Autos, Straßen und Verkehr

Der folgende Artikel fasst die Beobachtungen aus den ersten viertausend Kilometern im ländlichen Marokko zusammen. Im Grunde gilt: Wer um die Metropolregionen Rabat, Casablanca, Marrakesch und Agadir einen großen Bogen macht, erlebt mit dem Auto einen vollkommen entspannten Straßenverkehr. Wem das zu langweilig klingt, dem lege ich einen Besuch in einer der großen Städte nahe - sie können auch anders, die Marokkaner.*

Autos

In Bezug auf Autos scheinen Marokkaner nur eine Leidenschaft zu pflegen: Ein Mercedes sollte es schon sein. Ansonsten werden Autos in Marokko als reine Transportmittel angesehen, um Menschen und Dinge von A nach B zu bringen. In über zwei Monaten im Land und vielen Tausend Kilometern auf Marokkos Straßen und Pisten sah ich nur zwei Ausnahmen: eine Corvette und ein BMW 745i (E38).

In der Regel werden Autos mit Personen, Hab und Gut so vollgepackt wie möglich. Aus fünfsitzigen Limousinen steigen gerne mal sieben Leute mit Gepäck aus. Pick-Ups und Lieferwagen schleifen mit dem Heck oder - in furchteinflößender Schräglage - einseitig fast auf dem Boden. LKW werden fünf und mehr Meter hoch bepackt, wobei die Lademeister wahre Verpackungskünstler sind. Taxis sind allgegenwärtig.

Wer immer schon mal wissen wollte, wo all die Autos hin sind, die in den letzten Jahrzehnten aus dem deutschen bzw. europäischen Straßenbild verschwunden sind - sie sind hier! Wer kennt sie noch: Renault 4, 5, 9, ..., 21, Peugeot 404, 504, Mercedes /8, W123 und 190, 210er/310er Sprinter. Interessanterweise dominieren die Youngtimer und Oldtimer das Straßenbild eher im reichen Norden und Nordwesten. Im strukturell schwachen Süden und Südosten fahren verhältnismäßig mehr jüngere Gebrauchte.

Nicht alles, was noch fährt, käme durch den deutschen TÜV, das ist klar, wir sind hier schließlich in Afrika. Aber alles was noch fährt, wird liebevoll am Laufen gehalten. Dazu passt die großartige Servicelandschaft, wo die Anzahl Werkstätten am Wegesrand zur Anzahl im Umlauf befindlicher Fahrzeuge im Verhältnis 1:1 steht. Viele Garagen pflegen das Prinzip der gläsernen Werkstatt, wo der Kunde live dabei sein kann, wenn der Motor auf dem staubigen Vorplatz zerlegt wird, beim Ölwechsel ("Vidange") das schwarze "Gold" umgehend der Natur wieder zugeführt wird oder in der Waschstraße ("Lavage") verölte Bauteile mit Diesel aus der Druckbecherpistole gereinigt werden.

Straßen

Gemessen an meinen Erwartungen ist das Straßennetz hervorragend: hervorragend ausgebaut und in hervorragendem Zustand. Asphaltbänder ziehen sich durch das ganze Land, bis an jede Wüstenregion und bis in die höchsten Höhenlagen. Die Asphaltdecke ist in gutem bis sehr gutem Zustand. Die meisten Straßen scheinen jüngeren Ursprungs oder sind frisch asphaltiert. Schlaglöcher sind so selten, dass sie geradezu positiv auffallen. Der Ausbau und die Qualität der Verkehrsinfrastruktur sind im Nordwesten am höchsten. Im Osten ist die Infrastruktur etwas einfacher und im Süden führt meist nur noch die asphaltierte Nationalstraße 1 an der Küste entlang bis nach Mauretanien.

