Mein Leben in Eurer Hand

Ich werde wohl bald sterben. Oder - sollte ich überleben - im Koma oder im Rollstuhl landen. Es zeichnet sich schon länger ab. Einige Mitmenschen, Mitverkehrsteilnehmer um genau zu sein, trachten mir nach dem Leben, zumindest aber nach der Gesundheit. So oder so bin ich verloren, und bevor die Sieger die Geschichte bestimmen, schreibe ich sie lieber selbst auf.

Meine Mörder sind nicht unaufmerksam. Sie sind nicht gedankenverloren. In einer komplexen Welt mit dynamischen Situationen sind sie nicht überfordert. Meine Mörder handeln willentlich und mit erklärter Absicht. Es sind nicht viele und sie sind nicht überall. In Wahrheit sind es nur einzelne, aber doch genug, um ihnen jede Woche zu begegnen. Jede Woche, in der ich mit dem Rad unterwegs bin. Deshalb denke ich, es ist nur noch eine Frage der Zeit. Nur noch wann, nicht mehr ob.

Auf den Straßen ist das Recht des Stärkeren Gesetz.

Ich weiß nicht, warum sie mich so sehr hassen, wenn wir uns im Straßenverkehr begegnen. Sie: am Steuer mindestens einer Tonne Blech, stark, schnell, unangreifbar. Ich: auf dem Rad, langsam, schwach, verletzlich. Früher galt als ehrenhaft, wer sich für die Schwachen verwendete. Größe zeigte, nicht Größe ausnutzte oder mit Größe prahlte. Das muss lange her sein. Auf den Straßen heute ist das Recht des Stärkeren Gesetz. Ich werde ihm zum Opfer fallen.

Ich sehe nicht, wie sich meine Mörder von hinten nähern. Ich schaue mich nicht angsterfüllt nach ihnen um. Sie verstecken sich gut unter denen, die mir folgen. Ich bringe Ihnen mein Vertrauen entgegen, meine körperliche Unversehrtheit lege ich in ihre Hände. Ich hoffe, sie mögen mich unbeschadet lassen, wenn sie an mir vorbeifahren. Aber irgendetwas treibt sie zur Raserei, zur Tobsucht, irgendetwas stachelt ihre Mordlust an.

Ich kenne sie nicht und sie kennen mich nicht. Und doch schüre ich ihren Hass. Welch' Ironie des Schicksals, wäre unter ihnen einer Fan von videomundum. Gelegentlich kann ich einen von ihnen ansprechen, doch die meisten hauen ab. Einige verfolge ich bis zur nächsten Ampel oder bis zum nächsten Stau. Doch kurz bevor ich sie erreiche, fahren sie los - in den Gegenverkehr, über Rot.

Kaltblütige Mörder sind sie, solange ihr schützender Blechpanzer sie umgibt. Zu erbärmlichen Feiglingen mutieren sie, zieht man sie zur Rechenschaft heran. Für Beulen im Blech reichen Wut und Mut, solange ich dafür mit gebrochenen Knochen, aufgerissener Haut und gequetschten Organen im Straßengraben lande. Innerlich und äußerlich blutend, vor Schmerzen schreiend, oder besser gleich stumm und tot. Aber die Angst um ihren Lack treibt sie in die Flucht, wenn sie sich ihrer Taten stellen sollen.

Ich bin sicher, sie halten sich für gute Autofahrer. Möglicherweise für die besten, sieht man einmal davon ab, was einen guten Autofahrer auszeichnet. Beispielsweise, dass andere Verkehrsteilnehmer nicht um Leib und Leben fürchten müssen, wenn sie ihnen begegnen. Oder der Verzicht auf unnötige Gefährdung. Aber sie wähnen sich trotzdem im Recht, auch wenn sie mich gefährden. Sie sind die Guten, ich bin das Böse. Aus purer Muskelkraft bewegt und mit Helm und Sonnenbrille bewehrt verkörpere ich so sehr das Unrecht, dass sie die Todesstrafe über mich verhängen. 

Die Täter sind praktisch immer Männer. Zumindest die, bei denen ich im Nachhinein das Geschlecht des Fahrzeugführers erkennen konnte. Im Nachhinein heißt, nach dem durch schieres Glück überlebten Versuch der Tötung bzw. schweren Körperverletzung. Manchmal kann ich den Fahrer nicht erkennen. Wenn es ein Transporter oder LKW ist. Aber aus der Erfahrung verwette ich meinen Arsch darauf: es sind Männer.

Früher oder später wird mich einer von ihnen auf Dauer vom Rad holen. Sie versuchen es schon lange. Seit Jahren schon donnern sie im Zentimeterabstand an mir vorbei, lassen mir keinen Raum zum Ausweichen. Nicht auf schlechten Wegen, nicht an windigen Tagen. Sie bremsen nicht an Engstellen, nicht bei Gegenverkehr, sie überholen nur wenige Meter vor einer roten Ampel. Mit ungerührter Selbstverständlichkeit nehmen sie den Platz ein, an dem ich noch bin. In Foren wüten sie, die Radfahrer nähmen ihnen den Platz weg. Dabei ist es in der Realität genau andersherum.

Fahr auf dem Radweg, Du Arschloch!

