Alte Männer und Sport

Dass ich mich das letzte Mal mit dem Rennrad unfreiwillig abgelegt habe, ist weit über zehn Jahre her. Da muss ich wohl der Auffassung gewesen sein, diese Erfahrung bedürfe einer gründlichen Auffrischung.

Life's a bitch

Der Ort des Geschehens: Eine wohlbekannte Kreuzung an einem wohlbekannten Ortsausgang, Eine harmlose Stelle, die ich wohl schon 50 oder 100 mal ereignislos passiert habe. Obwohl der Radweg dort die Bezeichnung nicht verdient (schmal, wellig, ungepflegt), ist er grundsätzlich befahrbar. Der Belag ist geteilt, halb geteert, halb gefliest, mit einer kleinen Kante dazwischen. Vor der Kreuzung bietet der Weg eine kleine Schikane. Nichts wildes: erst geht es etwas nach rechts, danach gleich wieder nach links und dann über die Ampel. Ich mag verwinkelte Kurse.

Das kurvige Stück ist sauber und übersichtlich, nichts steht oder liegt erkennbar auf dem Weg. Und weil die Ampel schon auf grün steht, muss ich meinen Schwung nicht unterbrechen. In flotter Fahrt kurve ich also nach rechts, die Straßenüberquerung fest im Blick. Meine Gedanken eilen mir voraus. Nach der Überquerung folgt eine kleine Engstelle, danach eine breite stillgelegte Straße. Ich bin in meinem Element, ich bin im Flow, nichts kann mich stoppen ... als urplötzlich das Hinterrad wegschmiert.

Während ich noch überlege, warum das gerade passiert, rutschen die Schuhe aus der Bindung und ich verliere den Lenker aus der Hand. Rennradschuhe sind aerodynamisch optimiert, nichts läge Ihnen ferner, als bei Bodenkontakt für Grip zu sorgen und eine damit verbundene Verzögerung zu bewirken. Nutzlos mit den Armen in der Luft um Halt rudernd, schlittere ich - auf dem Oberrohr reitend - parallel zum Radweg eine stachelige Hecke entlang. Noch stehe ich aufrecht, gleichwohl bin ich meiner Balance bereits beraubt. Der Blick richtet sich nach vorn, wo ein gemauertes Hauseck in mein Blickfeld rückt. Eine überschlägige Rechnung, in Sekundenbruchteilen ausgeführt, offenbart: Ich bin viel zu schnell, um vor der Ecke zum Stillstand zu kommen. "Bitte nicht auf die Ecke", ist mein einziger Gedanke, "Bitte nicht auf die Hausecke!"

Es ist dann doch die Hausecke geworden, nicht alle Bitten werden erhört. Irgendwie finden die Hände vor Gesicht und Oberkörper, um das Schlimmste zu verhindern. Die Beine sind auf dem glatten Boden derweil in einen aussichtslosen Kampf um Halt verwickelt und irgendwo zwischen ihnen befindet sich auch noch das Rennrad. Der Einschlag in die Ecke ist heftiger als gehofft, aber nicht so heftig wie befürchtet. Ein paar Zweige eines Strauchs, der dankbarer Weise an der Hausecke wächst, fangen mich ab und befördern mich mit Schwung in die Hecke.

Als könnte ich nicht genug Aufmerksamkeit bekommen, gebe ich diese Slapstick-Nummer selbstverständlich zur besten Verkehrszeit an einer belebten Hauptstraße. Von dort aus betrachtet gipfelt meine Vorstellung darin, dass nichts außer zwei Beinen aus der Hecke auf den Radweg ragen. Vorhang bitte!

Kopfüber und rücklings liege ich ratlos in der Hecke und warte auf erste Rückmeldungen meiner Extremitäten. "Was ist passiert?" und "Ist mir was passiert?" sind die Fragen, die mir durch den Kopf gehen. Da strecken sich mir auch schon helfende Hände durch das Gebüsch entgegen. Ein unbeteiligter Autofahrer ließ sein Auto stehen, um sich nach meinem Befinden zu erkunden.