Durch viele Wüstenrandgebiete (u.a. am Erg Chebbi vorbei) kommt man inzwischen auf perfekt asphaltierter Straße. Die Wüstenregionen wiederum sind von ungezählten Pisten und Reifenspuren durchzogen, manche davon sind kartographiert, manche nicht (oder je nach Karte). Und manche gibt es auch erst, seitdem wir da durch fuhren. Baustellen kennt man auch hier zur Genüge, denn der Straßenbau ist sehr aktiv. Die Absicherung ist rudimentär und Umleitungen werden gerne mal zu Offroadpisten. An den vielen Baustellen (egal ob Teer oder Piste) wird durchweg gearbeitet. Das kennen wir aus Deutschland so nicht, wo nach dem Absperren der Fahrspuren erst einmal eine Zäsur unbekannter Dauer eintritt.

Autobahnen

Marokkos Verkehrsnetz weist nur eine Handvoll Autobahnen auf, die allesamt mautpflichtig sind. Da es genügend Alternativstrecken gibt und niemand, der nicht unbedingt muss, Geld für die Straßennutzung bezahlt, sind sie wie leergefegt. Die kaum befahrenen Asphaltdecken sind in erstklassigem Zustand. Die Maut beträgt nur wenige Euro. Für Selbstfahrer, die schnellstmöglich in den Süden oder Osten reisen wollen, sind die Autobahnen eine klare Empfehlung. Keine andere Verbindungsstraße ermöglicht ein schnelleres und direkteres Vorankommen. Insbesondere das Rifgebirge mit seinen negativen Begleiterscheinungen wie Müll und Rauschgifthändlern und den schneebedeckten Atlas können Reisende per Autobahn in kürzester Zeit überqueren.

Überlandstraßen / Nationalstraßen

Asphaltstrecken gibt es so gut wie überall, man kommt also auch mit einem Straßenfahrzeug in ganz Marokko herum. Asphaltierte Landstraßen verbinden Stadt und Dorf. In ländlicheren Regionen ist nur eine Fahrspur asphaltiert, die man sich mit dem Gegenverkehr teilt. Die Fahrbahn geht am ausgefransten Rand in ein üppig breites Bankett über, das bei Gegenverkehr oder beim Überholvorgang einfach mitgenutzt wird (Platz ist genug da). Selten sind Überlandstraßen zweispurig mit Fahrbahntrennung. Ganz selten gibt es eine Fahrbahnrandmarkierung. 

Aus Lasterperspektive sind die Straßen außerorts schmal aber nicht eng und wellig aber keine Achterbahn. Die Straßen folgen dem Gelände und sind in profiliertem Gelände oft unübersichtlich. Im Gebiet der Westsahara zieht sich das Asphaltband dagegen schnurgerade bis zum Horizont durch eine topfebene Wüstenlandschaft am Meer entlang.

Ortsstraßen

Ampeln sind selten, überwiegend sorgen Kreisverkehre - der französische Einfluss lässt grüßen - für einen reibungslosen Verkehrsfluss. Ortsumgehungen sind bis auf wenige Ausnahmen unbekannt. Die Hauptstraßen sind reine Transportstrecken und verlaufen durch den Ortskern bzw. der Ortskern mit all seinen Geschäften, Märkten und Cafés siedelt sich immer an der Hauptstraße an (Lage! Lage! Lage!). Ab dem Atlas sind die kleineren Ortsstraßen nicht mehr asphaltiert. Abseits der Hauptstraße dominiert dann innerstädtisch unbefestigtes Gelände. Eine Besonderheit innerorts sind die oberirdisch verlaufenden Stromleitungen. In der Regel liegt die Durchfahrtshöhe bei 4 Metern; ein Blick nach dem Motto "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" kann nicht schaden.

Pisten

Pisten und wilde Fahrspuren gibt es in Marokko jede Menge. Sie führen über Untergründe aus Schotter, Sand, Staub und Gestein, und das manchmal in sehr schnellem Wechsel. Generell ist die Landschaft durch Wanderdünen, erodierende Winde und mancherorts auch durch spontane starke Regenwasserläufe in Bewegung, daher sind nicht alle Pisten beständig (ein Manko älterer Karten).

Brücken

Rund um Oasen verlaufen viele Bewässerungsgräben. Wo Pisten kreuzen, sind die Gräben mit Stahlbetonplatten überbrückt. Die Platten sind mal dicker und mal dünner, mal in tadellosem Zustand und mal erlauben sie tiefe Einblicke auf die Armierung. Hinweise auf die Belastbarkeit der improvisierten Brücken gibt es keine, daher raten wir aus eigener einschlägiger Erfahrung dazu, im Zweifelsfall die Unterkonstruktion in Augenschein zu nehmen.

