"Sei kein Arsch!"

"Sei kein Arsch!" - Diesen schönen Vorsatz habe ich gerade erst gelesen. Ich hätte ihn gern für mich in Anspruch genommen, doch schon kurze Zeit später stelle ich fest: Das ist gar nicht so einfach. Denn während ich durchs Leben wandle und mit der Welt um mich herum interagiere, weckt mein Handeln bei anderen Menschen Erwartungen. Und wie das mit den Erwartungen der anderen manchmal so ist, vielleicht wollte ich sie gar nicht wecken, vielleicht kann (oder will) ich sie gar nicht erfüllen.
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, mag man jetzt einwerfen, oder auch: Wenn ich wollte, könnte ich die Erwartungen doch erfüllen. Ja, klar könnte ich ... zu meinen Lasten! Ich bin aber nicht auf der Welt, um die Erwartungen anderer Leute zu erfüllen - jedenfalls nicht zu meinen Lasten. Deswegen bin ich stets bemüht, weder Erwartungen zu wecken noch umgekehrt meine Erwartungen anderen Menschen überzustülpen. Doch manchmal verselbständigen sich Dinge. Manchmal eilen Menschen in ihrem Denken und Tun voraus und lassen sich nicht mehr einfangen. Wenn Kommunikation schief läuft, entstehen Missverständnisse. Fakten werden geschaffen. Plötzlich ist eine Abmachung in der Welt, der ich nicht zugestimmt habe, die ich - zugegeben - auch nicht verneint habe. Dann sind plötzlich Erwartungen da, die ich nur noch enttäuschen kann. Aus "gut gemeint" wird "schlecht gelaufen". Ärger ist vorprogrammiert, weil man zu lange schwieg oder aneinander vorbei redete und die Dinge immer weiter abdrifteten.
Druck baut sich auf und muss sich früher oder später entladen. Man kann es förmlich riechen, dass Streit in der Luft liegt. Es kommt, was kommen muss: "The shit hits the fan" (sagt der Engländer). Erwartungen prallen aufeinander, erfüllen sich nicht, Unverständnis folgt. "Du hast doch...!" "Aber ich wollte doch gar nicht...!" Unzufriedenheit macht sich breit und Zorn übernimmt das Steuer. Das muss nicht schlimm sein, man kann Streit aushalten. Ein Streit kann eine verfahrene Situation bereinigen, wie ein Gewitter im Sommer die mit Hitze und Staub aufgeladene Luft reinigt. Man kann gemeinsam gestärkt aus einem Streit hervorgehen. Man kann es natürlich auch verkacken. Ob es gelingt, in einem Streit zueinander zu finden, hängt von beiden Seiten ab. Jeder Mensch tickt anders, der eine zieht sich gekränkt zurück, der andere muss erst einmal Dampf ablassen. Eine gemeinsame Sprache zu finden hilft Wunder. Aber Streiten ohne böse Worte will gelernt sein. 

"Streiten ohne böse Worte will gelernt sein"

Ich kann nicht gut mit schwelenden Konflikten, das nagt an mir. Ich spreche mich gerne aus und versuche, entgleiste Situation zu begradigen. Doch so eine Aussprache unterliegt gewissen Regeln, den Regeln der wertschätzenden Kommunikation. Ganz klar: Wer sich in Ton und Wortwahl vergreift, spricht sich nicht aus, sondern führt den Streit nur fort. Ich meine: Wo keine Wertschätzung, da keine Kommunikation. Wo mir kein Respekt entgegengebracht wird, entziehe ich mich der Kommunikation. Wer meint, mir die Leviten lesen zu müssen, der schläft vielleicht besser noch eine Nacht darüber und kühlt dabei noch etwas ab.

Irren ist menschlich und im Regelfall sind Irrtümer nicht bös' gemeint. Dieses Grundverständnis sollte man sich im zwischenmenschlichen Miteinander entgegenbringen. Denn um einen Streit beizulegen, müssen die Parteien Verantwortung übernehmen, die Verkettung der Umstände aufarbeiten, die eigene Rolle anerkennen und gegebenenfalls eine (Mit-)Schuld eingestehen. Am leichtesten fällt das, wenn man sich kennt und eine Vertrauensbasis erhalten oder herstellen möchte. Kennt man sich hingegen nicht oder kaum (vielleicht nur über Internet oder Telefon), dann fehlt in der Regel eine belastbare Basis. Dann ist man schnell "entfreundet" und zurück bleibt verbrannte Erde. Nicht jeder Konflikt löst sich am Ende in Wohlgefallen auf.

Ich bin in meinem Leben schon über ein paar Quadratmeter verbrannte Erde gewandelt. Das ist nicht schön und müsste wegen mir auch nicht sein. Doch wo sich die Gegenseite gegen Verantwortung sträubt, die eigene Rolle nicht anerkennen und die Umstände nicht aufarbeiten will, da ist eine faire Streitbeilegung nicht möglich. In solchen Situationen fehlt das Wohlwollen, das "dem-anderen-wohl-wollen". Wer dem anderen aber nicht wohl will, der will dem anderen wohl übel. Wer wollte es da verdenken, wenn eine Einigung ausbleibt. Man muss auch nicht mit jedem, man kann es ja nicht jedem recht machen.

Guter Vorsatz hin, guter Vorsatz her - es bleibt im Leben nicht aus, dass man für den ein oder anderen am Ende eben doch ein "Arsch" ist.

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Euer Christian aka Oschi



Kommentare: 3
  • #3

    videomundum (Donnerstag, 12 Juli 2018 12:22)

    Hi Jan, herrlich! Ein weiterer Grund für mich, die englische Sprache so zu lieben: kreativ, immer treffend, nie umständlich :-) LG Christian

  • #2

    Jan Wood (Donnerstag, 12 Juli 2018 11:52)

    Hey Christian, gerade gelesen und für gut befunden. Dabei viel mir etwas aus dem Englischen ein. Erwarten/annehmen lautet in englisch assume. Das Wort läßt sich passend zu seiner Bedeutung in drei Teile zerlegen. Ass U Me.. Assume, You make an ASS out of U and ME.

    Viele Grüße Jan

  • #1

    Micha (Donnerstag, 12 Juli 2018 08:57)

    Klasse geschrieben!!!!!!!!
    Eigentlich nicht schwer, aber eben nur eigentlich ist es doch ein gewaltiger Unterschied was man sagen möchte und das was der Gegenüber hört (oder eben auch hören möchte). Das ist oft nicht Deckungsgleich
    Mein Kredo: Kommunikation ist alles! Offen, ehrlich aber eben immer im richtigen Ton. Denn wer "schreit hat keine Argumente mehr und sucht unbewusst nach Hilfe"