Einmal Millionär und zurück

Ich wär so gerne Millionär, dann wär mein Konto niemals leer.

Ich wär so gerne Millionär ... millionenschwer.

 

Die Prinzen


Soeben wies ich die wohl höchste Überweisung meines Lebens an: 955.698,63 Euro. Der Empfänger: Die Volkswagen AG. Was ich mir dafür gekauft habe? Einen Jahresvorrat VW Golfs? Eineinhalb Bentleys? Einen halben Bugatti? Falsch, gaaanz falsch. Meine Freiheit und meinen Seelenfrieden habe ich mir dafür gekauft. Und das kam so:

Ein Girokonto, ein Sparbuch, ein gemeinsames Konto. Die Zahl meiner Bankverbindungen ist überschaubar. Was sich auf den Konten tut, ist es auch. Der minimalistische Lebensstil bietet keinen Grund, dass ich meine Kontobewegungen in Echtzeit verfolge. Ich weiß, was sich wo tut: Eine Handvoll Daueraufträge hier, gelegentlich etwas Umsatz da, ein paar Lastschriften dort. Üblicherweise reicht es, meinen monatlichen Kontoauszug zu kontrollieren. So war mir völlig entgangen, dass ich schon seit Wochen (Beinahe-)Millionär bin.

Millionär zu werden soll besonders leicht sein, wenn man zuvor Milliardär war. Aber das ist nicht meine Geschichte. Ich gehe die Sache eher von der Tellerwäscher-Seite an, denn bei uns bin ich für den Abwasch zuständig. So erwarte ich nicht mehr als eine rote Null, als ich zum Zwecke einer Überweisung im Online-Banking die Kontenübersicht öffne. Stattdessen: Ein sattes Plus von knapp einer Million. WTF???

Geil, schießt mir durch den Kopf, endlich im Lotto gewonnen! Und gleich darauf: Moment, ich spiele ja gar nicht Lotto? "Mi, komm doch mal rüber und schau Dir das an." Aus Angst, das Geld könnte ebenso überraschend verschwinden wie es gekommen ist, wage ich nicht, den Blick vom Kontostand abzuwenden. Mi schaut auf den Bildschirm. "Was ist das?", frage ich. "Das? Das ist eine Million", stellt Mi trocken fest. Gut, ich halluziniere nicht.

Ich will wissen, woher die Moneten kommen und wechsle in die Buchungsübersicht. Ich muss ein paar Wochen zurückscrollen, um die Gutschrift zu finden. Da! Die Volkswagen AG ist für den überraschenden Geldregen verantwortlich. Cool, denke ich, und: Herzlichen Dank für die gute Zusammenarbeit! Ich weiß zwar nicht, worin diese bestanden haben soll, aber die werden sich schon etwas dabei gedacht haben.

"Warum überweist Dir Volkswagen eine Million Euro?", reißt Mi mich aus meinen Träumen. "Ist doch egal", sage ich, "lass uns die Koffer packen und verschwinden." Tatsächlich kann ich mich keiner Leistung für VW entsinnen und nach einer unverhofften Spende für videomundum sieht der angegebene Verwendungszweck nicht aus. Also handelt es sich vermutlich um eine Fehlüberweisung. Tja, shit happens - des einen Leid, des anderen Freud.

Lass uns die Koffer packen und verschwinden!

Mal überlegen: Das Lager auflösen, beim Einwohnermeldeamt abmelden, Fährticket nach Südamerika buchen - Wie lange wird es dauern, bis uns jemand auf die Schliche kommt? Vermutlich nicht lange und der Countdown läuft schon einige Zeit. Selbst wenn wir es umgehend außer Landes schafften, rechtmäßige Eigentümer der Moneten würden wir dadurch nicht. Eine internationale Strafverfolgung durch Interpol oder eine Privatdetektei wäre uns sicher. Und sobald sie uns kriegen, nehmen sie das Geld und vielleicht noch etwas Schadenersatz dazu und wir sind pleite. Dann könnte ich Mi den Zaster besser jetzt gleich überweisen und dafür direkt in den Knast gehen. Mit Privatinsolvenz wären wir vielleicht in ein paar Jahren ganz regulär Millionär? Aber als Eheleute ohne Gütertrennung ist mir das alles zu unsicher und ich will mich auch nicht im Bau beim Duschen nach der Seife bücken müssen.

