Ich lenke, also bin ich

Es gab eine Zeit, da hielt ich Reisen für reine Geldverschwendung. Was hätte ich nach einer Reise denn in der Hand? "Erinnerungen, Erlebnisse, Erfahrungen", wurde mir gesagt. Toll, und was greifbares? "..." Aha. Das schien mir doch ein schlechter Tausch zu sein gegen die schwer verdiente Knete. Ich dachte mehr an Hifi-Bausteine oder Bücher oder Spoiler und Sportsitze für mein Auto. Ich dachte an Dinge, die mir erhalten blieben, auch wenn der Urlaub längst vorbei wäre.
Ich reiste trotzdem. Als kleiner Steppke in den Ferien vom Bodensee in den Ruhrpott, von Zuhause zu den Großeltern. Als großer Steppke auch, die ganze Gymnasialzeit lang. Mit der Bahn, per Anhalter, mit dem ersten Auto. Später begleitete ich meine Oma, inzwischen Witwe, nach Paris und nach Marokko. Das war nett, aber nicht weltbewegend. Ich hatte andere Prioritäten, andere Sorgen. Mein Umfeld war da schon weiter. Die Freunde waren mobil(er), hatten erst Mofas, dann Motorräder und später Autos (die fuhren). Spanien, Prag, Comer See, Türkei - die Freunde reisten, waren nur einmal jung. Und ich? Mir fehlte grundsätzlich das Geld dafür. Andere Prioritäten und falsche Entscheidungen.
Im Studium flog ich nach Lanzarote und Djerba, das Geld mühsam zusammengekratzt, während der Kontostand zum Diplom hin in unbekannte Tiefen abrutschte. War es das wert? Hm, ... . Während drei Jahren Promotion (nicht abgeschlossen) ging es nach Brüssel und Kiew (dienstlich) und nach Österreich (privat). Alles Murks, alles mehr aus Pflichtgefühl denn aus eigenem Antrieb. Meine Ausflüge vor Ort auf eigene Faust waren ok, aber nicht weltbewegend. Immer noch nicht. Da war noch kein Gefühl von Freiheit, von Zufriedenheit, von eins mit mir und der Welt. Das war in meinen Augen Geldverschwendung. Teuer und doch noch nicht zufriedenstellend exklusiv. Ich war schon über 30 und Reisen war immer noch ein notwendiges Übel. Ich war ein komischer Vogel.

Der Gedankenumschwung kam im Frühjahr 2005. Ein halbes Jahr zuvor hatte ich verletzungsbedingt das Laufen aufgeben müssen und war zum Rennradfahren gewechselt. Nun hatte ich mich zu einem Trainingslager in Italien überreden lassen und das brachte den Umschwung. Zum ersten Mal bekam ich eine Ahnung von dem, was Reisen sein könnte. Sonne, Natur und Bewegung. Fahrtwind auf der Haut. Coffee-Stops in urtümlichen Cafés, j.w.d. (janz weit draußen) und hinterpfuiteufel. Essen in Restaurants, in die sich nie ein Tourist verirrt. Unberührte Landschaften, original, unverfälscht, ungeschönt, ehrlich. Im Sattel, aus dem Sattel. Berge erklimmen, in Täler rasen. Entscheidend dabei: meine Alleingänge, nicht die Ausfahrten in der Gruppe. Fremd sein, unsicher sein.

