Ein Wüstenschiff im bayerischen Winter

Einen deutschen Winter in unserem Reisemobil zu verbringen, war keine ganz freiwillige aber eine durchaus interessante Erfahrung. Jetzt ist der Frühling da (oder zumindest war er kurz da) und astronomisch, meteorologisch und kalendarisch sind wir aus dem Gröbsten raus. Die kälteste Zeit des Jahres ist vorbei und wir haben sie überlebt!

Unseren Reise-Truck bauten wir für Langzeitreisen in klimatisch mildere Regionen, nicht für den Alltag im bayerischen Winter. Deshalb waren die kalten Monate der ultimative Test für Oschis Wintertauglichkeit (und nebenbei auch für unsere eigene Leidensfähigkeit). Dieser Artikel liefert einige Zahlen und Fakten dazu,  wie schlimm es war und wie Oschi sich schlug.

Die Lage in Bayern

Bayern kann man, allen kulturellen Eigenheiten zum Trotz, als zivilisiert bezeichnen. Es gibt nur wenig sich selbst überlassenen Raum und damit auch nur eingeschränkte Möglichkeiten, frei zu stehen ohne Aufsehen zu erregen. Bemüht darum, keinen Anstoß zu erregen, greifen wir hier überwiegend auf ausgewiesene Park- und Stellplätze zurück. Die Bayern zeigen sich uns gegenüber entspannt und freundlich interessiert. Vermutlich stellen wir hier eine willkommene Abwechselung dar. Mal ganz ehrlich: Die Kulturlandschaft Hallbergmoos ist im Winter sterbenslangweilig. Das sehen selbst die Einheimischen so! Aber mit jedem frischen Grün, dass nun im Frühling sprießt und jedem Sonnenstrahl, der den Boden küsst, wird es besser und besser.

 

Raumklima

Wir hatten den ganzen Winter lang weder ein Feuchtigkeitsproblem noch Schimmel oder Muff in der Kabine. Gefroren haben wir auch nicht.

Die Tagestemperatur am Bedienteil der Alde-Heizung war zwischen 6:30h und 22:00h auf 22,5°C eingestellt und die Heizung lief permanent durch. Bedienteil und Thermostat befinden sich auf halber Raumhöhe. Die Regelung weist eine gewisse Hysterese auf (meist zwischen 22°C und 24°C, bei Sonneneinfall, Kochen und Backen bis 26°C und mehr). Die Raumtemperatur war so angenehm, dass leichte Bekleidung trotz dauerhafter Querlüftung durch gegenüberliegend gekippte Fenster ausreichte. Die Fußbodenheizung erwies sich wieder einmal als echter Wohlfühl-Luxus, insbesondere seit wir den doppelten Holzboden gegen Aluminiumplatten getauscht haben. Nichts ist schöner, als mit nackten Füßen auf dem warmen Boden zu stehen.

Nachts wurde die Temperatur meist nur um ein bis zwei Grad abgesenkt. Wir würden auch ohne Heizung gut - wenn nicht sogar besser - schlafen. Aber der energieeffiziente Betrieb der Heizung und die Vermeidung von Kondenswasser erfordern das Durchheizen. Eine stärkere Nachtabsenkung oder sogar Nachtabschaltung bedarf einer intensiveren Lüftung, um das Kondensieren der Atemluft an den auskühlenden Innenwänden zu vermeiden. Nach dem nächtlichen Auskühlen würde das erneute Aufheizen der Kabine aber mehr Gas benötigen als das Durchheizen bei Querlüftung.

Um die höhere Luftfeuchtigkeit im Winter zu regulieren, nutzten wir einen chemisch wirkenden Luftentfeuchter. Darin dehydriert ein Salzpaket die Raumluft. Das Salz verbraucht sich und muss erneuert werden: 1kg Salz im Nachfüllpack reichte einen Monat lang. Den Luftentfeuchter stellten wir in den Warmluftstrom der Luftumwälzung im Bad. In 24h sammelte die Auffangschale etwa 50ml Kondenswasser.

Gas

Unser Gasverbrauch lag in der Spitze bei knapp drei Liter bzw. 1,8kg pro Tag für Heizen, Kochen, Backen und Warmwassererzeugung.

Oschis innenliegender (und damit beheizter) Gastank fasst nominell 100 Liter. Aus Sicherheitsgründen können Gastanks nur zu 80% gefüllt werden. Aufgrund einer leicht fehlerhaften Schwimmerstellung erreicht unser Tank leider nur 75%. Das entspricht 0,75 x 100 [l] x 0,6 [kg/l]= 45kg LPG. Damit waren wir mindestens 25 Tage (~3 1/2 Wochen) autark.