Drei Wochen steht das Geld schon auf meinem Konto. Komisch, dass VW sich noch nicht gemeldet hat. Wie gehen die mit Geld um? Irgendjemand wird doch auf den Schotter warten und irgendwann bei VW nachhaken. Spätestens dann sollte die Sache Fahrt aufgenommen haben. Aber wer weiß schon, was da alles schief läuft. Wer weiß, vielleicht sind wir ja nicht die einzigen Beschenkten? Und wer weiß, ob da nicht noch mehr kommt?

Also was machen wir mit der Million? Wir beginnen eine ausgiebige Recherche im Internet: Zurücküberweisen ist mangels IBAN-Angabe auf dem Kontoauszug nicht möglich. Mi schlägt vor, dass ich mich auf die Suche nach dem Besitzer mache. Ich meine, wenn ich herumfrage, wem die Million auf meinem Konto gehört, kann ich mich vor rechtmäßigen Besitzern nicht mehr retten. Es gibt eigentlich nur ein Indiz, mit dem sich der legitime Besitzer ausweisen kann, und das ist das Wissen über das Datum und die Höhe der Zahlung und den Verwendungszweck.

Als Kind lernte ich, von fremdem Eigentum die Finger zu lassen. Deshalb möchte ich das Geld, solange es mir nicht gehört, am liebsten gar nicht anfassen. Jedenfalls nicht, solange der Eigentümer sich nicht zweifelsfrei ausweist. Nachher schickt mir irgendwann Deutschlands renommierteste Anwaltskanzlei im Auftrag der Volkswagen AG ein Schreiben mit der Aufforderung, die Million zu überweisen. Dann sage ich, dass ich das verbummelte Geld schon überwiesen habe. Dann sagt Deutschlands renommierteste Anwaltskanzlei, schön und gut, aber die Volkswagen AG möchte jetzt ihre Million zurück. Dann stehe ich da, ruiniert bis an mein Ende und muss mir noch einen Anwalt leisten. Nene Du, da erscheint mir Nichtstun und Klappehalten als bessere Alternative. Was ich außerdem herausfinde: In drei Jahren und dem Rest von 2019 wäre die Forderung verjährt. Ich finde, man muss dem Schicksal nicht unbedingt ins Handwerk pfuschen.

Was tun mit einer Million Euro?

Die Million bleibt also erst einmal, wo sie ist, und langsam gewöhnen wir uns an sie. Irgendwie beruhigend, einen Batzen Knete auf dem Konto zu haben. Jetzt bin ich kein Assi mehr, der im Auto lebt - jetzt bin ich Exzentriker! Ich bin merklich entspannter und wir machen viele Millionärsspäße. Ich grille mein Millionärswurst, trinke mein Millionärsbier und auf dem Thron erledige ich meine Millionärsgeschäfte. Nebenbei beginnen wir uns zu fragen, was wir mit dem Geld machen würden, wenn sich VW tatsächlich nicht meldet.

Was würden wir uns kaufen? Hausrat jedenfalls nicht. Klamotten, Mobiliar, Sport- und Elektrogeräte haben wir aus unserem Ex-Hausstand noch in ausreichender Menge eingelagert. Für mehr ist weder dort Platz noch in Oschi. Apropos Oschi - gibt es da vielleicht Raum für Anschaffungen? Nüchtern betrachtet nicht. Die Ausrüstung ist vollständig, Motor, Getriebe und Verteilergetriebe sind überholt, Reifen und Auspuff neu. Ein bisschen was kann ich zwar immer optimieren, aber dafür brauche ich mehr Zeit als Geld. Wir könnten natürlich einen ganz neuen Oschi kaufen oder bauen lassen aber irgendwie erschiene mir das verschwenderisch. Der tut doch noch.

Wie wäre es mit Statussymbolen? Handy hab ich, Notebook hab ich (okay, das nervt), Kamera hab ich. Mehr als eine Sache davon kann ich sowieso nicht nutzen. Goldkettchen? Armbanduhr? Längst verhökert. Ich mag so etwas nicht am Körper tragen. Mir bereitet schon der Gedanke, den Ehering zum Besuch der Schwiegereltern anzustecken, schlaflose Nächte. Sonstige Sachwerte? Trotz aller Mühe fällt weder Mi noch mir ein materieller Wunsch ein, den wir uns unbedingt erfüllen müssten. Wir leben gut, wir essen gut, wir trinken gut. Vielleicht würden wir noch mehr Bio-Lebensmittel kaufen, aber eine Million bekämen nicht einmal wir damit verfrühstückt. Gar nicht so einfach, eine Million auszugeben.

