Der Deutsche an sich - Eine Satire

Wer sich außerhalb vertrauter Grenzen, außerhalb Deutschlands oder sogar außerhalb Europas bewegt, lernt nicht nur neue Menschen in fremden Umgebungen kennen. Zwangsläufig erfahren die neu gewonnenen Bekanntschaften dabei auch einiges über einen selbst. In meinem Fall trage ich dazu bei, was man anderenorts über den Deutschen und seine Eigenheiten denkt. Wer mit offenem Herz und wachem Verstand reist beginnt im Gegenzug, sich durch die Augen anderer wahrzunehmen. Diesen Abgleich des Selbstbildes (das Bild, das ein jeder von sich selbst hat) mit dem Fremdbild (das Bild, das man in den Augen anderer abgibt) nennt man Selbstreflexion und ist eine der spannendsten und lohnenswertesten Geistesübungen, übrigens nicht nur auf Reisen.

Deutsche werden im Ausland gemeinhin als pünktlich, ordentlich und pflichtbewusst geschätzt. Das bekam sogar ich unterwegs wiederholt aus erster Hand attestiert, obwohl ich mich weder herausragender Pünktlichkeit, noch rigider Ordnung noch vorbildlicher Pflichterfüllung rühmen kann. Die Vorschusslorbeeren stillschweigend akzeptierend, fragte ich mich, woher diese Wahrnehmung eigentlich rührt. Warum gilt der Deutsche nicht als jemand, der mal fünfe gerade sein lässt? Warum sagt man uns nicht nach: "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe ruhig auf morgen"? Warum sind wir pedantisch und wollen stets genau wissen, wie die Dinge stehen? Ich meine herausgefunden zu haben, woran das liegt - an der zutiefst befriedigenden Lust der Deutschen, gesetzte Regeln zu befolgen.

Die meisten deutschen Tugenden lassen sich messen, und was sich messen lässt, das lässt sich auch regeln. Der Deutsche liebt Regeln, denn Regeln teilen die Welt in Richtig und Falsch ein und in Gut und Böse. Wer sich richtig verhält ist ein guter Mensch. Wer gegen die Regeln verstößt, verhält sich falsch und kann zweifelsfrei als böser Mensch identifiziert werden. Dem Deutschen ist das wichtig, Regeln braucht er wie die Luft zum Atmen. Ohne Regeln herrschen Anarchie und Willkür. Wenn jeder verfahren könnte wie er wollte, woher soll er dann wissen, ob er auf der richtigen Seite steht?

Ob die Regel Sinn hat oder nicht, ist dem Deutschen egal. Wichtig ist, dass er die Regel kennt und er sich daran halten kann. Wie wenig sinnvoll eine Regel sein muss, zeigt das Beispiel der Müllentsorgung auf unserer Marokkoreise. Ohne Müllcontainer weiß der Deutsche nicht wohin mit dem Müll. Das Entsorgen in die Natur (wie in Marokko üblich) oder die hausgemachte Müllverbrennung (wie in Marokko üblich) sind für ihn keine Option. Egal wie sehr der mitreisende Müllberg wächst, ohne Mülleimer keine Entsorgung. Das ist die Regel. Steht ein Mülleimer bereit, so fällt ihm alle Last vom Herzen. Deckel auf, Müll rein, Deckel zu - reines Gewissen. Dass der Mülleimer in Marokko nie von einer Müllabfuhr abgeholt wird, nicht sein Problem. Dass der Müll außerhalb der Ansiedlung ausgekippt, von den Ziegenherden restverwertet und anschließend - soweit ihn der Wind nicht verweht - verbrannt wird, nicht sein Problem. Liegt der Müll erst einmal im Mülleimer, ist das Gewissen beruhigt. Die Regel wurde befolgt, verantwortlich sind nun die anderen. Dank Regel keine Schuld.

