Die ersten 30 Tage

Die Nachricht, dass wir jetzt Vollzeit, quasi ohne Netz und doppelten Boden, im Auto leben, spricht sich herum. Ich staune, von wie vielen Seiten Mi und ich darauf angesprochen werden. Ich staune noch mehr, wie offen und positiv dieser ungewöhnliche Schritt allseits aufgenommen wird. Selbst die alteingesessene Nachbarschaft rund um unseren Schrauber-Stammplatz (zu dem wir immer wieder für ein paar Tage zurückkehren) äußerst sich ermutigend. Ja wo bleiben denn die Leute, die mich für asozial halten, weil ich jetzt im Auto lebe? Ich dachte, wir wären wild und rebellisch, stattdessen finden wir  Zuspruch selbst bei stockkonservativen Gruppen. 

Naturgemäß interessiert viele Menschen, was uns zu diesem Leben brachte, wie wir unseren Alltag managen und wo der Haken an der Sache ist. Auf die meistgestellten Fragen habe ich die untenstehenden Antworten gefunden. Der ein oder andere Leser wird sie bestätigen können. Der ein oder andere wird mir vielleicht auch widersprechen wollen. Wie auch immer Ihr dazu steht, teilt mir Eure Gedanken gerne in den Kommentaren mit. Ich freue mich darüber.

Warum seid Ihr ins Auto gezogen?

Weil sowohl Herz als auch Verstand einstimmig dafür waren. Seit wir für unsere Marokko-Reise aus dem Paradies auszogen, fanden wir keine Wohnung mehr, in der wir uns wohl fühlten. Unser früheres Leben ist nicht mehr. Wir sind - so pathetisch das klingt - entwurzelt. Mi war schon nach Afrika so weit, ich brauchte etwas länger für die Einsicht: Die Wohnkabine ist der einzige Ort, an dem wir noch zuhause sind. Und schaut man ganz nüchtern auf das Geld, dann ist Oschi mietfreies Wohneigentum. Das sollten wir rationalerweise nutzen, solange es der Truck hergibt. Denn dadurch sparen wir eine Menge Miete.
Sowohl Mi als auch ich arbeiten dauerhaft heute hier und morgen da, deutschlandweit und gelegentlich auch grenzüberschreitend. Unser fester Wohnsitz zwang uns dazu, nach jeder beruflichen Reise wieder nach Hause zurückzukehren. Irgendwann drängte sich die Erkenntnis auf, wie unsinnig diese Pendelei ist. Sie kostet nur Geld und wertvolle Lebenszeit. Reisen wir stattdessen mit Oschi von Einsatzort zu Einsatzort, können wir eine Fernbeziehung zum Großteil verhindern. Die Wege verkürzen sich und wir gewinnen Zeit. Vor allem haben wir viel Spaß in und mit unserem Truck.

Ist das nicht viel zu eng für Euch beide?

Eine entlarvende Frage - viele der Fragenden benötigen offenbar eine gewisse räumliche Distanz zu ihrem Partner. Nach einigem Grübeln bin ich auf die folgende Erklärung gekommen: Wenn man sich unwohl fühlt in seiner Haut oder mit den Dingen oder Menschen, die einen umgeben, dann geht man auf Distanz. Man sucht dann einen Ort für sich allein. Fühlt man sich aber wohl und geborgen in seiner Umgebung und seinem Umfeld, dann sucht man eher Nähe. Das kann die Kissen-und-Decken-Höhle im Kinderzimmer sein, das Schmusekissen auf dem Sofa oder der Partner.

Im Alltag gehen wir beide getrennten Beschäftigungen nach und freuen uns auf die gemeinsame Zeit miteinander. Wir haben die Wohnkabine immer als sicheren Rückzugsort empfunden und nie als "Gefängnis". Nicht in Island, nicht in Marokko, nicht jetzt. Die knapp zehn Quadratmeter reichen uns völlig aus. Ich meine, an wie vielen Orten kann ich denn gleichzeitig sein und Platz in Beschlag nehmen? Was bringen mir zwei, drei oder vier weitere Zimmer, wenn ich zu jeder Zeit nur in einem sein kann? Der ganze "überschüssige" Raum will nur beheizt und geputzt und mit Dingen gefüllt werden, um die ich mich irgendwie kümmern muss (und sei es auch nur mit der Finanzierung / Beschaffung). 

Abgesehen davon findet das Leben draußen statt, und die Welt da draußen ist groß genug.

Wohnt Ihr jetzt auf einem Campingplatz?

Nein, zur Zeit nicht. Wozu auch? Das wäre wieder wie ein fester Wohnsitz mit seinen logistischen Nachteilen. Im Winter allerdings, wenn die Möglichkeiten rar werden, uns mit Strom und Wasser zu versorgen, dürfte Wintercamping durchaus attraktiv werden. Aber solange die Sonne scheint und das Wasser fließt, erscheint mir jeder Tag auf einem Campingplatz wie ein verlorener Tag.

Dürft Ihr denn überall stehen?

Das dürfen wir natürlich nicht, das wollen wir auch nicht und - unter uns - das interessiert mich auch nicht. In Städten will ich schon mal generell nicht stehen, denn Städte empfinde ich als laut, dreckig und voller dubioser Gestalten, die nichts Gutes im Sinn haben. Leider lassen sich berufliche Aufenthalte in der Stadt nicht vermeiden. Wir versuchen es dann bei "kurz rein und wieder raus" zu belassen. Generell parken wir dort, wo es toleriert oder nicht gesehen wird und es keine Gefahr für uns und andere darstellt. Für einen Besuch bei Freunden habe ich Oschi mangels Ortskenntnis auch schon ins hinterletzte Wohngebiet gezwängt. Auch wenn die Anwohner sich über die Abwechslung mehr freuten als ärgerten, war das eine Ausnahme, die wir tunlichst vermeiden wollen.