Für irgendetwas muss sich so viel Kies doch verwenden lassen ... Reisen! Wie wäre es mit der ganz großen niemals endenden Weltreise? Tja, um ehrlich zu sein, haben wir darauf überhaupt keine Lust. Ich will nicht die ganze Welt bereisen, da sind jede Menge Orte und Menschen dabei, die ich im Leben nicht sehen will. Ich will mich auch nicht über Jahre in fremden fernen Landen aufhalten und mit Freunden und Familie nur noch per Facebook und WhatsApp kommunizieren. Ich bin mit der gelegentlichen Auszeit vollkommen zufrieden und kehre gerne in die Heimat zurück. Noch ist nicht alles schlecht in Deutschland.

Außerdem ist eine Weltreise kein Urlaub, sondern eine logistische Herausforderung, die bewältigt werden will. Zur Belohnung gibt es tolle Eindrücke und Erfahrungen, aber auch die Erkenntnis, dass es zuhause am schönsten ist. Für unsere bescheidenen Reisewünsche haben wir in der Vergangenheit ein kleines Polster angespart. Zugegeben: Durch den Reparaturbedarf der jüngeren Vergangenheit ist es stark geschwunden. Ein paar zehntausend Euro Auffrischung würden nicht schaden. Auf der anderen Seite sind wir aber noch ein paar Jahre "safe" was Reisekosten angeht, solange wir nur alle paar Jahre auf Tour gehen.

Als Verwendung für die Million bliebe also nur noch, die Asche zu spenden, der Arbeitswelt Adieu zu sagen und das Leben zu genießen. Aber das Leben genießen wir schon nach Kräften, seitdem wir im Auto leben. Wer weiß, ober der Genuss nicht geschmälert würde, wenn man die Schattenseiten der Arbeitswelt nicht mehr hätte. Und Arbeit ist - zumindest für uns - nicht nur Strafe, sondern im Erfolgsfall auch Belohnung. Nein, ich glaube, wir würden nicht nutzlos in der Gegend herumlungern, wir würden uns auch als Millionäre Aufgaben für ein erfülltes Leben suchen.

Ich denke, wir würden die Knete tatsächlich auf dem Konto lassen, vielleicht hier und da in der Not aushelfen und ansonsten unser Millionärsdasein ohne große Veränderung genießen. Und letzteres tun wir für eine weitere Woche. Dann finde ich eine bemerkenswerte E-Mail in meinem Postfach.

Weil man fremde E-Mails und Briefe nicht einfach so veröffentlichen darf, habe ich den Absender sicherheitshalber anonymisiert. Den Text gebe ich hier nur sinngemäß und auszugsweise wieder. Aber so viel darf ich verraten: Jemand mit VW-Signatur kennt Datum und Höhe der Überweisung. Aber "Hallo Herr Meurer"? Was ist das denn? Sind wir Freunde, Best Buddies, VW und ich? Schieben wir häufiger mal eine Million hin und her? Der Verwendungszweck ist nicht angegeben und die Signatur hat einen kleinen Formatierungsfehler. Nirgendwo in der E-Mail ist eine IBAN zu finden, an die ich überweisen soll. Ein in geschäftlicher Korrespondenz üblicher Vertraulichkeitshinweis fehlt.

Reicht mir das in Zeiten gut gemachter Phishing-Emails als Legitimation, um eine Million, die mir nicht gehört, irgendwohin zu überweisen? Nö, reicht mir nicht. Das ist mir zu unprofessionell. Im übrigen steht in der letzten Zeile der Signatur, dass von den Angaben nicht auf den Rechtscharakter der E-Mail geschlossen werden kann. Abgesehen davon frage ich mich, woher der Absender meine E-Mail-Adresse hat und wieso ich bei ihm scheinbar als Lieferant in einer Datenbank geführt werde. An VW habe ich nie etwas geliefert.

Ich bin versucht, zum Hörer zu greifen, aber warum soll ich zu meinen Lasten in Ordnung bringen, was VW verbockt? Ich schreibe eine gesalzene Email zurück. Zur Sicherheit spiele ich die Pressekarte. Ob ich den Kies auf dem Konto habe oder nicht, gebe ich nicht an. Warum sollte ich gegenüber einem unbekannten Absender meine Kontobewegungen offenlegen? Die Forderung will ich per Post auf VW-Briefpapier sehen. Ausführlich begründet. Mit Angaben zur unabhängigen Prüfung der Legitimation. Und mit nachprüfbarer Bankverbindung. So locker sitzen mir die Millionen nicht, dass ich auf Zuruf - mehr ist eine Email nun einmal nicht - mit fremdem Geld hantiere. Und außerdem: Wie gedachte die Volkswagen AG eigentlich, mich für den Korrekturaufwand ihres Fehlers und eventuelle Negativzinsen meiner Hausbank zu entschädigen?