In Anbetracht der Umstände habe ich mich wacker geschlagen: Ein bisschen was abgeschürft, ein bisschen was geprellt, ein bisschen was gestaucht, ein bisschen was gezerrt  - ein bisschen was von allem. Aber, Glück im Unglück, ich kann stehen und beim Fahrrad ist nur die Kette runter und der Lenker krumm. Ich bin etwas verunsichert ob der Ursache des Sturzes und nicht wenig beleidigt. Stürzen ohne äußeren Einfluss, das geht ja mal gar nicht. Man stürzt, weil man umgefahren wird oder wenigstens um hundertstel Sekunden kämpft, aber nicht bei freier Fahrt auf einem Radweg. Vielleicht lag da doch etwas auf dem Weg, vielleicht werde ich langsam alt und tatterig. Ungeschickt war ich immer schon. So ist das nun mal, das Leben wirft einem eben manchmal Knüppel zwischen die Beine. Life's a bitch but life goes on.

Life's a bitch, Fortsetzung

Wer vom Pferd fällt soll wieder aufsteigen. Zwei Wochen später habe ich das Radtraining längst wieder aufgenommen und sitze - stolz meine Schrammen präsentierend - wieder auf dem Bock. Die Schürfwunden verheilen gut und die linke Wade schillert nicht mehr in ganz so poppigen Farben; nur ein Finger der linken Hand ist noch etwas taub. So gut es geht, verdränge ich die Erinnerung an den Sturz und freue mich auf die nächste Feierabendrunde.

Nach einem erfolgreichen Tag locke ich Mi zu einer entspannten Radtour nach draußen. Auf ruhigen Wirtschaftswegen rollen wir Seite an Seite durch saftig grüne Felder. Das Wetter an diesem sonnigen Nachmittag ist perfekt. Es ist nicht zu warm und nicht zu kalt, der Wind nur eine sanfte Brise. Durch das Laub der Bäume malt die Sonne helle Flecken auf den Weg. Wir sind unterwegs zu einer Eisdiele an der Ruhr und albern gut gelaunt herum. Hundert Mal schon hielt ich mich an ihrer Schulter fest, hundert Mal schon ergriff sie dabei meinen Arm und schwang sich wie ein Bahnfahrer nach vorn.

Der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht, sagt ein altes Sprichwort und meint damit, dass alles irgendwann ein Ende hat, egal wie gut es läuft. Irgendwann ist immer das erste Mal etwas anders, irgendwann ist immer mal genug, irgendwann ist immer mal Schluss. Aus welchem Grund auch immer. Eine Delle im Straßenbelag, eine unglückliche Gewichtsverlagerung, ein zufälliges Verhaken der Lenker - ich weiß nicht wie, aber plötzlich verlieren wir die Balance und finden uns beide auf dem Asphalt wieder.

Nein, diese Radsaison läuft nicht gut an. Der zweite Sturz innerhalb weniger Tage und diesmal erwischt es auch Mi. Während ich mich auf dem Boden wälze und die scharfkantige Pumpe in der Trikotasche verfluche, die sich mir beim Aufprall in den Rücken bohrte, steht Mi schon neben mir. Wir ziehen die Räder von der Straße, setzen uns in den Graben und lecken unsere Wunden. Mi hat dem Straßengott ihren Helm geopfert, ich ein wenig Haut an Arm und Knie. Okay, am Knie fehlt etwas mehr Haut, auf so tiefe Einblicke in meine Anatomie kann ich gut verzichten. Neben ein paar Prellungen ist das alles und wir sind froh, denn es hätte sehr viel schlimmer ausgehen können. Erstaunlich, wie ein wenig Schwung gepaart mit etwas Schwerkraft in einem Wimpernschlag den Blick auf die Welt verändern können. Mit schmerzenden Gliedern und lädierter Kleidung machen wir uns auf den Heimweg. Der Eisdielenstopp ist aus dem Programm gestrichen. Was ist schon ein Eis gegen die Aussicht, den Abend mit Desinfektionsmittel, Salbe und Verbandsmaterial zu verbringen.

Aller guten Dinge sind drei, sagt man. Und zusammen kommen wir nun auf drei Stürze. Bisher ging alles glimpflich aus: Nichts gebrochen und kein ernsthafter finanzieller Schaden. Ich würde es jetzt gern dabei belassen, aber wann hätte mich das Schicksal schon mal um meine Meinung gefragt...

Euer Christian aka Oschi

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Kommentare: 1
  • #1

    Michael (Donnerstag, 28 Februar 2019 22:26)

    Anscheinend kann man ja mit Dir nicht reden, dafür kannst Du aber Deine Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken sehr gut in Worte gefassten, spannenden, bildhaften Geschichten ausdrücken.