Wunsch und Wirklichkeit

Hillesheim in der Vulkaneifel
Hillesheim in der Vulkaneifel

Seit wir nach Düsseldorf zurückkehrten ist eine Menge passiert: Die Wohnung ist eingerichtet, die Arbeit wieder aufgenommen, ein beruflicher Neustart auf die Bahn gebracht, eine geplante Fortbildung begonnen. Die ersten Schritte in die berufliche Selbständigkeit sind gemacht, viele weitere müssen jetzt folgen. Gut Ding braucht Zeit. Und auch im Hobby-Radsport, der mir auf der Winterreise so oft fehlte, waren mir zwei erfolgreiche Marathon-Teilnahmen vergönnt. Läuft!

Etwas anderes ist auch passiert: Die Euphorie des Neubeginns hat sich gelegt. Nicht alle Hoffnungen haben sich erfüllt, insbesondere nicht die Erwartungen, die wir an unsere Wohnung knüpften. Als wir im Frühjahr eine Bleibe suchten, war für Wünsche wenig Zeit - es gab Notwendigkeiten. Wir wählten: Künstlerviertel, kurze Wege, kernsanierter Altbau, Erstbezug. In der Wohnung sei alles neu, haben sie gesagt. Dass die ersten drei Monate täglich nachgebessert würde, haben sie nicht gesagt. Okay, das Schlimmste scheint inzwischen überstanden: Das Regenwasser läuft jetzt außen ab, aus den Steckdosen kommt Strom statt kalter Luft, zwischen Lichtschaltern und Lampen besteht ein nachvollziehbarer Zusammenhang, in der Küche fließt doch warmes Wasser und nach langem hin und her gibt es auch einen improvisierten Waschmaschinenanschluss. Nur ... zuhause fühlen wir uns trotzdem nicht.

An vieles kann ich mich gewöhnen, an manches jedoch nie: Nicht an Straßenlärm rund um die Uhr. Nicht an Pappwände, in denen keine Schraube hält. Nicht an ein Rinnsal aus dem Wasserhahn. Nicht an Fußböden, die beim Betreten nachgeben, aber die Schrauben der Abdeckleisten schmerzhaft stehen lassen. Nicht an feuchtwarme Keller, in denen gar seltsam Gewächs und Getier gedeihet. Nicht an Drogenabhängige in den Hauseingängen der Nachbarschaft. Nicht an den täglichen Kampf ums Überleben auf dem Fahrrad im Stadtverkehr. Und vor allem nicht daran, dass Oschi so weit weg ist.

Zwölf Kilometer trennen uns vom Steyr und jeder Schraubertag und jeder Wochenendtrip ist gleichbedeutend mit einer logistischen Katastrophe. Keine Chance, Oschi vor die Wohnung inmitten der Düsseldorfer Umweltzone zu fahren. Keine Chance, einen PKW in der Nähe zu parken. Um zu Oschi zu gelangen, fahren wir mit dem Rad zwölf Kilometer hin. Durch zwei Städte. Über gefühlt tausend rote Ampeln. Hin und zurück in 90 Minuten. Mit Sack und Pack auf den Rädern. Oder wir fahren mit Bahn und Bus. Mit Sack und Pack in der Hand. Was noch länger dauert. Kein Wunder, dass Bauphase III - obschon im Mai begonnen - nie so richtig in Schwung kam. Gerade mal fünf Schraubertage hat das Jahr gesehen.

Vom Overlander zum Innenstädter hieß die Herausforderung. Wir nahmen sie an. War es die richtige Entscheidung? Ja, weil die Stadt unsere Möglichkeiten erweitert. Nein, weil Oschi in der Stadt ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ja, weil Existenzgründung ein Drumherum braucht. Nein, weil das Drumherum mir kreativen Freiraum nimmt. Ja, weil mir der Radsport fehlte. Nein, weil Radsport hier an Selbstmord grenzt. Ja, weil hier alles so schön praktisch ist. Nein, weil hier praktisch nichts schön ist. Ja, weil hier alles vertraut ist. Nein, weil sich hier nichts verändert. Ja, weil hier ist was ich brauche. Nein, weil hier nicht ist was ich suche. Ja und Nein - Jein.

Mancher Nachteil war im voraus absehbar, weshalb es nicht fair wäre zu klagen. Manches muss ich aber erst ausprobieren, um es zu verstehen. Ich liebe Natur und wohne in der Stadt. Ich liebe Ruhe und vor der Türe lärmen krude Gestalten. Ich liebe Freiheit und bin in Häuserschluchten eingeengt. Ich stelle fest: Irgendetwas lief schief. Wir verloren, was uns wichtig war. Die Stadt hält nicht, was ich mir davon versprach. Düsseldorf war reizvoller, als wir noch vor den Toren der Stadt wohnten. Wir werden hier nicht heimisch, nicht in der Wohnung und nicht in der Stadt. Und deshalb werden wir den Standort wieder aufgeben und uns ins Umland zurückziehen. Es ist nur eine Frage der Zeit und der passenden Offerte.

Euer Christian aka Oschi



Kommentare: 2
  • #2

    Alex (Freitag, 01 Dezember 2017)

    Ich kann meinem Vorredner nur zustimmen - ich wünsche euch einen guten Start. Das schlimmste habt ihr ja hoffentlich wirklich hinter euch gelassen. Mannmann, das liest sich wie "eine Katastrophe jagt die andere".
    Vor allem wünsche ich aber viel Erfolg im "neuen" Berufsleben!
    Und auf ein baldiges "wieder Off the Road" sein ;-)
    Bei uns geht es (mit einem kleinen süßen Pistenbully) auch im nächsten Jahr Richtung Afrika.
    Allerdings überlege ich schon (nachdem wir eure Fotos vom Oschi gesehen haben), ob ein Umstieg auf etwas Größeres nicht doch Sinn macht. Sehr cooler Umbau!

    Viele liebe Grüße,
    Alex

  • #1

    TRAVELcandies (Montag, 30 Oktober 2017 05:32)

    Ohwee, ohwee, welch' Odyssee.
    Aber ich kann euch in vielen Belangen sehr gut nachfühlen.
    Jahrelang in der Stadt gelebt (und immer noch eine Zweitwohnung in Nürnberg am Start) und irgendwann raus aufs Land, weitab von Lärm, Hektik und purem Stress.
    Irgendwann verweigerte ich sogar meine Arbeit in Stuttgart und habe dieser Stadt gänzlich den Rücken gekehrt. Keine Stadt - und es waren viele - hielt das, was sie versprach.
    Erst kürzlich war ich für einen Abend wieder in Nürnberg und wollte mein Weibchen besuchen (die unter der Woche in NBG arbeitet).
    Ich wollte eigentlich über Nacht bleiben, fuhr aber wenige Stunden später wieder in mein heimeliges Dorf. Ich ertrug die Geräusche, die vielen Menschen und den Gestank einfach nicht (dabei vermisste ich mein Mädel so sehr)

    Das Leben besteht aus Kompromissen...klar...aber welche muss, sollte oder will man hinnehmen?

    Letztlich ist jeder seines Glückes Schmied.

    ...und ich wünsche euch beiden "nicht ganz so arg viele Kompromisse" und einen guten Start "zurück" ins bürgerliche Leben :)

    Thorsten