Hör auf die Stimme

"Hör auf die Stimme, hör was sie sagt,

sie war immer da, komm' hör auf ihren Rat.
Hör auf die Stimme, sie macht dich stark,

sie will dass du's schaffst, also hör was sie Dir sagt."

(Quelle: Stimme von EFF)

Ich gebe zu, ich höre Stimmen. Genauer gesagt ist es nur eine Stimme, meine innere. Ich weiß nicht genau, wann das begann. Noch vor zehn Jahren war ich ganz vorn dabei, um so etwas als esoterischen Unsinn abzutun. Heute sehe ich das wesentlich differenzierter, denn abwegige Ideen hatte ich eigentlich schon immer, und die Leute fragten sich oft, wie ich auf so abgedrehtes Zeug kam. Schuld daran war vermutlich die Stimme, die mir einflüsterte: Mach Dein Ding und scheiß auf das was andere denken.

Die Stimme ist ziemlich entscheidungsfreudig. Während ich mit dem Kopf immer sehr lange brauche, um alle Details zu erfassen, meine Meinung zu bilden, die Vor- und Nachteile abzuwägen und eine Entscheidung zu treffen, ist die Stimme da knallhart. Sehen, Hören, Bewerten, Entscheiden - das macht die Stimme in einem Wimpernschlag. Und sie hat recht. Meist kommt mein Verstand zur selben Einschätzung, wenn auch oft erst nach langen Umwegen. Ich lasse mir nun mal nicht gerne etwas vorschreiben, nicht einmal von meiner eigenen inneren Stimme.

In letzter Zeit höre ich die Stimme immer öfter und immer besser. Und sie hat eine Menge zu sagen. Zum Beispiel, was ich tun und was ich lassen soll, worauf ich mich konzentrieren soll, welche Ziele ich anstreben soll und dass ich mir keinen Kopf darum machen soll, wie es mit dem Leben im allgemeinen und im speziellen weiter gehen wird. Es wird immer weiter gehen, schließlich ging es auch bisher immer weiter. Und am Ende wird alles gut. Also am ganz langen und endgültigen Ende vielleicht nicht, das kann man nicht wissen, aber bis dahin wird mir noch viel Gutes widerfahren. Sagt die Stimme.

Und so begab es sich, vor gar nicht allzu langer Zeit, dass die Stimme sprach und sagte: Die Reise ist vorbei, der nächste Lebensabschnitt wartet. Und damit war sie auf einmal zu Ende, die zweite große Reise. Dabei kam es uns zeitweise so vor, als dauere diese Reise ewig. Wir konnten unterwegs frei über unsere Zeit verfügen und den Tag und die Reiseroute weitgehend nach Belieben gestalten. Der heimische Hausstand war aufgelöst und die Managerkarriere hatte ich an den Nagel gehängt. Die Rahmenbedingungen waren also äußerst günstig, um sich frei von Verpflichtungen und losgelöst vom Alltag Gedanken über die Gestaltung unserer zukünftigen Leben zu machen. Theoretisch war alles möglich und in dem kreativen Chaos entspannen sich einige Verrücktheiten. Aber wir entwickelten auch konkrete Vorstellungen, was zukünftig sein sollte und was nicht. Aus diesen Vorstellungen wurden Ideen und aus den Ideen eine grobe Planung. So fanden wir uns in Portugal dann wie auf heißen Kohlen sitzend wieder und drängten auf die Heimreise, um mit der Umsetzung der Pläne zu beginnen. Die Stimme hatte recht, diese Reise war tatsächlich vorbei.

