100 Tage, 100 Orte

Ich bin ein Herumtreiber geworden, ein Landstreicher - einer, der durch die Lande streicht. Und was soll ich sagen, ich finde das gut so!  Mi übrigens auch.

Frei und (einigermaßen) ungebunden bewege ich mich durch die Lande, etwa zur Hälfte mit dem Steyr und zur Hälfte auf dem Rad. Die Kombination von Auto und Rad passt perfekt zusammen. Der Steyr bringt uns sicher und komfortabel auf dem besten Weg von Ort zu Ort und mit dem Rad erkunde ich, was vom Fahrersitz aus verborgen bleibt. Im Sattel meines Rades sehe ich Straßen, Wiesen, Wälder, Häuser, Höfe. Orte werden zu Erinnerungen. Schlaglöcher, die ich umkurve. Anstiege, die ich mich hinaufquäle. Abfahrten, die ich hinunterfliege. Kurven, die mir ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern. Licht und Schatten, Sonne und Regen. Und Wind (immer von vorn). Cafés, Eisdielen (aber ja doch!) und Menschen am Straßenrand. Ich lerne dieses Land besser kennen als je zuvor. Manchmal denke ich, in ein paar Jahren kenne ich Deutschland vielleicht besser als jeder andere.

Nicht nur Land, auch Leute lerne ich kennen. Mit Oschi mehr als mit dem Rad. Auf dem Rad ist Kommunikation selten. Sie beschränkt sich auf Dankeszeichen an Autofahrer, die mich - mein Leben und meine körperliche Unversehrtheit - respektiert und verschont haben. Aber mit Oschi ziehen Mi und ich Menschen magisch an. Das Interesse der Leute ist groß und entsprechend oft kommen wir ins Gespräch. Es ist erstaunlich, wie vieler Leute Traum wir in Oschi realisiert haben. Die Gespräche sind immer positiv und tun mir gut. Süßer Lohn für jahrelange Plackerei. Allerdings, Besuch kommt oft auch unverhofft. Deshalb Notiz an mich: Früh aufstehen, auf Besuch vorbereitet sein und das vom Frühstück vollgekleckerte Shirt schnellstmöglich wechseln...

Oschi ist unser Paradies geworden und jeder einzelne Tag im Auto fühlt sich wie Urlaub an. In 100 Tagen hat sich dieses Gefühl nicht verloren. Es ist da, jeden Abend, wenn wir uns ins Bett kuscheln. Es ist da, jeden Morgen, wenn uns (d.h. mich, denn eine muss ihn ja aufsetzen) der Duft von frisch aufgebrühtem Espresso wieder aus dem Bett lockt. Es ist da, jedes Mal, wenn wir nach Hause kommen und die Tür hinter uns schließen. Unser Paradies ist grün und hat Räder und egal wo wir sind, wir sind immer zu Hause. Nur die Aussicht aus den Fenstern wechselt beständig. Nicht einen Tag sehnten wir uns nach einer festen Behausung zurück. Der Umzug ins Auto war eine unserer besten Entscheidungen.

Seit 100 Tagen sind wir in Deutschland - und für knapp eine Stunde in Österreich - unterwegs. Das macht 4.500km zwischen Nord und Süd, Ost und West, je nach beruflichen und privaten Terminen. Die Termine verhindern, dass das Zeitgefühl verloren geht. Aber das räumliche Erinnerungsvermögen ist dahin. Wo ich vor drei Tagen war? Oder vor einer Woche? Keinen blassen Schimmer. Obwohl - klar! - ich war in Oschi. Aber wo war Oschi? ... Ich kann von Glück sagen, wenn ich weiß, wo wir gerade sind. Diese Erfahrung bindet uns emotional um so mehr an unser mobiles Zuhause.