Der gegenüber unserer Islandreise weit höhere Gasverbrauch hat viele Ursachen. Zum einen hatte der isländische Sommer auch im kalten Hochland viele milde Tage. Zum anderen war die Konvektion in der "leeren" Kabine mit offenen Möbelfronten und freistehendem Heizgerät (rein provisorischer Innenausbau) höher und damit auch die Energieausbeute. Außerdem war seinerzeit mangels funktionsfähigem Bad der Warmwasserverbrauch deutlich geringer.

Der Energieverbrauch ließe sich reduzieren, würden wir weniger "zum Fenster hinaus" heizen. Doch bei nur knapp 10qm Grundfläche ist das Raumluftvolumen gering und mit zwei Personen schnell verbraucht. Eine Fußbodenheizung trägt - anders als ein Holzofen oder eine Luftheizung mit Kaltluftzufuhr - weder zur Lufttrockung noch zum Luftaustausch bei. Deshalb lüften wir permanent. Das und die sechs (mit Schrägen: acht) im Wind stehenden Außenwände machen aus Oschis Kabine kein Energiesparwunder.

Wasser

Wir haben zwei getrennte Wasserversorgungen an Bord, die so gut aufeinander abgestimmt sind, dass beide nur alle 14 Tage aufgefüllt werden müssen. Den Brauchwasservorrat von 260 l nutzen wir zum Duschen und Spülen, den Trinkwasservorrat von 60 l zum Zähneputzen und Kochen. Zur Trinkwasserbevorratung in einem Tank kann man geteilter Meinung sein, da sich Mineralwasser in verschlossenen sterilen PET-Flaschen natürlich länger hält. Unser Trinkwassertank bietet jedoch einen größeren Alltagskomfort und eine bessere Raumausnutzung als Flaschenhaltung. PET-Flaschen mit Kohlensäure bunkern wir zusätzlich (2-3 Sixpacks mit Flaschen à 1,5 l).

Da die Wasserversorgung ganzjährig genutzt wird, ist das System dauerhaft feucht. Wasser ist Leben, und um Bakterien-/Algenwachstum zu verhindern, müssen wir entweder schweres Geschütz auffahren (bspw. UV-Lampe mit Umwälzpumpe, wofür Oschi zu klein ist, oder massiver Silberionen-Einsatz) oder damit leben, alle halbe Jahre mit Kukident durchzuspülen und bei Bedarf die Leitungen zu tauschen. Besonders im heißen Hochsommer kommen wir um eine regelmäßige Tankreinigung nicht herum, wenn wir nicht massiv mit Mittelchen nachhelfen.

Oschis zweistufige Brauchwasser-Filteranlage ist inzwischen durchgängig mit Gardena-(Wasserstopp-)Verbindern ausgestattet. Die Schnellkupplungen sind sehr hilfreich, um die Filteranlage flexibel einzusetzen. Ich kann die Leitungen einfach umstecken und sowohl beim Befüllen als auch bei der Entnahme filtern. Beim Befüllen mit hohem Wasserdruck ist Vorsicht (Druckminderer?) geboten, damit die Gehäuse (druckfest bis 5bar) nicht gesprengt werden. Übrigens: Trotz meiner immer noch vorherrschenden Skepsis ist das Stecksystem dicht.

Wasser kann nachverkeimen und sollte deshalb möglichst unmittelbar vor dem Verbrauch gefiltert werden. Die Keramikfilter setzten sich bei uns so schnell zu, dass ich einen Aktivkohlefilter als Vorfilter verwende. Besser wären zwei parallele Aktivkohlefilter, weil die Reinigungswirkung von Aktivkohle Zeit und/oder viel Oberfläche braucht, aber der Platz ist dafür nicht vorhanden. Per Y-Verteiler geht es vom Aktivkohlefilter auf zwei Keramikfilter. Der Durchfluss ist absolut akzeptabel. Die Filter werden per Stichtag halbjährlich ersetzt.

Abwasser

Schwierigkeiten waren beim Abwassertank und bei den Siphonen von Dusche und Toilette zu befürchten, die sich außerhalb der Kabine befinden. Um den Abwassertank vor Frost zu schützen, blieb der Schieber bei Frostgefahr offen und entleerte in einen untergestellten Eimer. Die Siphone aus Flexschlauch überstanden den Frost schadlos. Wenn es länger unter Null Grad ging, begradigte ich die Bögen oder setzte erfolgreich darauf, dass die Siphone im Nutzfall schnell genug auftauten.