Andere wollen für immer reisen, wir nicht. Nach zwei langen Testreisen weiß ich, mein Leben nur im Auto zu verbringen, das wäre nichts für mich. So komfortabel die Kabine ist und so stark der Steyr sich im Gelände schlägt - das kann nicht alles sein. Das Leben im Auto ist Bereicherung und Einschränkung zugleich. Es bereichert durch die Beweglichkeit und Flexibilität ohne den ganzen Haushaltsballast. Und es beschränkt genau durch diesen Minimalismus gleichzeitig die Möglichkeiten, sein Leben abwechslungsreich zu gestalten. Für einige Monate geht die Beschränkung auf das Nomadentum in Ordnung, schließlich wird man durch Abenteuer und grandiose Naturerlebnisse entschädigt. Doch auf Dauer möchte ich weder eine Werkstatt zum Schrauben missen, noch auf meinen geliebten Radsport verzichten, noch auf häuslichen Luxus und Komfort. Und so ein kleiner Gemüsegarten...? Natürlich könnte man "irgenwie einen Kompromiss" hinbekommen, doch "irgendwie" und halbe Sachen waren noch nie mein Ding.

Versteht mich nicht falsch: Den Truck aufzubauen war richtig. Wir bereuen keine Sekunde der investierten Zeit und keinen Cent des investierten Geldes. Bislang waren wir mit Oschi rund ein Jahr und 24.000 km frei und unabhängig unterwegs. Die gesammelten Erfahrungen und positiven Veränderungen sind uns nicht mehr zu nehmen. Und geht es nach uns, dann folgen noch mehr Reisen (das nächste Ziel ist als Begriff schon gefasst). Doch wir wollen Wanderer zwischen den beiden Welten sein und sowohl ein festes Zuhause als auch ein sorgenfreies Reiseleben haben.

Es stand also nie außer Frage, nach der Reise wieder sesshaft zu werden (mit Ausnahme jener Momente, in denen uns der Einzug über den Kopf zu wachsen drohte). Offen hielten wir uns die Frage, wo wir wieder sesshaft würden. Wir wägten vieles gegeneinander ab und kamen am Ende zur gemeinsamen Erkenntnis, dass es (wieder) Düsseldorf wird. Meine Stimme hatte es gleich zu Beginn gewusst. Mis Stimme übrigens auch. In Düsseldorf habe ich das größte Netzwerk, hier kennen wir uns aus, hier fühlen wir uns wohl. Wir lieben die humorvoll entspannte rheinische Mentalität. 

Die lange Rückreise - vom menschenleeren Portugal über das entspannte Spanien zum stark reglementierten Frankreich - trug entscheidend dazu bei, dass Kulturschock und Reiseblues diesmal ausblieben. Der geruhsame Teil der Reise war offiziell zu Ende, als wir bei Freiburg auf die übervollen deutschen Autobahnen einschwenkten. Im Rückblick betrachtet fing die mobile Freiheit mit dem Laster in Spanien an. Nach zwei Tagen Familienaufenthalt im Badischen parkten wir den Truck am südlichen Rand der Umweltzone Düsseldorf und begannen die Wohnungssuche. Vier unterhaltsame Tagen brauchte es, dann stand das Wunschobjekt fest. Von der Mobilie über den Autoverleih und ein schwedisches Einrichtungshaus wechselten wir in die Immobilie. Noch sind nicht alle Kartons ausgepackt, aber das Schlimmste ist vorbei und es zeichnet sich langsam ein gemütliches Zuhause ab. Für uns ist diese Rückzugsmöglichkeit von der manchmal anstrengenden Welt da draußen wichtig; sie ist der Ankerplatz in unserem Leben, von dem aus wir früher oder später zu neuen Abenteuern aufbrechen.

Langzeitreisen bleiben ein wichtiger Teil unseres Leben. Reisen ist wichtig, denn Reisen bildet. Es bildet Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die Welt und bildet Vorurteile zurück. Reisen festigt den Charakter und relativiert die Selbstbezogenheit und Aufgeregtheit um unsere eigene (Un)Wichtigkeit. Reisen macht den Kopf frei und schafft Raum für Kreativität. Und Reisen macht auch noch Spaß. Zu viele Menschen sehen zu wenig von dieser Welt, leben in einem sehr begrenzten Horizont, verwechseln Meinung mit Fakten und Gewissheit mit Wissen. Andere erkennen erst spät, was wirklich wichtig ist, erst nachdem diese oder jene berufliche Station erreicht ist, nachdem die Kinder aus dem Haus sind oder nachdem das Haus abbezahlt ist. Manche möchten wohl ausbrechen, verdrängen aber mangels Mut den Ruf des Abenteuers; sie konzentrieren sich stattdessen auf kurzfristige Kicks und ignorieren, wie kurz unsere Zeit auf dieser wundervoll bunten Erde ist. Schnell ist es dann zu spät, um seine Träume zu erfüllen.

