoße ich auf die Firmen Mogauspuff und Excap. Beide Unternehmen haben ganz unterschiedliche Lösungen im Angebot und ich schaue mir jeweils eine davon gründlich an.

Der Mogauspuff folgt in der Bauform halbwegs dem Original, setzt vor den Schalldämpfer aber ein Flexrohr, um Spannungen zu reduzieren. Das Endrohr ragt zwischen hinterem Federpaket und Fahrzeugrahmen hervor und hängt zusätzlich an einer am Rahmen befestigten Abstützung. Die einzelnen Baugruppen sind mit Bandschellen miteinander verbunden. Das ist keine schlechte Idee, um die Auspuffanlage in Länge und Winkel flexibel am Fahrzeug anzupassen, sieht in meinen Augen aber irgendwie nach einer gehobenen Bastelarbeit aus.

Die Excap-Anlage führt die Abgase zunächst nach hinten und durch einen 180°-U-Bogen wieder nach vorn. Das Abgasrohr durchläuft dabei zweimal den Schalldämpfer, was sich lärmreduzierend auswirken dürfte. Das Endrohr ragt unter dem Batteriekasten hinter dem Vorderrad hervor. Allerdings sehe ich keine echte Notwendigkeit dafür, die Abgase wieder nach vorn zu führen, wenn sie schon hinten heraus können. Und vorne ist bei Oschi kein Platz für ein Endrohr.

Beide Aftermarket-Anlagen dürften einigen Entwicklungsaufwand hinter sich haben. Da sie an vielen 12M18 zu finden sind, gehe ich davon aus, dass sie sich bewähren. Aber was mache ich, wenn ich das Endrohr nicht wie vorgesehen am Fahrzeug unterbringe? Für die Excap-Anlage versperrt mir ein Dieseltank den Weg und für die Mogauspuff-Anlage der mit Ausrüstung bepackte Kotflügel. Wenn ich weder auf den Tank noch auf den Kotflügel verzichten will, muss ich wohl oder übel eine eigene Lösung finden.

Natürlich bin ich im Auspuffbau vollkommen unerfahren und weiß weder etwas über Schwingungen noch über Schall. Und Schweißen kann ich auch nicht. Aber Ahnungslosigkeit hinderte mich noch nie daran, ein Vorhaben zu beginnen. In gewisser Hinsicht ist Naivität doch förderlich, zumindest zu Beginn. Ich fasse also einen Plan. Mein Schalldämpfer soll möglichst originalgetreu aussehen und nur bezüglich der inneren Werte - Lärm und Strömung - optimiert werden. Ich stelle mir ein Mantelrohr um zwei verschachtelte Siebrohre vor. Das Endrohr würde wieder seitlich angeflanscht. Der Flansch soll sich am inneren Siebrohr abstützen und die Abgase ohne Umwege nach außen leiten. Den Raum zwischen Mantel und äußerem Siebrohr soll Auspuffwolle ausfüllen. Soweit der Plan.

Überraschung!

Noch während ich mir über die Beschaffung der richtigen Teile den Kopf zerbreche, reißt Oschis Mittelrohr durch. Mitten im Düsseldorfer Feierabendverkehr. Ups... Da war wohl etwas Spannung drauf. Von jetzt auf gleich macht der Steyr einen ohrenbetäubendem Lärm. Peinlicherweise muss ich Oschi noch für eine Stunde durch den Stau in der City bugsieren, was für die Menschen am Straßenrand ein unüberhörbares Spektakel ist: "Fijuiiiii" faucht der Turbo... Ich darf mich glücklich schätzen, dass Oschi die Reste der Auspuffanlage nicht auf der Straße verteilt.

Oschi braucht also auch noch ein neues Mittelrohr. Leider ist das kein gerades Rohr, was sich da um das Verteilergetriebe herumwindet. Anfang und Ende liegen sich auch nicht "in einer Flucht" gegenüber, nicht in der x-, nicht in der y- und nicht in der z-Achse. Ein Auftragsbau aus der Ferne verbietet sich somit. Das muss direkt am Auto angepasst werden. Und da stehe ich nun, mit einem Fragment von Auspuff am Motor, meinen über die Postadressen in Deutschland verstreuten Bauteilen und mit ohne Edelstahl-Schweißer.

