Reisen? Bildet! - Fazit Marokko

"Nach Marokko? Da ist es doch gefährlich!" "Ist das nicht politisch instabil?" "Da sitzt doch hinter jedem Stein ein Islamist!" Wir hörten es von Nachbarn, Freunden und Arbeitskollegen: Nach Marokko könnte​ man doch nicht hinfahren! Wir hatten Zweifel an den Warnungen vor Marokko. Die Skeptiker waren nie selbst dort gewesen, und wer dort war, kam begeistert zurück. In der westlichen Welt ist die negative Berichterstattung über den arabischen Kulturkreis so dominant, dass man gar nicht mehr weiß, wie einseitig sie ist. Aber Nachrichten von Millionen herzensguter Marokkaner verkaufen sich nicht. Nun haben wir Land und Leute ausgiebig kennengelernt und ganz eigene Erfahrungen gemacht. Dies ist mein Fazit:

Marokko ist faszinierend anders, landschaftlich und kulturell fremd. Alkohol, Schweinefleisch und fesch angezogene Damen verschwinden aus dem Sichtfeld. Moscheen, Wüsten, Dromedare und Menschen in seltsamen Gewändern rücken in den Blick. Zwischen arm und reich liegen Welten. Hier die Luxusvilla mit dem Sportwagen vor der Tür, dort der Lehmziegelbau ohne Strom und fließend Wasser. Hier Geschäftsleute mit der traditionellen Djellabah über dem Anzug, dort barfüßige Ziegenhirten in zerlumpter Kleidung. Entsprechend der Umwelt- und Lebensbedingungen sind viele Probleme des Alltags anders gelöst, manchmal skurril, aber immer pragmatisch. Das macht das Land  so spannend und abwechslungsreich. Selbst Reisende, die Jahr für Jahr zurückkehren, entdecken das Land immer wieder neu. 

Im fruchtbaren Nordwesten liegen die Metropolen Rabat, Casablanca, Marrakesch und Agadir. Im dichtbesiedelten Landstrich produzieren Landwirtschaft und Gewerbe, hier wuchern Industriegebiete und Slums. An der Küste reiht sich Hotel an Ferienhaussiedlung. Dazwischen liegen große Campingplätze, die Domäne tausender weißer Wohnmobile. Im wirtschaftlich schwächeren Südosten zwischen dem farbenfrohen Atlas und der Landesgrenze zu Algerien ist die Landschaft wild, schroff und nur dünn besiedelt. In den Oasen betreiben Bauern Ackerbau und Viehzucht. Noch weiter südlich, in Richtung Mauretanien, liegt die Westsahara. Angebaut wird hier fast nichts mehr. Kleine Fischerdörfer säumen die Küste. Eine einzige asphaltierte Straße zieht sich von Tan-Tan über Tarfaya, Boujdour und Dakhla nach Nouâdhibou, dem einzigen offenen Grenzübergang nach Mauretanien. In der Westsahara liegen Städte und Ansiedlungen sehr weit auseinander.

Die Farbenpracht reicht von roten Äckern und grünen Pinienwäldern über ockerfarbene und schwarzgraue Steinwüsten bis zu weiß-gelben Sandfeldern. Wanderer lieben den schluchtenreichen Atlas, Sonnenanbeter buchen Badeurlaube am Atlantik, Städtereisende besuchen die historischen Zentren der großen Städte, Studienreisende entdecken den Zauber des Orientes an kulturell bedeutsamen Orten, Ruheständler überwintern warm und billig, und Individualreisende durchqueren auf eigene Faust die trockenen Stein- und Sandwüsten in den grenznahen Gebieten. Besonders im Winter, wenn in Europa Kälte, Regen und Schnee regieren, schaufeln und blechen sich Offroader im T-Shirt durch die nördlichen Ausläufer der Sahara. Ein gut ausgebautes Straßennetz ermöglicht einen schnellen Wechsel zwischen den Regionen. Für Autoreisende ist die Versorgung mit Benzin und Diesel problemlos. Zahlreiche Camps bieten hinter hohen Mauern ruhige Stellplätze mit Elektrizität und sanitären Anlagen. Wer bleiben möchte, findet immer einen freien Stellplatz. Nur wer allein sein möchte, muss in der zersiedelten Landschaft etwas länger nach einem abgeschiedenen Örtchen suchen, denn Touristen ziehen unvermeidbar Aufmerksamkeit auf sich.