Lebensmittel

Unverderbliche Lebensmittel beschränken unsere Autarkie nicht wirklich, es ist mehr der Verbrauch an Frischwaren, der uns zu Nachschub zwingt. Wir können einen 55l-Waeco-Kühlschrank mit Eisfach und eine 50l-Engel-Kühlbox (Kühlen oder Gefrieren) nutzen. Wie weit wir damit kommen, fanden wir noch nicht heraus. Die Versorgungslage war bisher einfach immer zu gut. Ich vermute, dass wir uns maximal für 14 Tage aus der Reserve versorgen könnten. Ich muss allerdings zugeben, dass uns die Vorliebe für gutes und frisches Essen eher alle 3-4 Tage in den nächsten Lebensmittelmarkt führt. Reisen und Einschränkung beim Essen, das passt für uns einfach nicht zusammen.

Strom

Die nominale Batteriekapazität im Aufbau betrug zunächst 300Ah. Über die langen Winternächte verloren wir vor allem durch Kühlschrank und Kühltruhe rund 40Ah. Heizung (vor allem die Umwälzpumpe der Fußbodenheizung), Zwangsentlüftung und Luftumwälzung, Wasserpumpen und Licht verbrauchen etwa weitere 5 Ah. Tagsüber hängen außerdem bis zu zwei Notebooks am Strom.

Strom war im Winter der große Engpass. Ein überwiegend bewölkter Winterhimmel bis hin zu Schnee und Eis auf den Solarzellen waren ursächlich für einen lächerlich geringen Solarstromertrag unserer 600Wp-Photovoltaik. Selbst eine Verdoppelung der Module auf 1.200 W hätte uns nicht gerettet, denn zwei Mal nichts ist immer noch nichts. Unter ungünsten Solarstrom-Bedingungen lief in 24h ein Minus von rund 75 Ah auf. Wir sahen uns dann gezwungen, nach spätestens 48h (entspricht ca. 50% nominaler Entladung) eine Steckdose anzusteuern.

Die Yellow Top Spiralzellen-AGM-Batterien können bis zu 80% entladen werden, was uns etwa drei Tage autark machte. Aus Vorsichtsgründen vermeiden wir eine so tiefe Entladung. Da Batterien im Laufe des Alterungsprozesses an Kapazität verlieren, ist die Restspannung von größerer Bedeutung als die vom Batteriecomputer ausgewiesene Zahl der entnommenen Ah. Vollgeladen beträgt die Restspannung unserer Yellow Tops 13,1V (neu: 13,18V). Als Entladen wird die Yellow Top bei 11,27V angesehen. Tiefer als 12,2V (50%) wollen wir ohne Not jedoch nicht gehen.

Zusätzlich zu Solarstrom können wir während der Fahrt über die Lichtmaschine Strom erzeugen. Die originale 35Ah-Lichtmaschine des Steyrs war jedoch zu schwach für unseren B2B-Lader. Bei zu kurzer Fahrt entlud der B2B die Starterbatterien zugunsten der Aufbaubatterien. Im Alltag war eine 4-6stündige Fahrt nötig, um sowohl Starter- als auch Aufbaubatterien nach einer zweitägigen Entladung wieder voll zu laden. Daher ersetzten wir die originale durch eine stärkere Lichtmaschine mit 55Ah.

Als Konsequenz aus der begrenzten Autarkie stockten wir im Januar die Batteriekapazität um 25% (d.h. um eine weitere Optima Yellow Top 75Ah) auf. Dafür reichte der Platz im Batteriefach gerade noch aus. So konnten wir die Batteriereserve in der Praxis auf 72 Stunden steigern, ohne unsere selbst gewählte Restspannung zu unterschreiten. Da wir ein 12V-System haben und die Batterien parallel angeschlossen sind, hat die Ergänzung unserer vier gebrauchten Batterien um eine neue keine wesentliche nachteilige Auswirkung. Eine nachteilige gegenseitige Beeinflussung von Stromaufnahme oder Stromabgabe ist nur in einer Reihenschaltung (24V-System) zu erwarten. Im 12V-Parallelbetrieb gleichen sich die Spannungen selbständig an und aus und jede Batterie leistet, was sie kann.