Vergessen wir Italien, so richtig los ging es erst danach. Zwei Wochen Griechenland mit dem Rad im Mai. Per Zufallsbekanntschaft mit einer Düsseldorfer Radgruppe. Jeden Tag ein neuer Start und ein neues Ziel, von Korfu bis Athen, nichts vorgebucht, viel improvisiert - Hammer! Im November dann allein, nur das Rad und ich, zwei Wochen nach Teneriffa. Klettern bis der Arzt kommt. Dreimal rauf auf den Teide, kein Tag unter 2.000 Höhenmeter. Von Restaurantempfehlung zu Restaurantempfehlung. Dazwischen: allein auf weiter Flur. Einziger Makel: Unterbringung im Hotel. Zum letzten Mal. Im Dezember erneut allein mit dem Rad nach Lanzarote. Ferienwohnung. Fuerteventura folgte, Gran Canaria, immer als Selbstversorger im Ferienhaus. Mein eigener Chef, meine eigene Verantwortung. Keine Schwätzer und Wichtigtuer um mich herum. Auf mich allein gestellt, gefordert statt umsorgt, bereit dazuzulernen. Persönlichkeitsentwicklung auf dem Rad: die französischen Alpen, Mallorca, Sizilien, und so weiter, und so fort. Plötzlich hatte ich gefunden, was ich suchte. Da war es, das Gefühl von Freiheit. Da war sie, die Reiselust! Plötzlich wollte ich die Welt entdecken.

Es begann mit dem Rad, und das erklärt, warum mir Radfahren so viel bedeutet - es ist meine Flucht aus den Zwängen des Alltags, jederzeit machbar, täglich wiederholbar. Es begann mit dem Rad, aber es war und ist nicht auf das Rad beschränkt. Mi und ich waren mit der Flasche auf dem Rücken in den Weltmeeren tauchen, mit der Mietmöhre mehrfach am nördlichen Rand Europas unterwegs. Warum ich meine Reisen inzwischen so liebe, ist die selbstbestimmte Mobilität dabei! Keine Flugreise, kein Cluburlaub, keine Busreise und auf gar keinen Fall eine Kreuzfahrt kann mir geben, was mir ein Reise mit einem selbstgelenkten Reisefahrzeug gibt. Ich lenke, also bin ich. Vom gleichen Schlag: Mi, meine ganz persönliche Reiseleitung, Routenplanerin und Ehefrau. Zusammen die Welt für uns entdecken, Neuland betreten, keine Reiserouten nachfahren, sondern selbst ausprobieren. Nicht groß vorbereiten, nur das nötigste, keine Erwartungshaltung aufbauen, sondern überrascht werden. Keine beworbenen Abenteuer nacherleben, sondern selbst fahren, selbst verfahren, Fehler machen, zusammen Probleme lösen, zusammenhalten, wir zwei gegen den Rest der Welt... Ok, jetzt ist vielleicht etwas der Gaul mit mir durchgegangen, aber Ihr wisst bestimmt, was ich meine.

Reisen, so wie ich Reisen will, hat mit Freiheit zu tun, mit Freiheit, die über die freie Wahl am Buffet weit hinaus geht. Reisen ist zunächst einmal die Freiheit von Leuten, die mir auf den Sack gehen. Die Freiheit von Menschen, die mir ihre Überzeugungen aufdrängen und ihre Probleme und Ängste zu meinen machen wollen (Frage: Ist das denn erlaubt? - Gegenfrage: Interessiert mich das?). Die nicht aus ihrer Haut können (oder wollen), die mich langweilen, ohne Inspiration und ohne Motivation sind. Reisen ist die Freiheit in der Wahl meiner Ziele, unabhängig von einer vorgefassten Route, im Leben wie auf der Straße. Städte und "Must See"s links liegen lassen, den romantischen Stellplatz fest im Blick. Mitten in unberührter Natur, im Wald, an einem See, auf einem Berg, in der Wüste. Mücken und Ungeziefer inklusive. Motor abstellen, Campingstühle raus, Grill raus, fertig. Reisen wie ich es will, bedeutet Freiheit im Tagesrhythmus und in der Wahl meiner Prioritäten (ja Schatz, zum Abendessen bin ich zurück, versprochen 😀). Reisen bedeutet mir (uns) kompromisslose Selbstbestimmtheit, mit allem Für aber auch allem Wider.

Diese Art des Reisens findet in Oschi ihre Vollendung. Und sie ist jeden Cent wert. Alles andere ist reine Geldverschwendung.

See you on the road :-)



Kommentar schreiben

Kommentare: 0