Und wo fahrt Ihr jetzt hin?

Diese Frage ist kaum zu beantworten. Ich kann es nicht sagen - nicht weil ich nicht will, sondern weil ich es nicht weiß. Ich weiß heute noch nicht, wo ich morgen sein werde. Das ergibt sich aus den Projekten, die wir verfolgen, und den Terminen, die wir vereinbaren. Wir wollen Oschi nicht aus Lust und Tollerei spazieren fahren, denn mit 30 Euro auf 100 km muss man schon kalkulieren. Haben wir einen Standort gefunden, bleiben wir nach Möglichkeit stehen, bis sich die Notwendigkeit ergibt weiterzuziehen.
So schwer die Frage zu beantworten ist, so hartnäckig wird sie gestellt. Nicht jeder kann oder will sich mit meiner vagen Antwort zufriedengeben. Manch einer bohrt immer weiter nach und wird dabei fast wütend. Es scheint Menschen zu geben, die mich zwanghaft verorten müssen. Auch wenn es für einzelne Personen schwer fassbar ist, das mobile Leben macht mich in der Wahl meines Aufenthaltsortes frei und diesen Luxus weiß ich zu nutzen.

Wie macht Ihr das, wenn Ihr an verschiedenen Orten arbeiten müsst?

Es ist leider der Regelfall, dass wir getrennte Einsatzorte haben. Aber es gibt Hotels, Pensionen, Projektwohnungen, Züge, Flüge und Mietwagen. Die Logistik im mobilen Leben ist zwar aufwendiger, aber auch spannender. Sie bringt Abwechslung, Abenteuer und neue Erfahrungen. Das macht uns Spaß und irgendwie haben wir bisher immer zusammengefunden.

Ist das Leben im Wohnmobil nicht mit mehr Aufwand verbunden?

Ja, allerdings. Strom und Wasser kommen nicht unbegrenzt aus der Leitung, die Toilette und das Abwasser wollen fachgerecht entsorgt werden und als Sportler brauche ich alle paar Tage Waschmaschine und Trockner. Die Ver- und Entsorgung nimmt Zeit in Anspruch und das manchmal nicht wenig. Aber je mehr wir unterwegs sind, umso mehr lernen wir die Infrastruktur kennen und umso besser können wir planen. Die Zeit im Waschsalon kann ich bspw. sinnvoll zum Bloggen und für Social-Media-Aktivitäten nutzen. Oder einfach mal ganz ohne Selbstoptimierung für eine ausgedehnte Kaffeepause.

Wie geht das mit Hemd, Bluse und (Hosen-)Anzug?

Zugegebenermaßen mehr schlecht als recht. Der Platz im Kleiderschrank (Mi: Wir haben einen Kleiderschrank??? Ich: Als rhetorisches Stilmittel!) ist knapp und Bügeln im Auto ist nicht drin. Teilweise hilft hier hochwertige bügelfreie Kleidung, teilweise lässt sich Kleidung in der Reinigung oder im Hotelzimmer zwischenparken. Teilweise geht es auch einfach nicht. Feine Business-Kleidung ist sicher ein Problem, aber keines, welches das neue Lebensmodell komplett in Frage stellt.

Und wie bekommt Ihr Post?

Das ist eine bedauerliche Lücke in unserer digitalisierten Welt. Behörden und Ärzte sind da noch ziemlich rückständig. Tatsächlich sind wir irgendwo gemeldet und bekommen irgendwohin auch unsere Post. Um die kümmert sich netterweise eine Gruppe von Menschen, die nicht so mobil lebt wie wir. Ohne die ginge es tatsächlich nicht. Ich hoffe, dass die Digitalisierung weitere Fortschritte macht, um unabhängiger zu werden. Wo doch immer und überall mehr Flexibilität von Bürgern und Arbeitskräften gefordert wird... An uns liegt es sicher nicht, wir sind inzwischen so flexibel, wie es nur geht.

Gibt es nicht etwas, das Ihr bereut?

Frag mich in ein paar Monaten nochmal danach. Die ersten 30 (eigentlich 31, aber ich habe mich vertippt und den Artikel schon geteilt und das alles zu ändern ist mir zu aufwendig) Tage gingen ruckzuck vorbei und waren durchweg positiv. Nach bisheriger Erfahrung war der Schritt, ins Auto zu ziehen, eine der besten Entscheidungen unseres Lebens. Wir kommen in der Gegend herum und sind doch zuhause, grillen jeden zweiten Tag und haben einen Monat Miete gespart. Wir produzieren unseren Strom selbst und sparen Wasser und Müll ein, wo es nur geht. Unser Lebensmodell ist trotz des LKW-Dieselmotors verblüffend ressourcenschonend. Wir können das an den laufenden Nebenkosten ablesen. Das gibt uns wirklich ein gutes Gefühl. Ob das alles auf Dauer so bleibt, ist nach einem Monat natürlich noch nicht abzusehen. Vielleicht gebe ich dazu nach 100 Tagen ein Update.



Kommentare: 2
  • #2

    videomundum (Donnerstag, 13 September 2018 14:37)

    Jau, der Winter in D macht mir Sorgen. Aber das nächste Ziel ist ja klar, ne, kein Winter mehr in D ;-)

  • #1

    Oliver ColeTrikle) (Mittwoch, 12 September 2018 12:53)

    Freut mich, dass Iht für Euch die richtige Entscheidung getroffen habt und bestaune Eurem Mut. Ich hoffe Ihr übersteht auch die langen, nassen Wintermonate. LG Oliver