Geld und Reisen

Haus, Eigentumswohnung, PKW, teure Freizeitgestaltung, Armbanduhr, Hugo Boss Anzug, wöchentliche Restaurant-/Kino-/Kneipenbesuche, Expeditionsmobil, Langzeitreise - Immer wieder taucht die Frage auf, wie wir das alles eigentlich finanzieren? Die naheliegendste Erklärung dafür kann praktisch nur (unverdienter) Reichtum sein, bspw. durch eine Erbschaft oder einen Lottogewinn. Das stimmt! Könnten wir uns die Langzeitreisen zusätzlich zum üblichen Lebensstandard und Schicki-Micki-Lifestyle leisten, wären wir wirklich reich. Können wir aber nicht.

Es gibt tatsächlich einen Trick hinter der Finanzierung unseres Allrad-LKW-Reiseprojektes, aber der Trick ist so alt, dass ihn schon meine Großeltern kannten. Sie Putzfrau, Er kriegsversehrt, finanzierten sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit trotz zweistelliger Schuldzinssätze ein Zweifamilienhaus und zogen zwei Kinder groß. Wie sie das gemacht haben? Mit Sparen! Und zwar mit der ganz altmodischen Art zu sparen, d.h. erst Sparen und dann Ausgeben.

Es gibt auch eine moderne Art zu sparen. Sie funktioniert - wenn man den zahllosen Werbebotschaften Glauben schenken darf - indem man die richtigen Dinge kauft. Quasi Sparen durch Konsum. Ich lese es in Broschüren, Zeitungen, Werbeflyern, ich sehe es im Fernsehen: "Ich bin doch nicht blöd!", "Geiz ist geil!" und "Kauf Dich schlau." Die einhellige Botschaft: Kauf mich, dann sparst Du was. Und je mehr Du von mir kaufst, umso mehr sparst Du! Ich bin wieder und wieder darauf hereingefallen, aber ... warum auch immer, je mehr ich kaufte, umso weniger Geld hatte ich. Seltsamerweise funktioniert das neumodische Sparen bei mir nicht. Was hingegen recht gut funktioniert, ist einfach nichts zu kaufen, was ich nicht brauche. Dazu musste ich allerdings erst einmal lernen, was der Unterschied zwischen "ich will" und "ich brauche" ist. Danach ist es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit.

Tatsächlich finanzieren wir das LKW-Reise-Projekt allein mit den Ersparnissen aus Konsumverzicht. Verzicht fällt schwer, ich weiß das. Sparen statt Konsumieren ist anstrengend, öde und macht überhaupt keinen Spaß. Dafür führt der Weg mit Sicherheit zum Erfolg. Als uns klar war, was wir in den nächsten Jahren vom Leben haben wollten, konzentrierten wir uns auf die Erreichung dieser Ziele. Wir überlegten, welche Beträge für Fahrzeug und Reise nötig wären und in welchem Zeitraum diese Summe angespart werden könnte. Etwas Selbstbetrug hilft, sich nicht zu demotivieren, denn der Wahrheit ins Auge zu sehen, kann grausam sein.

Der wirklich schwere Teil war dann, auszulassen was wir nicht brauchten: Kino, Theater, Kneipe, Schund-Abos, Statusnippes, Uhr, Handy, Flachbildfernseher, trendige Kleidung, Auto, Eigenheim u.v.m. Einer Sache sollte man sich dabei bewusst sein: Es wird Menschen geben, die einen für Konsumverzicht belächeln und als Sonderling einstufen. Dabei bin ich gegen das Haben-Wollen-Syndrom ja gar nicht immun. Wie oft schon gab ich mein sauer verdientes Geld für Unfug aus? Ich nehme es als wertvolle Erfahrung, dass der Shopping-Kater nie lange auf sich warten ließ. Beim Kauf noch gefreut, zuhause schon bereut.