Hier werden Sie geholfen

Aber wozu gibt es Facebook? Bei unserer Vertrauenswerkstatt in Hagen verfolgte man gespannt den Verfall von Oschis Auspuffanlage. Nico Fischer bietet spontan an, da mal einen Blick drauf zu werfen. Ich mache mich auf den Weg nach Hagen. Man weiß ja, wie so etwas endet...

Von einigen meiner Ideen muss ich mich nach Nicos Analyse vor Ort verabschieden. Oft genug ist eben auch in einem großen Auto an einer entscheidenden Stelle zu wenig Platz. Außerdem verfügt Nico über wichtige Erfahrung in der Sache. Also besorgen wir neue Teile, zersägen sie mutig und verbinden sie über Stunden und Tage mit etlichen Metern Schweißnaht wieder zu einem Mittelrohr und einem Schalldämpfer. Aus erwarteten ein bis zwei Tagen werden sieben. Individueller Auspuffbau ist nichts für zwischendurch. Aber irgendwann blicke ich voller Stolz auf meinen selbstgebauten Edelstahl-Auspuff. Schade, dass ihn unter dem Truck niemand sehen wird. Er schaut sowas von Porno aus!

Die Form der neuen Auspuffanlage hat große Ähnlichkeit mit dem Original. Der Rohrdurchmesser ist etwas größer: 89 statt 85 Millimeter. Ein 30 Zentimeter langes Flexrohr im Mittelteil gibt der Anlage Verwindungsfreiheit. Der Schalldämpfer ist zehn Zentimeter kürzer und liegt ausbalanciert in der originalen Aufhängung. Die Auspuffgummis wurden erneuert.


Im Schalldämpfer sind zwei Siebrohre ineinander verschachtelt. Eine Rohrmuffe verläuft vom inneren durch das äußere Siebrohr bis zum Mantel. In der Muffe steckt ein weiteres Rohr, auf das außen das Endrohr gesteckt wird. Alle Teile sind miteinander verschweißt. So wurde ein doppelwandiger Flansch mit Gegenlager geschaffen, der es mit den vom Endrohr eingeleiteten Kräften aufnehmen soll. Denn auch das - original fehlkonstruierte - Endrohr baute ich nach. Um das Gewicht der mit drei Kilogramm Edelstahlwolle gedämmten Anlage besser aufzufangen, erhielt der Schalldämpfer eine zusätzliche Aufhängung.

Ich mache eine Test- und Einkaufsfahrt von rund 100 Kilometern. Der Auspuff hält. Erstaunlicherweise ist der Turbo immer noch gut hörbar, was wohl an der besseren Schallübertragung von Edelstahl liegt. Außerdem scheint der Strömungwiderstand gesunken, denn der Motor baut mit geradezu spielerischer Leichtigkeit Ladedruck auf. Das sieht nach guten Voraussetzungen für die überfällige Überholung der Einspritzpumpe aus.

Die wichtigste Frage ist natürlich: Wie klingt der Auspuff? Ordentlich, sehr ordentlich! Leiser aber kerniger als das weggerostete Original. Wobei der Ruß, der sich in im Laufe der Zeit in der Auspuffwolle verfängt, den Auspuff noch leiser macht. Wie wichtig ein guter Klang ist, erfahre ich bei der unmittelbar folgenden HU vom Prüfer: "Wenn die Anlage scheiße klingt, nehme ich sie Dir nicht ab!" Wir haben Glück.

