Aus dem Leben eines Sportfotografen

Meine Begeisterung für Sportfotografie enteckte ich rein zufällig als ich an einem Motocross-Event vorbeikam und mir dachte: probierste mal, schad' ja nix. Wider Erwarten gelangen mir einige Aufnahmen, die sofort die Sucht nach Mehr auslösten. Dieses Mehr finde ich immer wieder im Straßenradsport. Ich bin selber liebend gerne mit dem Rad unterwegs und interessiere mich für den Radprofi-Zirkus wie andere sich für König Fußball interessieren. Nirgendwo sonst komme ich den Berufssportlern als Fotograf so einfach so nahe wie im Straßenradsport. Und nirgendwo sonst trage ich mit dieser Nähe gleichzeitig auch große Verantwortung für die Sicherheit der Fahrer. 

Straßenradsport findet auf öffentlichen Straßen statt und als Zuschauer und Fotograf ist man an der Strecke oft nicht weiter als eine Armeslänge vom Geschehen entfernt. Als Fotograf mit professionellem Anspruch und einiger Erfahrung auf dem Rad schätze ich Kurvenlinie und Geschwindigkeiten der Profis so ein, dass ich nicht im Weg stehe und auch nicht mit einem langen Teleobjektiv im Aktionsbereich der Fahrer herumfuchtele. Das Rennen und die Sicherheit der Akteure (und meine eigene) sind mir immer wichtiger als das Bild.

Berufsfotografen erkennt man bei Radrennen in der Regel an der Anzahl umgehängter Kameras und am Akkreditierungshalsband. Diese Kriterien erfülle ich trotz routinemäßiger Akkreditierung nur selten. Um beweglicher zu sein, habe ich nur eine Kamera am Mann. Und das Halsband für den Start-/Ziel-Bereich hole ich mir nicht ab, wenn ich dafür hunderte Kilometer Autofahrt in Kauf nehmen muss und ohnehin nur an der Strecke fotografieren will. So sieht man mir meine Akkreditierung zwar nicht an, aber von Nachteil war das noch nie. Nun ja, irgendwann ist immer das erste Mal...

Es ist Frühjahr und die Klassiker-Saison in Belgien ist in vollem Gange. Heute findet vor einem Millionenpublikum die Flandern-Rundfahrt statt. Für das Rennen gewährte mir der Veranstalter Flanders Classics eine Akkreditierung, die allerdings den aus Sicherheitsgründen abgesperrten Zielbereich in Oudenaarde ausnahm. Für mich war das völlig in Ordnung, denn Zielfotos finde ich ohnehin nicht so spannend wie atmosphärische Bilder von den Anstiegen. Also sparte ich mir die Fahrt ins Pressezentrum nach Antwerpen und verzichtete auf die Insignien der Akkreditierung. Als Fotospot habe ich mir den berühmten Anstieg Muur-Kapelmuur ausgesucht, gute 70km vor dem Ziel.

Hier sitze ich nun seit gut einer Stunde zu Füßen des Publikums. Die Position in der Außenkurve ist super, wenn auch unbequem: Der Platz zwischen Randstein und Absperrgitter ist nur bierdeckelgroß. Als einer der ersten Fotografen vor Ort konnte ich mir den Platz frei aussuchen. Mit der Zeit trudeln immer mehr Fotografen ein. Mittlerweile quetschen wir uns schon etwa zu zehnt vor und unter die Absperrung. Es gibt kein Murren, kein Hauen und kein Stechen, die freudige Erwartung auf tolle Motive eint uns alle. Kurz vor den Fahrern kommt noch die Horde der mitreisenden Moto-Fotografen an. Etwa acht martialisch behelmte Fotografen suchen und finden noch einen Platz links oder rechts neben mir/uns. Alle sind rechtzeitig in Position. Naja, fast alle...

Einer ist natürlich immer der letzte, einer schafft es nie rechtzeitig. Es ist die Nummer "2". Der Kollege schaut sich nun hilfesuchend nach einem Platz um und sein Blick fällt auf mich. Das folgende Gespräch habe ich sinngemäß aus dem Englischen übersetzt.

Kollege "2": "Du hast keine Fotografen-Weste, Du musst gehen. Wenn Du hier fotografieren willst, brauchst Du eine Fotografen-Weste."

Das klingt zwar überzeugend, ist aber Unsinn. Was Pressefotografen wann und wo brauchen, das steht in den Technical Guidelines des Veranstalters und das Reglement kenne ich.

Ich: "Ich habe eine Akkreditierung und ich bleibe hier sitzen. Such Dir einen anderen Platz."

Kollege "2": "Zeig mir Deine Akkreditierung."

