Eine Zäsur: Für und Wider Allrad-LKW-Reisen

Es macht einfach Spaß: Hoch über der Straße hinter dem Steuer zu thronen. Den kraftvoll röhrenden Dieselmotor mit feinen Gasstößen zu kontrollieren. Auf riesigen Rädern dahin zu rollen. Die Wuchtbrumme millimetergenau durch Engpässe zu dirigieren. Das tonnenschwere Allrad-Monster in der Getriebeuntersetzung unaufhaltsam durch unwegsames Gelände krabbeln zu lassen. Flüsse zu furten und durch Sand und Schlamm zu wühlen. Offroad unterwegs zu sein zu einem wilden, unerschlossenen Übernachtungsplatz in unberührter Natur. Draußen zu sein, den unverbauten Blick auf den Sonnenuntergang zu genießen, in der beruhigenden Gewissheit, hinter sich eine fußbodenbeheizte Luxus-Wohnkabine zu haben. Mit heißer Dusche, fester Toilette, großem Bett und gemütlicher Wohnküche.

Die Kehrseite der Medaille: Mitten durch die unberührte Natur ziehen die grobstolligen Reifen des Trucks tiefe Spurrillen in den weichen Boden. Fotogen war die Landschaft, bevor Oschi hier durchwalzte. Im schweren Gelände verwandeln sich im Schnitt mindestens 35 Liter Diesel in dicken schwarzen Qualm; der elektronikfreie Motor mit Energieeffizienzklasse F spottet jeder modernen Abgasnorm (ok, das tun moderne VWs, Audis, etc. wohl auch). Unser Ziel liegt weitab der Zivilisation; Entsorgungsstationen sind dort unbekannt - trotzdem muss ich Fäkalien, Abwasser und Müll entsorgen. Ich müsste nicht hier sein, niemand zwingt mich dazu, aber ich will.

Alles hat zwei Seiten und der Spaß hat seinen Preis. Wir mögen uns in der Gesamtschau eines geringen ökologischen Fußabdrucks rühmen, denn schließlich produzieren wir unseren eigenen Strom, vermeiden Müll und Umweltgifte so gut es geht, nutzen Stofftaschen statt Plastiktüten, verbrauchen nur das nötigste an Wasser und fahren im Schnitt mehr Kilometer Rad als Auto im Jahr. Aber rechtfertigt das, mit einer Euro-0-Dreckschleuder und grobstolliger Bereifung monatelang durch die fragile Natur zu fahren?

Ich habe lange nachgedacht, aber keine überzeugenden Gründe gefunden, Straßen und Pisten zulasten der Natur zu verlassen. Hardcore-Offroad mag akzeptabel sein in Sandwüsten, die der täglichen Erosion durch Wind unterliegen, oder wenn es um Leib und Leben geht und vielleicht auch noch auf harten Wüstenböden, auf denen ohnehin nichts wächst. Aber wenn ich mit dem Allrad-LKW ohne Not dauerhaft sichtbare Spuren in die Landschaft fräse, dann ist das ein bewusst hingenommener Frevel an der Natur.

Ich bin hin und her gerissen. Für romantische Sonnenuntergangsbilder könnte ich auch mit einem kleineren Auto oder gar mit dem Fahrrad, dem Rucksack oder per Anhalter durch die Welt reisen. Andererseits, bin ich mit Oschi unterwegs, muss für mich kein Wald gerodet werden, um eine Asphaltstraße zu bauen. Für mich muss keine Bettenburg im Naturschutzgebiet errichtet werden. Für mich muss kein Flugzeug Kerosin ablassen und kein Kreuzfahrtschiff Schweröl verbrennen. Für mich muss kein Atomkraftwerk gebaut werden. Für mich muss kein Plastikmüll ins Meer verklappt werden. Oschi ist autark mit einer in sich fast geschlossenen Ver- und Entsorgungszentrale. Aber eigentlich ist diese Sichtweise viel zu kurz gedacht, denn die Produktion all der Gegenstände, die mir den (Reise-)Alltag versüßen, benötigen zur Herstellung trotzdem eine Infrastruktur, Bauland, Logistik, Energie und Rohstoffe. Würde ich auf den Truck verzichten und anders reisen, was wäre in der Endabrechnung wirklich gewonnen?

Der ultimative Umweltschützer könnte sagen: Dann lass es halt mit dem Reisen. Und dann? Das moderne menschliche Leben belastet nun mal die Ressource Natur. Aber davon geht unser Planet nicht gleich kaputt. Die Erde hat schon vieles ertragen und kann und wird noch vieles mehr ertragen. Und am langen Ende, wenn die Sonne verglüht und sich erst zu einem weißen Riesen aufbläht und danach zu einem schwarzen Loch kollabiert, dann werden die umkreisenden Planeten ohnehin zerstört. Nichts hält ewig. In kosmischen Maßstäben gesehen, kann der Mensch der Natur nicht viel anhaben. Wir tragen Verantwortung für uns und die, die nach uns kommen, aber das war es auch schon. Die Welt retten können wir nicht.