Das Einhalten von Regeln gibt dem Deutschen das gute Gefühl, ein guter Mensch zu sein. Er tut, was von ihm erwartet wird und darf sich als tragende Säule der Gesellschaft verstehen. Wehe aber dem, der sich nicht an die Regeln hält. Nichts ächtet der Deutsche lieber als einen Regelverstoß, gibt ein solcher ihm doch das Recht, sich moralisch über den Regelbrecher zu erheben. Auf böse Menschen wird kollektiv herabgesehen, über böse Menschen darf man guten Gewissens seinen Frust und seine Wut ausschütten. Mit besonderer Genugtuung schaut der Deutsche dabei auf seine gefallenen Helden herab (die er notfalls erst überhöht, um sie anschließend öffentlichkeitswirksam fallen zu lassen).

In Regeln findet der Deutsche die notwendige Orientierung: Wo geht es lang, was muss er tun, was hat er zu lassen. Wer Regeln befolgt, macht nicht nur Dinge richtig, er macht auch die richtigen Dinge. Regeln befreien von der Last der Verantwortung. Der Deutsche ist nicht für die Übernahme von Verantwortung geschaffen. Verantwortung übernehmen heißt, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Solche unsicheren Situationen bergen das Risiko, die falsche Entscheidung zu treffen und sich falsch zu verhalten. Unausweichlich würde der Deutsche in den Augen seiner Mitdeutschen dadurch zu einem Verlierer und das erträgt er nicht. Der Deutsche ist nämlich ein schlechter Verlierer. Unsicherheit erhöht das Risiko, ein Verlierer zu werden; folglich erfindet er Regeln, um Unsicherheit zu vermeiden.

Als wir auf einem Flohmarkt überschüssiges Material zum Kauf anbieten, will ich weder den Verkauf beaufsichtigen noch über den Wert der Sachen feilschen. Also dürfen die Interessenten den Kaufpreis selbst bestimmen. "Gebt, was es Euch wert ist" steht auf der Kasse geschrieben, die zwischen der Ware steht. Die Ware ist teilweise von hohem Wert, aber wir haben keine Verwendung mehr dafür. Insofern freuen wir uns über jeden Euro, der aus freien Stücken gegeben wird.

Ein solches Verkaufsgebaren ist in Deutschland nicht nur unüblich, es gilt geradezu als unsittlich. In Deutschland gibt es feste Preise als Ausprägung fester Regeln. Ein hoher Preis ist eine Unverschämtheit und für den Deutschen ein guter Grund, seinem gerechtem Ärger über falsches Verhalten Luft zu machen. Ein niedriger Preis ist gut, denn dann macht der Deutsche ein Schnäppchen und Geiz findet er geil (er ist ja nicht blöd). An unserem Verkaufsstand könnte er sich ohne Gegenleistung bedienen. Doch gäbe er tatsächlich nichts, würde er sich als Geizhals outen. Das wäre schlecht, weil der Deutsche von außen als großzügig eingeschätzt werden will, denn Großzügigkeit gilt als gut. Wieviel soll er also geben? Ohne Preisangabe könnte jeder Euro mehr den Wert der Ware übersteigen und sie wäre dann kein Schnäppchen mehr. Doch wer zu viel bezahlt, der steht als Dummkopf da und das mag er nicht. Unser Angebot stellt den regelverliebten Deutschen also vor ein kaum zu lösendes Dilemma. Egal was er tut, er kann nur verlieren. Tatsächlich regen sich zwei Kaufinteressenten an unserem Stand furchtbar auf. So könne man das nicht machen, man wüsste ja gar nicht woran man sei. Unfähig eine Entscheidung zu treffen laufen beide Interessenten nach meiner standhaften Weigerung, einen Preis zu nennen, wutentbrannt davon.

Ein Klassiker deutschen Verhaltens ist die Inbesitznahme öffentlicher Orte. Was allen gehört, gehört niemandem, und was niemandem gehört, das nimmt der Deutsche mit dem Recht des Finders in Besitz. Im Grunde genommen muss er herrenlose Güter sogar in Besitz nehmen, denn unklare Besitzverhältnisse widersprechen seinem Regelbedürfnis. Nehmen wir freie Liegestühle am Strand. Ein freier Liegestuhl impliziert eine fehlende Nutzungsregel und damit eine höchst riskante Situation. Eine Situation, in der jeder den Liegestuhl nehmen kann, wenn er ihn braucht, ist für Deutsche vollkommen untragbar. Woher soll er denn wissen, wann er die Liege wie lange nutzen darf? Nimmt er sie zu kurz in Beschlag, vergibt er sich einen gefühlten Vorteil. Liegt er zu lange darauf, setzt er sich übler Nachrede durch wartende Mitdeutsche aus. Gehört der Liegestuhl dagegen ihm, kann er damit rechtmäßig verfahren wie er will. Also muss der Deutsche einen freien Liegestuhl zwangsweise mit seinem Handtuch als Besitz markieren, vollkommen unabhängig davon, ob er sich tatsächlich darauf legen will oder nicht. Das alleinige Handlungsmotiv ist die Schaffung von Sicherheit.

