Ein Königreich für etwas Ruhe!

Der Winter war hart und viel zu lang. Nicht, dass mich das usselige Wetter an die Wohnkabine gefesselt hätte, aber ich bin lieber draußen, wenn die Sonne scheint. So betete ich im Frühjahr jeden Morgen den Wetterbericht um etwas Sonne und Temperatur an. Noch Anfang Mai war es so kalt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, nur drei Wochen später unter der ersten Hitzewelle mit über 30°C zu leiden. Aber dann war es soweit: Frisches Grün überall und Sonne satt! Die Welt war aus dem Winterschlaf erwacht. Die Tage wurden wärmer und länger und die Abende auch. Endlich konnte man bis spät am Abend wieder draußen sein. Und wir standen plötzlich vor der fast unlösbaren Aufgabe, einfach mal eine ruhige Nacht zu verbringen. 

Mi meint, ich wäre ein grummeliger Menschenfeind. Das stimmt so nicht, ich mag Menschen. Wenn sie ruhig sind und nicht stinken. Wenn Sie nicht ruhig sind, mag ich sie nicht. In diesem Sommer trafen wir leider auf besonders viele lärmende Menschen. Eine direkte Folge des mobilen Lebensstils.

Irgendwo in Deutschland...

... auf einem großen, leeren Supermarkt-Parkplatz nach Ladenschluss. Wir verstecken uns in der hintersten dunklen Ecke, doch ein Kühllaster stellt sich genau hinter Oschi. Das Wummern des Kühlaggregates lässt alle losen Teile in der Kabine vibrieren.

...auf einer Campingwiese. Die Weißware-Nachbarn links feiern unter dem Vorzelt bis in die Puppen, ungeachtet der Platzruhe ab 22:00 Uhr. Die Weißware-Nachbarn rechts sind zum Ausgleich am nächsten Morgen um 06:00 Uhr wach.

...neben einer Baugrube. Um Mitternacht gesellt sich ein Personentransporter dazu, die Insassen machen es sich draußen bequem. Um 05:00 Uhr rücken die Betonmischer an.

...auf einem proppevollen Wohnmobil-Stellplatz. Um 22:30 Uhr erfindet ein Junggesellenabschied Kegeln mit leeren Bierkisten. Niemand scheint sich gestört zu fühlen. Ich bin ein Spießer. Um 23:00 Uhr bitte ich unter Verweis auf die Platzordnung - erfolgreich - um Ruhe.

...auf einem anderen Stellplatz mit nur zwei weiteren Autos. In einem davon diskutiert ein besoffener Engländer bis halb vier morgens lautstark mit seiner Frau. Gegen 03:00 Uhr zeige ich ihm - erfolglos - meine Eisenstange, but he is not impressed, Er versteht überhaupt nicht, was ich von ihm will. Seine Frau beschwichtigt.

...auf einem Park + Ride. Die Bahnstrecke ist ruhig, aber auf der Parkbank nebenan findet der allabendliche Stammtisch statt. Auch am nächsten Abend. Und am Abend darauf.

...auf einem Stellplatz in einem idyllischen Wohngebiet. Es ist  vollkommen ruhig, bis eine Horde identischer Wohnwagen-Gespanne auftaucht und stundenlang vor den Steckdosen herumrangiert. Irgendwann haben alle ihre Batterien geladen und ihren Müll in der Hecke entsorgt und die Gespanne machen sich unter lautem Fluchen und Hupen wieder aus dem Staub.

...an einem mückenverseuchten Tümpel im Nirgendwo. Kurz vor Mitternacht tauchen mehrere Autos voll partywilligem Volk auf. Platz wäre überall, doch sie parken genau neben uns. Musik, Geschrei, klirrende Flaschen bis 02:00 Uhr morgens.

...an unserem Basecamp. Nachts herrscht regelmäßig munteres Treiben. Wenn die einen gegen Mitternacht Musik und Licht ausmachen, rücken die anderen an, um bis zum nächsten Morgen Waren zu verladen. Begleitet von klagenden Volksweisen.

Die Reihe ließe sich noch lange fortsetzen. Es vergeht kaum eine laue Sommernacht, in der nicht jemand herumgrölt, oder mit dem Auto mit röhrendem Motor, lauter Musik und durchdrehenden Reifen an unserem Stellplatz vorbeifährt. Kaum eine Nacht, in der nicht ein Zug hupt, eine Sirene heult, ein Hund bellt, ein Kind greint. Es sind nicht jede Nacht dieselben Störenfriede, aber es ist jede Nacht das gleiche Spektakel. Ganz egal, ob in der Stadt oder auf dem Land. Schlaflose Nacht reiht sich an schlaflose Nacht. Es sei denn, das Wetter ist schlecht. Es ist zum verrückt werden. Aber wer mobil lebt, ist selber Schuld. Wir haben kein Recht auf eine ungestörte Nachtruhe. Nur den Wunsch danach. Körper und Geist brauchen Ruhe, der Lärm macht uns sonst krank.

Wir hatten nicht erwartet, dass der Sommer so anstrengend wird. Die größte Herausforderung ist nicht, einen Parkplatz zu finden, die Toilette zu entleeren oder Wäsche zu waschen. Nein, die größte Herausforderung in unserem Leben ist, im Sommer einen ruhigen Platz zu finden, wenigstens für die Nacht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das einmal sagen würde, aber ich freue mich auf den nächsten Winter. Oder wenigstens schlechtes Wetter. Denn dann wird die Welt wieder ein gutes Stück leiser...

🤔

Euer Christian aka Oschi

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