Ich habe gesündigt, ich bekenne mich schuldig und gelobe Besserung. Und doch werden wir weiter reisen, mal mit dem Truck und mal ohne. Wir werden auf Straßen und Pisten bleiben, unser Abwasser entgiften, unnötigen Müll vermeiden und Kraftstoff sparen - so weit es geht. Vielleicht werden wir sogar einmal ein Neufahrzeug mit Euro 6 bestellen, wenn das Geld dafür reicht. Wir werden weiter reisen, um die Welt zu sehen und um sie zu beschreiben und zu fotografieren. Um den Daheimgebliebenen Bilder und Geschichten mitzubringen. Weil es nötig ist.

Es ist nötig, die Welt in ihrer Schönheit und Vielfalt zu zeigen. Auf dass die Welt sich besinnt, mit den Ressourcen der Natur behutsam umzugehen, um sie zu erhalten. Und es ist nötig zu reisen, weil Reisen den Verstand und den Charakter bilden, um Vorurteilen und Hass und Feindschaft zu begegnen. Auf dass die Welt sich besinnt, ihr Verständnis und ihre Toleranz für "anders" und "fremd" nicht zu verlieren, um voneinander zu lernen.

Nicht immer braucht man zum Reisen einen Allrad-LKW. Jede Art zu reisen hat ihren eigenen Charme. Manchmal aber ist es ein ausgesprochen gutes Gefühl, in einem fremden Land und einer fremden Kultur nur einen positiven Eindruck (Daumen hoch!) zu hinterlassen und außer ein paar Reifenspuren keine weiteren Veränderungen zu bewirken.



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Kommentare: 4
  • #1

    petra und christian (Freitag, 24 März 2017 20:20)

    Hallo Mi, Hallo Christian
    wir stehen gerade auch vor der Entscheidung ein Allrad-Fahrzeug zu kaufen (Steyr).
    Eben diese Gedanken kommen bei uns auch immer wieder auf. Ist es noch zeitgemäß mit einem schweren alten LKW über meistens gut ausgebaute Straßen zu fahren nur weil im Zielgebiet evtl. ein wenig Gelände kommt?
    Wir werden uns bald entscheiden, euer Beitrag hat uns auf jeden Fall sehr gefallen und geholfen.
    Weiterhin viel Spaß in Marokko,
    Grüße Petra und Christian.

  • #2

    Burkhard (Montag, 27 März 2017 11:19)

    Hallo Christian, hallo Mi!
    Ich danke Euch für diese tollen Bilder und die so authentischen Berichte und Sichtweisen. Seit wir auch von dem "Virus" Fernreisemobil erfassst wurden hat sich unser Leben verändert. Wir lesen unzählige Berichte von Leuten wie Euch, schauen Videos und freuen uns mit allen die es schaffen sich von der "normalen" Welt zu lösen.
    Welch wunderbare Leute wir mittlerweile kennenlernen durften und welche Hilfsbereitschaft einem zu teil wird ist unglaublich.
    Ich hoffe wir treffen uns irgendwann persönlich!
    Macht weiter so! Schön das es Leute wie Euch gibt!
    Schöne Zeit noch und bleibt gesund!!
    LG Burkhard & Ute

  • #3

    Joerg H. (Samstag, 22 April 2017 13:47)

    "Das moderne menschliche Leben belastet nun mal die Ressource Natur. Aber davon geht unser Planet nicht gleich kaputt. " So gesehen : ist sie bereits in vielen gegenden.
    Ich für meinen teil plane gerade mein eigenes mobiles heim. Allerdings nicht auf basis eines lkw. Mein denkansatz ist, autark zu sein. Alles andere ergibt sich daraus.
    Letztendlich bleiben uns nur ein paar jahre auf dieser welt. Und die will ich mir so angenehm wie möglich gestalten.
    Ich wünsche dir (euch) eine gute zeit, bleibt gesund....hang loose.
    Grüße aus oberbayern / landkreis münchen.

  • #4

    Mike (Sonntag, 23 April 2017 23:55)

    Hi,
    was machst Du dir denn so viele Gedanken?
    Wenn Du mit dem klar kommst, was Du machst, ist das OK.
    Auch wenn es "nur" das einsparen von Plastiktüten oder die Eigenproduktion von Strom ist.
    Diese political correcness-Statements muss man nicht öffentlich machen.
    Wer will denn den ersten Stein werfen oder wer entscheidet auf falsch oder richtig?
    Der solle sich melden und ich halte ihm den Spiegel vor, was er/sie alles falsch macht.
    Gruß Mike