Auch im Straßenverkehr ist der Deutsche an Regeln gewöhnt. Grundsätzlich gilt das Recht des Stärkeren. Das ist auch der Kern des deutschen Punktesystems: Je stärker gefahren wird, umso mehr Punkte sind zu holen. Mercedes, Audi und BMW besitzen ein eingebautes uneingeschränktes Vorfahrtsrecht. Markenfremde Fahrzeuge dagegen müssen jederzeit Vorfahrt gewähren. Ein Tempolimit-Schild mit einer Zahl darauf gesteht jedem Deutschen, der es eilig hat, das Recht zu, nach Bedarf zu überziehen. Alle anderen Verkehrsteilnehmer sind an die Zahl gebunden, um das Überholen zu erleichtern. Wo kein Tempolimit ausgeschildert ist, darf die Fahrspur mit Lichthupe und Drängeln freigeräumt werden. Weitere einfach zu beherzigende Regeln sind "Wer zuerst kommt, fährt zuerst" und "Fußgänger, Rad- und Motorradfahrer sind in Kauf zu nehmende Verluste". Etwas Schwund ist immer.

Deutsche achten gern darauf, dass Regeln auch von anderen befolgt werden. Konfrontiert mit einem offensichtlichen Regelverstoß, erwacht in jedem Deutschen ein überzeugter Hilfssheriff. Mit ausgefeilter Gestik und einfallsreichem Vokabular dient er jederzeit inferioren Verkehrsteilnehmern Nachhilfe in Sachen Straßenverkehrsordnung an. Hupen, Vogel- und Stinkefinger-Zeigen sind zwar nicht kodifiziertes Recht, entsprechen aber dem gesellschaftlich akzeptierten Konsens. Eine tragende Stimme ist unverzichtbar für die Auflösung kniffliger Verkehrssituationen: Wer am lautesten brüllt, hat Recht. Der Verzicht auf ein zustehendes Recht käme dem deutschen Autofahrer übrigens niemals in den Sinn, auch nicht bei einer Frage von Leben und Tod. Umgekehrt muss mit völligem Unverständnis und der Bescheinigung mangelnden Fahrkönnens rechnen, wer sich im deutschen Straßenverkehr in Rücksichtnahme und Zurückhaltung übt. Er steht halt zu seinen Überzeugungen, der Deutsche.

Sein Hang zur Regulierung hat den Deutschen zum Exportweltmeister von Regeln gemacht. Egal ob es um Verbraucherschutz, Haushaltsdefizit oder Steuerrecht geht, kein Land produziert mehr Regeln als Deutschland. Über die EU-Bürokratie exportiert Deutschland europaweit Richtlinien und Verordnungen, um in unterentwickelten Ländern Unsicherheit abzubauen. Als unterentwickelt gilt jedes Land, das aufgrund so rückständiger Werte wie Toleranz, Rücksichtnahme und gesundem Menschenverstand weniger reguliert ist als Deutschland. Der Deutsche weiß insbesondere kraft seiner Stammtisch-Think Tanks sehr genau, was für andere Länder und Bevölkerungen gut und richtig ist. Wer reist, trifft deswegen auch immer wieder auf engagierte deutsche Landsleute, die Recht und Ordnung direkt vor Ort ihre Stimme leihen. Wer sonst sollte die lokale Bevölkerung anleiten, sich in des Deutschen Urlaubsland zu integrieren?