Wenn Freunde und Bekannte zum Feiern loszogen, blieben wir oft mit dem Verweis auf unser Ziel fern. Es dauerte nicht lange, bis die Absagen erste Früchte trugen und sich vereinzelt Kontakte kopfschüttelnd und spottend aus dem Freundeskreis verabschiedeten. Man kann Alternativen anbieten, aber mit Verlusten muss man rechnen, ich sage es lieber gleich. Mit dem Verzicht auf gemeinsame Unternehmungen lockern sich zwangsläufig zwischenmenschliche Bindungen.

Von den ungezählten Möglichkeiten, sein Einkommen auszugeben, wählten wir nur die wichtigsten aus. Sich vor Augen zu führen, auf wie viele Reisetage man für eine Anschaffung verzichten muss, hilft erstaunlich oft, wichtig von unwichtig zu trennen. Bei Anschaffungen achten wir vermehrt auf Qualität. Hochwertige Ware ist zwar teurer, aber ich erfuhr es hundertfach am eigenen Leib: Wer billig kauft, kauft zweimal. Außerdem erzielt Markenware höhere Preise beim Wiederverkauf.

Einmal mit dem Sparen angefangen, stellte sich zwischen Mi und mir bald ein sportlicher Wettkampf ein: Wer würde es schaffen, mehr von seinem Einkommen zu sparen? Nebenher dünnten wir unseren Haushalt aus. So manche teure Anschaffung entpuppte sich beim Verkauf leider als Fehlinvestition. Aber es macht die Sache nicht besser, weiter daran festzuhalten. Zum Ausgleich gab es für Nippes auch mal einen Liebhaberpreis. Mit jedem Gegenstand, der die Wohnung verließ, gewannen wir Platz. Eine erstaunliche Erfahrung: Wir brauchten gar keine größere Wohnung, wir brauchten nur weniger Mist zu Hause. Der Alltag wurde übersichtlicher, der Kontostand stieg. Zwar hatten wir keine teuren Sammlergegenstände oder wertvollen Gemälde zu verhökern, weshalb durch den Ausverkauf keine großen Beträge hängen blieben. Dennoch, mit der Zeit sammelte sich ein stolzes Sümmchen an. Der eigentliche Clou am Sparen aber ist: Selbst wenn unsere großen Pläne schief gingen, wenn das mit dem Fahrzeug und dem Reisen alles nicht klappen sollte, dann hätten wir immer noch das gesparte Geld. Man kann bei der Sache also gar nicht verlieren!

Ein Rechenbeispiel: Mein letzter PKW forderte über die komplette Laufzeit gerechnet rund 240 EUR Fixkosten im Monat (der Hobbybuchhalter lässt grüßen). Rund 7 Jahre besaß ich danach keinen PKW mehr und sparte dieses Geld monatlich an. Abzüglich Leihwagen, ÖPNV-Kosten, zweier verschlissener Fahrräder, wetterfester Sommer- und Winterkleidung und so weiter sammelte ich exakt das Budget für unseren Steyr 12M18 an; nackig natürlich, so wie er damals vom österreichischen Bundesheer kam. Den Laster leistete ich mir also nicht zusätzlich, sondern statt eines eigenen PKWs.

Den Steyr kauften wir erst, als das Budget in trockenen Tüchern war. Dann ging es an den Fahrzeugbau. Für selbigen und die erste Testreise investierten wir 3,5 Jahre lang unsere gesamte Freizeit neben dem Job. Das brachte zwei Vorteile mit sich: Die lange Zeit ermöglichte das Strecken der Kosten. Anschaffungen mussten nur so schnell bezahlt werden, wie wir beim Bau vorankamen. Da zudem jeder Feierabend, jedes Wochenende und jeder Urlaub für den Fahrzeugbau geopfert wurde, entfielen alle nicht-projektbezogenen Gelegenheiten zum Geld ausgeben.