Die Photovoltaik-Module konfigurierten wir von 4x 12V auf 2x 24V um, weil wir nun auch einen "smarten" MPPT-Solar-Laderegler verwenden. Damit messen wir bei schlechtem Lichteinfall einen Mehrertrag von bis zu 60%. Das Mehr an Solarstrom ergibt sich daraus, dass die Ausgangsspannung im 24V-System bei schlechtem Licht erst wesentlich später auf ein unzureichendes Ladespannungsniveau einbricht, als in der Ausgangssituation mit 12V. Zudem ist die MPPT-Technik in der Lage, den Spannungsüberschuss der Solarmodule in Ladestrom umzuwandeln, während dieser Überschuss bei PWM-Reglern verloren geht.

Kraftstoff

Der letzte die Autarkie bestimmende Parameter ist der Dieselverbrauch, der im Winter durch die Kaltstarts höher ausfällt als im Sommer. Alle paar Tage sind wir zwischen 25 und 50 km in Bewegung. Oschis Verbrauch ist aufgrund des Kurzstreckenverkehrs gegenüber dem außergewöhnlich niedrigen Verbrauch im Spätsommer 2018 wieder auf 20-21l je 100 km angestiegen.

Da wir im hiesigen Winter Landstrom zukaufen mussten, drängte sich der Einbau einer elektrischen Motorvorwärmung auf, um den Kaltstartverbrauch und -verschleiß zu reduzieren. Prinzipiell dürfte die Motorvorwärmung per Strom gegenüber Diesel nachteilig sein. In unserem Fall hatten wir jedoch meist noch Landstrom "übrig", wenn wir den Stellplatz wechselten und diesen könnten wir gut für eine elektrische Motorvorwärmung nutzen. Die Einzelteile sind beschafft, der Einbau ist allerdings noch nicht abgeschlossen.

Vorgesehen ist ein DEFA-Heizgerät (Zusatzausstattung von Steyr) in Kombination mit einer Haustechnik-Umwälzpumpe. Die Pumpe wählte ich als 230V-Gerät aus dem Heizungsbau... und warum auch nicht? Da die Vorwärmung ohnehin 230V benötigt liegt es nahe, Pumpe und Heizgerät in einem Stromkreis mit nur einem Stecker zusammenzufassen. Zur Aktivierung der Vorwärmung will ich dann einfach die Landstromeinspeisung umstecken. Das Kühlwasser sollte nach einer halben Stunde ca. 40°C warm sein. Zum Überwintern in Steckdosennähe halte ich diese Lösung für ideal. Kaltstarts ohne Fremdstromeinspeisung sind damit natürlich nicht möglich (Oschis Batteriekapazität und Spannungswandler sind dafür zu schwach ausgelegt). Allerdings ist dafür bisher auch kein regelmäßiger Bedarf vorhanden.

Bewertung

Glücklicherweise bauten wir Oschi nicht nur für kurze sommerliche Urlaubsvergnügen, sondern gleich langzeitreisetauglich für verschiedene klimatische Bedingungen. Dadurch war das Überwintern technisch gut möglich.

Der Winter brachte trotzdem die Erkenntnis, dass in Deutschland im Wohnmobil zu überwintern kacke ist. Das nasskalte Winterwetter lässt freudebringende Outdoor-Aktivitäten kaum zu. Unser mobiler Wohnsitz befreite uns zudem nicht vom Arbeitsalltag in der Zivilisation. Beschränkt auf gut angebundene Stellplätze mit Steckdose war nicht viel mit Freiheit und Unabhängigkeit. Unter diesen Bedingungen fand das erwünschte mobile Leben eher selten statt.  


Das Sommerhalbjahr wird anders, auch wenn wir an die Region gebunden bleiben. Im Sommer heißt es: See ansteuern, Grill raus, Stühle raus, Füße hoch. Zack - glücklich! Das mag etwas "dünn" klingen als Einsatz für ein Expeditionsmobil, aber es kommt darauf an, was man daraus macht. "Woanders ist auch scheiße", kommt mir da als Spruch in den Sinn, wenn man nicht zufrieden sein kann mit dem, was man hat, und: "Freiheit beginnt im Kopf."


Wiederholen wollen wir das Experiment "Überwintern in Deutschland" nach Möglichkeit nicht mehr. Das ist natürlich einfacher geschrieben als umgesetzt, allerdings ist es grundsätzlich möglich. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Euer Christian aka Oschi

Kommentare: 1
  • #1

    Frank (Montag, 03 Juni 2019 20:35)

    Hi!
    Die Praxiserfahrungen sind echt hilfreich. Ich schreiben fleißig mit, sauge auf und lass es in meine Planung einfließen.
    Herzlichen Dank dafür! Weiterhin viel Freude und Spaß!
    Schöne Grüße,
    Frank