Einheimische gehen neugierig und gut gelaunt auf Touristen zu. Fremde Menschen laden Dich zum Tee und zum Essen ein. Sie bieten Dir einen Schlafplatz an oder einen Parkplatz für Dein Auto. Sie fragen Dich, was Du brauchst und organisieren es. Du erlebst Herzlichkeit, Freundlichkeit und Gastfreundschaft wie aus dem Bilderbuch. Das macht es einfach, Kontakte zu knüpfen und die Dinge des täglichen Bedarfs zu organisieren. Man kann jeden um Hilfe bitten. "Willkommen in Marokko!" ist kein Marketingslogan auf einer unpersönlichen Werbetafel, sondern ein Satz, den wir oft persönlich von Marokkanern zu hören bekamen. Vom Bauer, der seine Waren auf dem Markt verkauft. Vom Ziegenhirten, der uns an unserem einsamen Übernachtungsplatz überrascht. Vom Polizisten, der uns an der Verkehrskontrolle durchwinkt. Von einfachen Menschen auf der Straße. So etwas habe ich noch in keinem anderen Land erlebt. Wann hast Du zuletzt einen Ausländer willkommen geheißen in Deinem Land? Willkommen in Deutschland?

Skeptisch und voreingenommen kamen wir nach Marokko und wurden eines besseren belehrt. Wir erfuhren viel über die marokkanische Kultur und lernten ihre Vorzüge schätzen. Die schlechte Presse über muslimische Länder tut mir für Marokko unendlich leid. Die Menschen dort haben diese Vorverurteilung nicht verdient. Bei keiner Begegnung fühlten wir uns bedroht oder unsicher. Das Land erwies sich als unkompliziert und entspannt zu bereisen. Die überwiegend urtümliche und ungezähmte Landschaft bot unbeschränkten Offroad-Fahrspaß.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Eine der Schattenseiten an Marokko ist die stark vermüllte Landschaft. Überall liegen Plastikflaschen, Plastiktüten, Getränkedosen, Glasflaschen, Batterien, Autoreifen und Ölbehälter herum. Auch unsere eigene Müllentsorgung war kaum nach europäischem Maßstab zu lösen. Die fehlende Distanz der Menschen empfand ich mit der Zeit anstrengend. Dauerhafte Ruhe war nur schwer zu finden, denn Marokkaner sind durch und durch gesellig und wer sich absondert weckt erst recht die Neugier. Befremdlich fand ich, dass der Kontakt auf den männlichen Teil der Bevölkerung beschränkt ist. Männer dominieren das Straßenbild und die Cafés. Frauen sind in der Öffentlichkeit deutlich unterrepräsentiert. Niemals sahen wir auf der Straße gemischte Gruppen in lockerem Umgang, nicht einmal auf dem Pausenhof gemischter Schulen. Ein unverbindliches Miteinander marokkanischer Männer und Frauen scheint es nicht zu geben. Uns gegenüber orientierten sich marokkanische Männer immer an mir, während sie Mi respektvoll zu ignorieren versuchten. Fraglich ist, wem der Respekt galt - Mi oder mir als ihrem "Besitzer". Auch das ist gelebte Tradition: ungleiche Rechte von Mann und Frau. Die Gleichstellung der Geschlechter mag in Marokkos Verfassung garantiert sein, gelebt wird sie in der traditionell-religiös geprägten Gesellschaft nicht.



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Kommentare: 1
  • #1

    gerhard (Sonntag, 11 Juni 2017 22:13)

    hallo ihr zwei,
    es ist schoen so positive Nachrichten ueber Marokko aus erster hand zu erfahren
    es bestaerkt mich darin, als erstes mal dort hin zu fahren, wenn mein laster endlich fertig ist
    gruesse aus Franken
    gerhard