Die Suche nach dem heiligen Gral

Auf dem Weg durch die Westsahara kündigt sich eine kapitale Reifenpanne an: Auf der Innenflanke des rechten Hinterrades hatte sich in der Nähe des Felgenhorns eine faustgroße Beule gebildet. Durch das Stahlgewebe des Reifens dringt Luft zwischen die Gummilagen - ein Karkassenriss!

Unsere Reifengröße 14.00 R 20 soll weltweit verfügbar sein, weil dieser Typ für Sprengringfelgen auch beim Militär Verwendung findet. Und wo auf dieser Welt fände sich kein Militär? Wir machen in Marokko den Realitätscheck. Ein Drama in vorerst fünf Akten.

Erster Akt

In Boujdour nutze ich die Polizeikontrolle am Eingang der Stadt, um auf unser Reifenproblem hinzuweisen. Der Polizist ruft einen Mechaniker herbei und raunt mir zu, in jedem Fall den Preis vorher(!) auszumachen. Der Tipp ist Gold wert. Wir folgen dem Mechaniker zu seiner Garage, wo Mi - zum Erstaunen der Jungs - und ich das beschädigte Rad gegen das Ersatzrad austauschen. Für die Schraubgelegenheit und ein paar hilfreiche Handgriffe schenke ich dem Mechaniker meine Maglite Taschenlampe.

Um einen Ersatzreifen aufzutreiben, telefoniert der Mechaniker einige Kollegen ab. In Afrika braucht alles etwas mehr Zeit, also bittet er uns bis morgen auf Informationen zu warten. Das tun wir auf dem Campingplatz von Boujdour, der zwar nicht schön aber zentral liegt. Wir essen gut und reichlich im Straßenimbiss, kaufen ein, tanken Wasser auf, lassen unsere Wäsche waschen und unternehmen einen ausgedehnten Strandspaziergang.

Am nächsten Morgen will der Mechaniker in El Aaiún zwei Reifen aufgetrieben haben, einen neuen und einen gebrauchten. Er kann zwar weder Marke noch Typ nennen und auch keine Bilder vom Profil zeigen, aber ich könnte ihn sicherheitshalber jetzt schon bezahlen. Sicherheitshalber kaufe ich die Katze nicht im Sack. Er bietet an, persönlich nach El Aaiún zu fahren und die Reifen zu besichtigen. Wir tauschen die Telefonnummern aus, er fährt los ... und mir fällt ein, dass wir keinen Preis für diese Dienstleistung ausgemacht haben.

Um einer Enttäuschung vorzubeugen, würde ich nur den neuen Reifen kaufen. Selbst wenn man zu viel bezahlt bekommt man immer noch die bestmögliche Qualität, denn ein neuer Reifen ist ein neuer Reifen. Ein Versprechen à la "gebraucht aber in gutem Zustand" ist hingegen Ansichtssache. Der Ärger wäre vorprogrammiert.

Am Nachmittag kommt der erwartete Anruf. Es braucht jedoch mehrere Telefonate, bis ich die Marke erfahre. Die Typbezeichnung bekomme ich nicht aus ihm heraus, da hilft kein Dolmetschen und kein SMSen und kein WhatsAppen. Den Typ muss ich aber wissen, denn ein in Deutschland nicht erhältlicher Typ schränkt die zukünftige Verwendungsmöglichkeit stark ein. Weil ich die Information nicht bekomme, breche ich die Aktion ab. Dass da trotzdem eine Rechnung kommen wird ist klar.

Am Abend kommt der Mechaniker zum Camping und die Preisverhandlung beginnt. Streng genommen kann ich nicht wissen, ob die Fahrt nach El Aaiún tatsächlich stattgefunden hat (immerhin 200 km pro Weg). Ich biete über großzügig berechnete Spritkosten an, die Hälfte der Aktion zu bezahlen. Die andere Hälfte soll er als unternehmerisches Risiko selbst tragen, da ich die erhofften Informationen nicht bekam. Aus meiner Sicht ist das ein guter Kompromiss zwischen einer nicht überprüfbaren Arbeitsleistung und meinem schlechten Gewissen. Um es kurz zu machen, wir einigen uns nach einer knappen Stunde auf mein Angebot. Das, was in der Zwischenzeit stattfindet, ist als Schauspiel arabischer Verhandlungskunst par excellence allein schon das Geld wert.

Zweiter Akt

Unverrichteter Dinge fahren wir weiter nach Dakhla. Der asphaltierte Zubringer blendet in der Mittagssonne. Es gibt nur wenig Verkehr. Vor uns zockelt ein Baustellen-LKW, in Gegenrichtung passieren wir ein paar PKW. Alles ist ruhig und entspannt, da macht es klack und die Frontscheibe bekommt einen Steinschlag verpasst. Shit!