Ein altes Problem

Und hält das so? Von der Haltbarkeit von Nicos Schweißarbeiten bin ich überzeugt. Für ein abschließendes Urteil über meine Konstruktionsidee ist es aber noch zu früh. Ein Problem liegt jedoch auf der Hand: Da ich das Endrohr unbedingt analog zur originalen Fehlkonstruktion bauen wollte, dürfte früher oder später der gleiche Ermüdungsriss auftreten. Wahrscheinlich früher, denn das Endrohr vibriert bei einer bestimmten Drehzahl (etwas über Standgas) recht stark und genau solche Vibrationen mag Edelstahl überhaupt nicht.

Es kann sein, dass normales Stahlblech weniger vibriert. Auf jeden Fall kann normaler Stahl solche Vibrationen besser ab. Es kann auch sein, dass die originale Reflexionsdämpfung die Schwingungen wirksamer bekämpfte als die Edelstahl-Auspuffwolle. Das Flexrohr halte ich nicht für ein Problem. Es ist unverzichtbar, um die Spannungen aus Rahmenverwindung im Gelände und hitzebedingter Ausdehnung zu eliminieren. Auch der zusätzliche Auspuffgummi am Schalldämpfer ist nicht (mehr) Schuld, er sitzt dafür nicht stramm genug. Fakt ist, auch eine Stahlblech-Anlage hat erhebliche Mängel, denn sie rostet und reißt ab. Edelstahl hingegen rostet nicht (so stark), ist aber auch weniger schwingungstolerant.

Eine neue Lösung

Wir wussten schon beim Bau der Auspuffanlage, dass das Endrohr zusätzlich abgestützt werden muss. Nur wie genau, das wussten wir noch nicht. Der vorgesehene Haken am Endrohr ist auf jeden Fall gut genug, um dessen Gewicht zu halten. Aber möglicherweise ist er nicht gut genug, um die verbliebenen Vibrationen in Leerlaufnähe zu dämpfen. Wenn Oschi auf Pisten bewegt wird, entstehen noch mehr Schwingungen, mit denen das Endrohr den Flansch des Schalldämpfers belastet. Dagegen könnte ein Stück Flexrohr helfen, das ins Endrohr eingesetzt wird. Oder ich verzichte schweren Herzens auf das lange gebogene Endrohr zugunsten eines kurzen geraden Rohres, dass sich am Tank-Unterfahrschutz abstützt.

Wenn ich mir die vorkonfigurierten Edelstahl-Abgasanlagen so ansehe, scheinen andere Auspuffbauer vor ähnlichen Fragen gestanden zu haben. Sie lösten ihr Problem mit einer zusätzlichen Abstützung am Fahrzeugrahmen. Mit einer massiven Aufhängung will ich es ebenfalls probieren, da mir das über Wattiefe liegende Auspuffende wichtig ist. Nico schlägt dazu einen Tragarm aus Vierkantrohr vor, der mit einer Grundplatte am Federbock befestigt wird. Der Tragarm soll das Endrohr mit einem kräftigen Auspuffgummi in seinem Bewegungsdrang bremsen. Oschis früherer Haus- und Hofschlosser hätte an dieser Materialschlacht seine helle Freude gehabt. Also bauen wir es so.

Der Haken am Endrohr ist geblieben, er dient aber nur noch als Verstärkung für einen Abschnitt Vierkantrohr, den Nico am Endrohr anschweißt. Dieser ist am Tragarm per Silentblock befestigt, denn etwas Bewegung muss man der Konstruktion lassen: Solange es wackeln kann, bricht es nicht. Die gelaserte Grundplatte des Tragarms schmiegt sich um den Federbock  und liegt bündig auf einem Teil von Oschis Vierpunktlagerung auf. Das fünf Millimeter starke Edelstahlblech hält an zwei originalen Rahmenschrauben und zwei ergänzenden M8-Schrauben.

Mein eigener Auspuff ist natürlich weder günstiger geworden noch war er schneller am Auto montiert als eine der oben genannten Kauf-Lösungen. Dafür ist er exakt nach meinen Vorstellungen gebaut und ich werde mich mit diesem geradezu monströs verstärkten Nachbau des Originals auf jeden Fall auf die nächsten Pisten wagen. Ich denke, der hält. Wenn nicht... Ach, wir werden sehen.

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