Bis wir das nächste Mal aufbrechen, stehen zunächst jedoch berufliche Dinge im Fokus. Ich will mich unbedingt als Selbständiger durchsetzen - auf einem neuen Tätigkeitsfeld. Es ist der nächste Traum, den ich anpacke. Die Verdienstmöglichkeiten sind gering und die Konkurrenz groß, aber meine innere Stimme sagt, das ist mein Weg. Ich spüre die Faszination, die davon ausgeht, jeden Tag etwas neues zu lernen. Natürlich gilt es auch mal Kröten zu schlucken, aber die Leidenschaft und Freude an der Arbeit sind mir wichtiger als viel Geld zu verdienen. Genug Geld reicht vollkommen aus. 

In anderen Augen führt mich mein innerer Kompass auf einen Abweg. Kritik wird laut. Verrückt sei das, unnötig und hochriskant noch dazu. Ja, es macht die Sache nicht einfach, dass ich auf dem Gebiet Quereinsteiger und Autodidakt bin. Aber "einfach" hat mich nie interessiert. Ja, das wird viel Zeit und Kraft kosten, aber ich erwarte nicht, dass mir etwas in den Schoß fällt; ich arbeite hart an meinen Projekten. Und nein, es ist kein Fehler auf die innere Stimme zu hören, sondern eine Gabe.* Ganz tief in ihrem Inneren stellen meine Kritiker gar nicht mich in Frage, sondern ihr eigenes Lebensmodell. Im Grunde genommen ist es nicht anders als zuletzt bei Oschi: Ich fange einfach mal an und dann sehen wir schon, wie weit ich komme. Die Möglichkeit zum Scheitern ist natürlich immer inbegriffen - ja und? Das macht das Vorhaben ja gerade so spannend.

Alles wird gut, meint die Stimme, und wenn es doch schief geht, habe ich wenigstens eine gute Story zu erzählen. ;-)

*Vielen Dank an meine Cousine Sandra für diese starken Worte.



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Kommentare: 4
  • #1

    Michael (Freitag, 12 Mai 2017 23:21)

    Alles wird gut - mach Dir keine Gedanken.

    Der Weg ist das Ziel und Dein Weg ist richtig.

    Da gibt es neben den Kritikern und Zweiflern auch Menschen, die glauben an Dich und an den Weg, den Du einschlagen willst und wirst. Und sie freuen sich drauf, diesen Weg mit Dir ein Stück gemeinsam zu gehen.

    Think Pink ;-)

  • #2

    Klaus (Samstag, 13 Mai 2017 17:53)

    Hallo Christian,
    ich bin einige Schritte hinter Dir. Also natürlich nicht wirklich. Habe gerade erst das Fahrzeug und doch so einiges von Deinen Dokumentationen profitiert und gelernt. Übrigens herzlichen Dank dafür. Ich finde diese Entwicklung durchaus nachvollziehbar - ist doch in Ordnung. Wenn ich mir ansehe, wie Du dieses Projekt aufgezogen hast, denke ich mal, da wird Dir auch in Zukunft das Glück hold sein.
    Vermutlich wirst Du ein Expeditions-LKW-Umbau-Ausrüstungs-Projekt starten :)
    Vielleicht kommt es ja mal zum crowdfunding - wär ich sicher dabei.
    Also - alles Gute und die eine oder andere Reise ist ja mit dem Oschi sicher noch drin
    Gruß Klaus



  • #3

    videomundum (Sonntag, 14 Mai 2017 08:53)

    Vielen Dank Euch ... mehr davon ;-)

  • #4

    Cole Trikle (Sonntag, 14 Mai 2017 18:30)

    Alles Gute und einen erfolgreichen Neustart und Hut ab vor dem Mut den Du hast!

    LG

    Oliver