Im Industriegebiet am Hafen finde ich einen ... einen ... Tja, wie soll ich das beschreiben: für einen LKW-Friedhof sind zu viele der Laster fahrbereit, für eine Servicestation wiederum stehen zu viele Wracks herum. Jedenfalls spreche ich ein paar Trucker an, die sofort eine Telefonkette in Gang setzen. Nach einer unterhaltsamen Stunde wird klar, einen 14er Reifen werde ich in Dakhla leider nicht finden, Truckerfreunde dafür sehr wohl.

Dritter Akt

Wir verlassen den Schauplatz und machen einen kleinen Sprung durch Zeit und Raum. Den Erzählfaden nehmen wir zurück in El Aaiún wieder auf. Der MAN Truck & Bus Servicestützpunkt empfängt uns mit offenen Armen. Wir bekommen alle Hilfe angeboten, die wir brauchen, nicht nur den Reifen sondern auch noch einige andere Dinge betreffend. Offensichtlich war es gut, mich auf dem Hinweg nicht über die für Marokko untypisch hohen Kosten des Ölwechsels zu beschweren.

Die Reifen des Mechanikers von Boujdour kann auch der Chef von MAN hier finden. Nach einigen Telefonaten zieht ein MAN-Mann los, um einen gebrauchten Reifen in gutem Zustand zu holen. Mi, ich und einer der MAN-Leute überbrücken die Wartezeit mit einer Kontrolle der Auspuffbremse und einem partiellen Durchwechseln der Räder. Ich will das profilstarke Ersatzrad vorne links haben, um den Schiefstand des Fahrerhauses zu reduzieren. Der Service soll uns später nicht berechnet werden, stattdessen erhalten wir eine Einladung in die Jagdhütte des Chefs.

Der organisierte Reifen stellt sich leider als völlig inakzeptabel heraus. Er ist in einem deutlich schlechteren Zustand als unser beschädigter. Wenn ich mir überlege, ich hätte das zerrupfte Ding in Boujdour als "gebraucht aber in gutem Zustand" gekauft, au weia... Aber alles kein Prolem. Der MAN-Chef hatte uns sowieso dazu geraten, einen Reifen lieber erst in Spanien zu kaufen.

Vierter Akt

Agadir, mondäne Großstadt am Atlantik. Außerdem laut, hektisch, stressig und dreckig. Die ADAC-Vertreterin vor Ort findet einen Reifenhändler, der einen neuen Pirelli Pista PS22 besorgen kann. Wir ignorieren ungestraft alle Durchfahrtsverbote, um zur Reifenbude zu gelangen. Der Reifen ist zwar nicht da, aber der Chef verspricht, dass ich das fertig montierte Ersatzrad morgen früh um 10 Uhr abholen kann. Im Gegenzug verspreche ich, dass er das Ersatzrad zur Montage bekommt sobald der Reifen da ist. Nach einer Übernachtung vor der Werkstatt stellt sich heraus, dass der Reifen vorerst nicht aus Casablanca geliefert wird. Ich könne ihn aber hier bezahlen und in Casablanca abholen. Ungesehen? Ja nee, is klar. Aber so ist Marokko, immer für einen Scherz gut.

Fünfter Akt

Wir fahren die N8 durch die wunderschönen Ausläufer des Antiatlas weiter nach Norden. Da wir demnächst wieder ausreisen, liegt Casablanca ohnehin auf dem Weg. Wir haben die Adresse, wo der Reifen angeblich sein soll und finden in dem smogverseuchten Moloch tatsächlich hin. Wie hoch muss die Luftverschmutzung sein, damit eine Küstenstadt unter einer Dunstglocke liegt? Der Preis für den Reifen ist nun gut 100 EUR höher. Nach einer Stunde Herumschäkern gilt wieder der Preis von Agadir. Ich könnte den Reifen doch schon mal bezahlen ... gesehen habe ich ihn aber noch nicht. Ja, klar ... gähn ... Leute, der Witz hat nun schon einen Bart. Erst Gucken, dann Entscheiden. Wir fahren ins Depot und der Reifen stellt sich als Ladenhüter heraus: Einzelstück, fünf Jahre alt. Sorry, aber neu ist der nicht. Für den Preis bekomme ich 400 km weiter in Spanien einen ofenfrischen Reifen. Da muss beim Preis dann doch noch was gehen. Geht aber nicht, denn vielleicht findet sich ja noch ein Dummer. Kann ich verstehen, aber wir sind dann mal wieder weg.



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