Ich erwarte, ob meiner Dreistigkeit umgehend Post oder einen Anruf zu erhalten, aber nichts davon tritt ein. Stattdessen passiert weitere Wochen gar nichts. In Summe sind wir fast sieben Wochen Beinahe-Millionär, bis das erwartete Schreiben endlich bei unserer Postadresse eintrifft. Auch hier habe ich den Absender sicherheitshalber anonymisiert und gebe den Text nur sinngemäß und auszugsweise wieder. 

Sieh an, diesmal kein "Hallo Herr Meurer...". Diesmal nimmt man die Sache wohl ernster. Das Schreiben hat mehrere Seiten und mit den angegebenen Informationen kann ich die Legitimation in der gebotenen Gründlichkeit prüfen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Rücküberweisung einigen Aufwand verursachte. Unter anderem musste ich aufgrund der Größenordnung des Überweisungsbetrages persönlich in einer Filiale vorstellig werden. Für die investierte Zeit schreibe ich natürlich eine Rechnung. Was meint Ihr: Wäre eine Aufwandsentschädigung in Höhe eines Candlelight-Dinners im besten Hotel Singapurs - Flug und eine Woche Vollpension für zwei Personen inklusive - angemessen? Wahrscheinlich nicht und wer weiß, ob VW meine Rechnung überhaupt bezahlt. Vielleicht springt wenigstens das Geld für eine Kerze und zwei Fertigpizzas heraus. Es verhandelt sich halt schlecht, wenn die Alternative der Knast ist.

Jetzt bin ich nicht mehr Millionär, jetzt ist mein Konto wieder läääär,

Jetzt bin ich nicht mehr Millionär, nicht mehr Millionär...

 

- videomundum


Wie gewonnen, so zeronnen, besagt ein Sprichwort. Die Flocken sind weg, geblieben ist eine wertvolle Einsicht: Wir würden an unserem Leben kaum etwas ändern, wenn wir einen Haufen Kohle auf dem Konto hätten. Viel mehr als etwas Sonnenschein, einen ruhigen Platz, den Grill und zwei bequeme Campingstühle brauchen wir nicht, um glücklich zu sein. Vielleicht wäre uns als Millionäre dauerhaft jede finanzielle Sorge genommen, vielleicht müssten wir aber auch dauerhaft Sorge vor Neid, Gier und Missgunst unserer Mitmenschen haben.

Die erste Million ist die schwerste.

Ich trauere der Million nicht nach. Ich bekam vom Leben eine tolle Erfahrung geschenkt. Und eine geile Story. Wobei ich die Story auch nur deshalb erzählen kann, weil ich das Geld nicht behalten durfte. Ist klar, ne? Anderenfalls wäre darüber natürlich nie ein Wort an die Öffentlichkeit gedrungen. Und zu guter Letzt erinnere ich mich an ein weiteres Sprichwort: Die erste Million soll die schwerste sein. Diese Hürde wäre ja jetzt genommen. Schau´n wir mal, was noch kommt...

;-)

Euer Christian aka Oschi

PS: Es gibt eine Reihe von Gerichtsurteilen, die sich mit erlaubter und unerlaubter Veröffentlichung von Briefen und E-Mails Dritter beschäftigt. Regelmäßig werden dabei Persönlichkeitsrechte, Urheberrecht, öffentliches Interesse, Geheimhaltungsinteresse und eine eventuelle Prangerwirkung juristisch gewürdigt. Obwohl mir als Pressevertreter das ein oder andere Sonderrecht zusteht, habe ich beim Zitieren aus der Korrespondenz sicherheitshalber alle Stellen, die einen Rückschluss auf den Absender zuließen, anonymisiert. Bezüglich der Veröffentlichung meiner Kontobewegungen hat die Volkswagen AG allerdings kein Mitspracherecht.

Kommentare: 1
  • #1

    Michael (Montag, 09 September 2019 20:48)

    Schade,dass Du wahrscheinlich keinen Zinssatz für Haben bei Deiner Bank hast, wie es ihn in den 1980er Jahren gab. Da hättest Du noch richtig was verdient dabei. :)