Apropos Urlaubsland: Im Urlaub fährt der Deutsche gerne dorthin, wo die Sonne scheint und das Essen lecker ist. Die wohlverdienten 30 Tage verwendet er mit Vorliebe für Pauschalreisen (Flug, Transfer, Hotel und freie Wahl am Buffet inklusive). Bei Pauschalreisen gibt es immer einen Verantwortlichen, der die Schuld trägt und Ansprechpartner für Reisepreisminderungen ist. Bei Individualreisen hingegen müsste der Deutsche selbst die Risiken tragen: Verpasste Anschlüsse, defekte Transportmittel, schlechte Versorgungslage - wem gegenüber soll er sich rechtschaffen beschweren? Pauschalreisen bieten die Sicherheit maximalen Urlaubsgenusses pro ausgegebenem Euro. Ärgerlich ist nur, wenn der Pauschalist auf Individualisten trifft, die sich allem Anschein nach außerhalb seines Regelwerks bewegen, z.B. Langzeitreisende, die ohne geregelte Arbeit dauerhaft im Wohnmobil urlauben und sich an frei zugänglichen Stellplätzen ohne erkennbare Verpflichtungen auf frei stehenden Liegestühlen räkeln. Eine solche Freiheit assoziiert der Deutsche umgehend mit dem Fehlen einer geregelten Lebensführung und eine fehlende Regelung ist ein klarer Regelverstoß. Wo kämen wir denn hin, wenn Menschen ihr Dasein nach eigenem Gutdünken gestalteten? Ganz einfach: Überall hin!

Satire, so stand es neulich irgendwo geschrieben, dürfe auch mal weh tun. Und Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Natürlich ist es unfair, allen Deutschen das selbe Verhaltensmuster zu unterstellen. Kein Mensch ist wie ein anderer; oder - wie man im Rheinland sagt - "Jeder Jeck ist anders". Aber allen Individuen dieser Welt gerecht zu werden, ist ganz und gar unmöglich. Deshalb werden Klischees und Stereotypen erfunden. Sie sind ein bewährtes Mittel, komplexe Zusammenhänge ebenso bildhaft wie realitätsfern zu vereinfachen. Was wäre die Welt ohne sie? Meine wenigen Beobachtungen zu verallgemeinern und vom Wesen einzelner Zufallsbekanntschaften auf viele zu schließen, mag erkenntnistheoretisch effizient sein, ist aber auch ungerecht und machmal sogar böse. Und gerade deswegen unterhaltsam.

Ich habe mich beim Schreiben amüsiert, und Ihr beim Lesen hoffentlich auch. Obwohl dieser Artikel eine Regel bricht: "Das eigene Nest beschmutzt man nicht". Oh, was für ein schlechter Mensch ich bin... ;-)



Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Oettl's (Sonntag, 28 Mai 2017 18:21)

    Hammmmerrr
    Zu tiefstgeulllllll�
    Klasse geschrieben...
    Ehrlich �
    Beste Grüße von uns

  • #2

    Bubu (Montag, 29 Mai 2017 08:17)

    Klasse Arbeit! Weiter so und bald holst Du den Pulitzerpreis:-)!

  • #3

    videomundum (Montag, 29 Mai 2017 09:47)

    Herzlichen Dank dass es Euch gefällt!

  • #4

    Thomas (Mittwoch, 07 Juni 2017 06:55)

    Hallo Christian,

    sehr gut beobachtet und treffend beschrieben.

    Danke :)

    Viele Grüße,
    Thomas

  • #5

    Ewald Henning (Sonntag, 22 Oktober 2017 10:37)

    Hallo!

    Das ist der beste, passendste Text für die " Normalos" dieses Landes.

    Müsste Pflichtlektüre werden, jeweils zum Wochenende damit einige aus ihrem geistigen Hamsterrad mal rauskommen.

    Ich wünsche mir weiterhin die eine oder andere Lektüre von euch.

    Viel Erfolg beim aktuellen Projekt! Was auch immer es sein wird, es wird euch weiterbringen. Davon bin ich - nachdem ich einiges an Berichten über den Aufbau von Oschi, die Reisen und die Gedanken dazu und drumherum lesen konnte - überzeugt. Toi, Toi, Toi!