Nicht, dass es ihn wirklich etwas anginge, aber gutwillig wie ich bin, zeige ich ihm meine Akkreditierung auf dem Handy und auch noch meinen Presseausweis (den er abfotografiert).

Kollege "2": "Das ist nur auf dem Handy, das gilt nicht. Du brauchst eine Fotografen-Weste. Wieso hast Du keine Fotografen-Weste?" 

Ich: "Ich habe keine Fotografenweste-Weste, weil ich keine Fotografen-Weste brauche." (Weil ich nicht in den 70km entfernten Zielbereich darf, aber das ist eine längere Geschichte und die binde ich Dir jetzt nicht auf die Nase.)

Kollege "2": "Du brauchst eine Fotografen-Weste. Ich habe eine Fotografen-Weste." (Nein, ich brauche keine Weste, aber probieren kann man es ja mal.)

Ich: "Deine Fotografen-Weste ist mir egal." (Aber sowas von.)

Kollege "2": "Dann setze ich mich eben vor Dich." (Ach? D.h. auf die Straße und damit den Fahrern in den Weg?)

Ich: "Du wirst ganz sicher nicht vor mir sitzen." (Weil vor mir die Straße ist und Du dort den Fahrern im Weg sitzt und damit das Rennen gefährdest.)

Kollege "2": "Du kannst Bilder machen, aber ich sitze vor Dir."

Ich: "Du wirst vor mir sitzend kein einziges Bild machen." (Erstens, weil Du mit dem 600er Tele das falsche Objektiv auf der Kamera hast, und zweitens, weil Dich die Fahrer dort über den Haufen fahren werden.)

Kollege "2": "Willst Du mich anmachen?"

Ich: "Du machst doch mich an?"

Kollege "2": "Willst Du mich anmachen?"

Ich: "Du könntest auch höflich fragen, ob Du Dich neben mich setzen darfst."

Kollege "2": "Ich frage doch. Wenn Du mich anmachst, rufe ich die Polizei." (Polizisten sind hier überall präsent.

Ich: "Dann ruf doch die Polizei." (Und Deine Mama vielleicht gleich dazu ... Heulsuse.)

Kollege "2": "Ich hole jetzt die Polizei!"

Ich: "JA DANN GEH UND HOL DIE POLIZEI!" (Himmel...)

Er springt auf und läuft davon. Mir fällt auf, dass ihm in dem gut wahrnehmbaren Wortgefecht nicht einer seiner Kollegen zur Seite gesprungen ist. Interessant... 

Kollege "2" kommt mit zwei Polizisten wieder. Er zeigt auf mich und fordert die Polizisten auf, mich abzuführen. Einer der Polizisten streift mich nur mit kurzem Blick und erklärt Kollege "2" gewitzt, dass er sich entweder brav irgendwo in die Reihe setzt, oder ALLE Fotografen sofort die Kurve räumen. Es wird schlagartig still als gute 20 wütende Augenpaare Kollege "2" Blicke zuwerfen, die töten könnten. Kollege "2" hält es urplötzlich für angeraten, die Sache nicht weiter zu verfolgen. Schweigend sortiert er sich neben mir in die Reihe ein.

Die Fahrer kommen, wir Fotografen machen unsere Bilder und nach 20-30 Sekunden sind die Fahrer hier vorbei. Das Ziel werden sie erst in etwa zwei Stunden erreichen. Die Moto-Fotografen laufen zu ihren Chauffeuren, das Publikum verlässt die Muur. Ich sitze noch auf meinem Platz, scrolle durch die Aufnahmen und freue mich über einige gelungene Bilder.

Was lerne ich daraus? Als Fotograf kommt ein gutes Bild nicht einfach so zu Dir. Manchmal musst Du Dir Dein Bild erkämpfen, notfalls mit Beharrlichkeit. Etwas Durchsetzungsvermögen kann dabei nicht schaden. Man sollte sich nie von aufgeblasenen Wichtigtuern einschüchtern lassen, die zwar zu spät kommen aber trotzdem den besten Platz beanspruchen. Selbst dann nicht, wenn sie lospoltern und Drohungen ausstoßen. Es kann gut sein, dass der aufgeplusterte Kollege nur heiße Luft produziert. Und möglicherweise lachen sich seine Kollegen klammheimlich ins Fäustchen, wenn er an jemanden gerät, der sich nicht von ihm beeindrucken lässt. Im übrigen hätte ich mich für Kollege "2" auf meinem Bierdeckel gerne noch etwas kleiner gemacht, wenn er denn höflich gefragt hätte. Aber wie man in den Wald hinein ruft...

😇

Euer Christian aka Oschi

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