Das größte Thema: Einen geeigneten Stellplatz finden. Nicht ganz einfach in diesem zivilisierten und dicht besiedelten Land. Was wir brauchen: schnelles Internet und eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Was wir wollen: frei und unbehelligt stehen, umgeben von intakter Natur, mit toller Aussicht, ohne Straßenlärm, allein und ohne kostenpflichtige Infrastruktur (wozu sind wir sonst autark?). Nicht, dass ich nicht bereit wäre, im Bedarfsfall für etwas Infrastruktur (Strom, Wasser, Abwasser) zu bezahlen. Aber die Hotspots sind oft laut, voll und ungemütlich. Google Earth ist mein Freund und oft eine bessere Hilfe als einschlägige Camper-Apps. Ebenfalls hilfreich: die Kombination aus Auto und Rad. Auf meinen Radtouren finde ich für Oschi die besten Plätze. Unsere anfangs weiße Landkarte füllt sich mit den Koordinaten möglicher Stellplätze und die Lücken werden rasch weniger.

Oft genug nehmen wir uns zum Übernachten ein Gastrecht heraus, um das wir niemanden bitten können - weil niemand da ist, den wir bitten könnten. Dabei ist anzunehmen, dass jedes Stück Grund in diesem Land jemandem gehört. Wir haben es uns daher - sozusagen als Entschädigung - zu Eigen gemacht, unseren Stellplatz ein Stück weit sauberer zu hinterlassen als wir ihn vorfinden. Etwas wild entsorgter Müll findet sich (leider) immer. Wir sammeln ihn auf und nehmen ihn bis zur nächsten Mülltonne mit. Das kostet uns nichts (außer etwas gutem Willen) und ist ein positives Signal nach außen.

Schön wäre es, wenn es so schön bliebe. Leider droht uns der Winter und das auch noch in Bayern. Das  wird sportlich, soll es dort doch noch echten Schnee und Temperaturen unter Null Grad geben. Solche Naturkatastrophen kennt der (Wahl-)Düsseldorfer nur aus der Skihalle. Winter in Düsseldorf ist, wenn's draußen nass und dreckig ist. Ist's nur dreckig, ist Sommer... Was denn? Ich mag Düsseldorf wegen der Mentalität der Rheinländer, nicht wegen des Wetters und auch nicht wegen der Landschaft!

Prinzipiell ist Oschi winterfest - ein "Sommer" in Island war sehr überzeugend. Trotzdem sehe ich noch Optimierungspotential und einige Verbesserungen sind bereits umgesetzt. Gegen den Mangel an Solarstrom, wenn eine meterdicke Schneedecke auf dem Auto liegt, kann man außer Landstromeinspeisung aber wohl wenig machen. Mein Neid gebührt deshalb all denen, die sich rechtzeitig vor dem ersten Frost in den warmen Süden in Sicherheit bringen konnten. Darin sehen wir auch unsere Berufung: kein Winter mehr in Deutschland! Wir arbeiten daran, aber das braucht noch. Bis es soweit ist, werden wir trotzdem jeden Tag und jede Nacht in Oschi genießen, egal ob im Rheinland oder in Oberbayern, egal ob Sommer oder Winter, egal ob warm oder kalt.

Und falls Ihr Oschi irgendwo stehen seht, dann denkt vor dem Anklopfen bitte daran: Ich könnte noch schlafen oder im vollgekleckerten T-Shirt unrasiert zu Tisch sitzen und nicht mit Besuch rechnen...

;-)

Euer Christian aka Oschi



Kommentare: 1
  • #1

    Carsten (Sonntag, 11 November 2018 03:25)

    Schöner Artikel, prima, dass Ihr Spaß am für Euch neuen, mobilen Lifestyle habt! Die Herausforderung, von mobiler Basis aus zu arbeiten, scheint Euch ja gut zu gelingen. Aus eigener Erfahrung ( http://rollingoffice.blogspot.com/ ) weiß ich, dass das nicht stets einfach ist; Ihr macht da mit kleinem Mobil eine ganze Menge möglich.
    Die Freude ist bei uns, auch nach aktuell mehr als 700 Tagen nach dem Verkauf unseres Wohnhauses und dem Leben im Allrad-Expeditions-Wohnmobil, ungebrochen. Unser hoher Auslandsanteil, aktuell in Australien, mag zum Vergnügen beitragen.
    Ich wünsche Euch einen auskömmlichen Winter in der Heimat, drücke Euch die Daumen für künftige Winter in warmen Gefilden.