Vom Einkommensausfall einmal abgesehen kosten unsere Reisen übrigens weit weniger als erwartet. Reisen kostet vorrangig Kraftstoff. Aber in Diesel muss nur investiert werden, wenn man fährt. Ansonsten ist LKW-Reisen wirklich nicht teuer. Die Lebenshaltungskosten fallen nicht höher aus als zuhause auch, in Summe ist es meist sogar weniger. Je nach Reiseland fallen oft deutlich niedrigere Kosten an. Gar nicht bezahlt werden müssen Kosten für Flüge, Hotel und Mietwagen. Da uns die unberührte Natur anzieht, gibt es auf Reisen keine unsinnigen Shopping-Verlockungen. Und gegen Grill und Lagerfeuer unter Sternenhimmel kommt für mich kein Luxus-Restaurant an. Insgesamt gehen wir für uns beide samt Diesel von einem Geldbedarf von 1.500 EUR pro Reisemonat aus uns sind damit bisher auf der sicheren Seite. Wer zuhause noch eine Bleibe unterhalten will, braucht natürlich mehr. Sind wir in einem Monat unter der Budgetlinie geblieben, lässt sich mit der angesammelten Ersparnis im Fall der Fälle auch mal eine Reparatur bezahlen, ohne dass es an die Substanz geht. Alles in allem leben wir unterwegs deutlich günstiger als zuhause, bekommen dafür aber den größten Luxus, den wir uns wünschen können: Wir sind Herr über unsere Zeit!

Unser Reisebudget reicht nicht aus, um uns dauerhaft aus dem Berufsleben zu verabschieden. Schade... oder doch nicht? Ist "Arbeiten müssen" Pech oder doch Glück? Das kommt darauf an, unter welchen Umständen man sein Geld verdient. Dank guter Ausbildungen gilt für uns: Wir arbeiten gerne. Das mag komisch klingen, ist aber so. Arbeit gibt dem Leben nicht nur eine finanzielle Grundlage, sondern auch Struktur, Erfolgserlebnisse (hin und wieder) und ein soziales Miteinander. Nicht mehr arbeiten zu können wäre tatsächlich eine grauenhafte Vorstellung. Nebenbei: Je mehr wir uns um unseren Lebensunterhalt kümmern müssen, umso mehr wissen wir unsere Reisen als Ausflüge vom Alltag zu schätzen. Und das ist gut so, denn nur zu oft weiß man etwas erst zu schätzen, wenn man es nicht mehr hat.

Wir treffen immer mehr Menschen, die sich mit dem Virus Langzeitreise infiziert haben. Viele haben sich den Traum auch schon erfüllt. Das könnte das Happy End der Geschichte sein. Aber das Leben geht weiter und nach zwei Reisen haben wir auch eine Antwort auf die Frage, was nach der Reise kommt. Sie lautet: Die nächste Reise. Das ist unausweichlich. Steht das Reisemobil erst einmal vor der Tür und ist zusätzlich noch ein Reisebudget vorhanden, dann will man früher oder später wieder weg. Doch das hat Folgen. Denn trotz aller geforderten Flexibilität, die zu bieten wir durchaus bereit sind, ermöglicht kaum ein Arbeitgeber die Vereinbarkeit einer beruflichen Karriere mit regelmäßigen Langzeitreisen.

Als Folge einer oder mehrerer Auszeiten droht ein Karriereknick. Nicht wenige Reisende orientieren sich irgendwann beruflich neu und versuchen, Reisen und Arbeiten stärker in Einklang zu bringen. Mir fallen da sofort eine Handvoll Beispiele ein. Der Weg in die Selbständigkeit kann ein Ausweg sein, wenn die Tätigkeit zeitlich und räumlich ungebunden ist. Manch einer versucht sich auch als Berufsreisender, der auf der Suche nach immer neuen Wegen und Geschichten durch die Welt zieht. Das klingt verlockend, aber ist es realistisch, seinen Lebensunterhalt davon bestreiten zu können? Das ist tatsächlich sehr individuell. Nach unserer Erfahrung bieten neue Wege auch immer neue Chancen, die man sich vor dem ersten Schritt kaum vorstellen konnte. Mir scheint es nicht nötig, die Finanzen bis ans Lebensende durchzuplanen. Ein paar Schäfchen sollte man schon im Trockenen haben, denn unverhofft kommt oft genug. Ein Rest Existenzangst verleiht aber auch den nötigen Drive, Augen, Herz und Verstand offen zu halten. Alles andere ergibt sich dann auf dem Weg.

Euer Christian aka Oschi



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