Eines Tages werden sie mich überfahren. Nicht aus Versehen, nicht weil sie abgelenkt sind, nicht weil sie mich übersehen, nein, weil sie es können und wollen. Vorsätzlich, absichtlich. Obwohl es wie ein zufälliger Unfall aussehen wird, steht ihr fester Wille dahinter. Das kann man gut am begleitenden Hupen und Brüllen erkennen. Am Gestikulieren, am Stinkefinger, an den unflätigen Beschimpfungen: Fahr auf dem Radweg, Du Arschloch! Das ist der Schlachtruf meiner Mörder, an ihm werdet Ihr sie erkennen.

Obwohl ihr Handeln planvoll  ist, werden sie vor Gericht beteuern, wie schrecklich leid es ihnen tue. Und dass es ganz gewiss keine Absicht gewesen sei. Und der Richter wird ihnen beipflichten: Man habe ja nicht ahnen können, dass ich in dem Moment... ausgerechnet... Und insgeheim weiß man ja, wie unberechenbar Radfahrer so sind. D.h. ... Moment! ... man weiß es nicht, denn wenn man es wüsste, dann hätte man ja Abstand... ? Doch sie werden frei gesprochen, und sie werden weitere Opfer finden. Deine Kinder, Deine Nächsten, Deine Lieben. Radfahrer sind doch alle gleich.

Die Gefahr ist nicht so abstrakt wie man meinen möchte. Erst vor ein paar Tagen wieder rauschte ein Volvo-SUV auf einer breiten, leeren Ausfallstraßen nur um Haaresbreite an meinem Lenker vorbei. Nur ein kleiner Dreh des Fahrers am Lenkrad hätte mir eine faire Chance ermöglicht. Doch der Fahrer, weiter vorn gestoppt und ausgestiegen, gab mir lauthals drohend zu verstehen, dass ich eine Lektion verdient hätte. Ich solle gefälligst den Radweg nebenan benutzen. Mit dem Radweg hatte er Recht, ich hatte die Auffahrt schlicht verpennt. Mein Fehler, doch einer, aus dem niemandem ein Schaden entstand. Und doch hätte ich genau dafür sterben sollen.

Die Lektion hätte mich getötet oder schwer verletzt, wäre ich in dem Moment einem Schlagloch oder Glasscherben ausgewichen. Dann haste halt Pech, meinte der Volvofahrer. Doch für Pech fehlt die Zufallskomponente; es wäre Mord, durch die vorsätzliche Gefährdung. Auch nicht Totschlag, sondern Mord aufgrund der niederen Motive. Ein harmloser Fahrfehler von mir, geahndet mit einer gezielten Tötung durch einen automobilen Wutbürger. Ein Auto ist Masse gepaart mit Geschwindigkeit, es hinterlässt einen tödlichen Eindruck.

Was du nicht willst, das man Dir tu', das füg' auch keinem anderen zu.

Es kommt schon mal vor, dass ich ein Stück Radweg nicht benutze. Manchmal ist der vermeintliche Radweg gar keiner, oder er führt mich nicht zum Ziel. Manchmal weiß ich auf einem Abschnitt von Glasscherben oder rutschigen Stellen oder anderen Gefahren, die mich zu Fall bringen können. Manchmal kenne ich mich nicht aus und brauche etwas Zeit und Raum, um den richtigen Weg zu finden. Und manchmal bin ich schlicht nicht aufmerksam genug. Aber nie, nie, nie, wirklich niemals nie nicht ist der Grund, dass ich den Autofahrern "ihre" Straße wegnehmen möchte. Niemals ist der Grund, dass ich sie ärgern und in ihrem Vorankommen hindern möchte. Denn auch ich möchte nicht in meinem Vorwärtskommen gehindert werden und weiß: Was du nicht willst, das man Dir tu', das füg' auch keinem anderen zu.

Wenn ich den Radweg nicht nehme, dann aus Versehen oder aufgrund höherer Gewalt. Doch meine Mörder interessiert das nicht. Meine Strafe bleibt dieselbe, mildernde Umstände habe ich nicht zu erwarten. Lebenslang Unfallopfer zu sein, das ist meine Verdammnis.

Ich möchte gerne weiterleben. Am liebsten gesund und munter. Der Doc gab mir beim letzten Checkup das Okay dazu. Alles sei in bester Ordnung. Aber das hilft nichts, wenn ich in mancher Leute Augen besser tot (als) auf der Straße bin.

Ich hatte noch viel vor. Ich wollte niemandem schaden, niemandens Hass auf mich ziehen. Ich wollte unterhalten und Freude stiften. Zum Träumen anregen und zum Nachdenken. Etwas erschaffen, ein wenig helfen. Ein positives Beispiel geben. Es soll vielleicht nicht sein.

Euer Christian aka Oschi

Erwartbare Reaktionen:

  • Die Straße ist kein Sportplatz.
  • Du gerierst Dich als Opfer.
  • Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.
  • Wenn Du so viel Angst hast, dann bleib doch zu Hause.
  • Die Straße gehört den Autos.
  • Radfahrer fahren wie die Irren und ignorieren grundsätzlich alle Verkehrsregeln.
Kommentare: 1
  • #1

    Andreas (Freitag, 13 September 2019 15:28)

    Hallo Christian,

    dem ist nichts hinzuzufügen.

    Gruß
    Andreas