Wenn es in Marokko richtig regnet, können die Wassermassen im steinigen Boden nicht versickern und bilden in wenigen Stunden rasende Flüsse. In der trockenen Jahreszeit sieht man den Flusstälern, den sogenanntenn Oueds, durch den neugebildeten Bewuchs oft nicht an, welche reißenden Ströme sich hier Bahn brechen können. Je nach Umgebung werden solche Oueds mal durch Brücken mit Tonnageangaben überspannt; mal verläuft die Straße nur kostengünstig quer über den frei liegenden Grund und wird in der Regenzeit einfach überspült.

Verkehr und Straßenbild

Der Vergleich zum Verkehr auf deutschen Autobahnen und Landstraßen hinkt: es gibt hier keinen Verkehr. Die Autobahnen sind leer und auf Landstraßen sind nur wenige Autos unterwegs. Das hat mich ziemlich überrascht. Anders ist das Bild in den Städten und Dörfern, denn das Leben findet entlang der Hauptstraße statt. Wenn Markt ist, kommt der Verkehr auch mal zum Erliegen. Ein Stau ist die beste Gelegenheit für einen Spontankauf aus dem Auto heraus. Es fährt, läuft, radelt, trabt, schiebt kreuz und quer, vorwärts und rückwärts, was sich nur bewegen kann. Erstaunlich schnell gewöhnt man sich an die bunte Vielfalt der Verkehrsteilnehmer: Dromedare, Esel, Ziegenherden, wilde Hunde, Kutschen, karrenschiebende Händler, Radfahrer, Mopedfahrer (ohne Helm), Fußgänger, Geisterfahrer.

Licht gilt allem Anschein nach als uncool oder falsch. Das bedeutet beim Fahren im Dunkeln maximale Aufmerksamkeit. Unbeleuchtete Verkehrsteilnehmer finden sich überall, wirklich überall! Auch außerorts, auch in entlegenen und unwirtlichen Berg- und Wüstenregionen! Generell aufpassen sollte man auch auf Fußgänger und Radfahrer, die deutsche Vorfahrtsrechtbeharrer nicht gewohnt sind. Was man aus Deutschland nicht kennt: tiefhängende Oberleitungen, Brücken ohne Tonnageangaben und Sanddünen, die über die Straße wachsen. Anhalter (alt: Tramper), aus dem deutschen Straßenbild längst verschwunden, warten häufig an Marokkos Straßen, um mitgenommen zu werden: zur Arbeit, zum Markt, in die Teestube oder mit dem Einkauf nach Hause. In Marokko gilt: Nur ein Schwein fährt allein. Verkehrte Welt: In Deutschland nimmt niemand mehr einen Fremden mit, es könnte ja ein Verbrecher sein.

Hinweisschilder sind überwiegend doppelt in arabisch und französisch beschriftet. An Verkehrsregeln sind Stoppschilder, Geschwindigkeitsbeschränkungen, Gewichtsbegrenzungen, Halteverbote (rot-weißer Randstein) und Haltezonen (grün-weißer oder blau-weißer Randstein) erwähnenswert. Eine durchgezogene Linie soll vermutlich das Überholen untersagen. Es kann auch sein, dass die Linie einfach nur signalisiert: Hier geht's lang!

Fahrbahnmarkierungen und Überholverbote werden nach unserer Beobachtung von marokkanischen Autofahrern als unverbindliche Empfehlung betrachtet. Jeder Einheimische entscheidet für sich, ob und wann er überholt. Ein typischer Überholvorgang läuft ungefähr so ab. Zunächst legt sich der marokkanische Autofahrer sein Opfer in Ruhe zurecht, indem er sich langsam an die hintere Stoßstange heransaugt. In Armeslänge Abstand angekommen zieht er abrupt links raus und genießt im Anschluss ausgiebig den Überholvorgang, wobei er seine Freude mit dem Überholten durch häufiges Hupen teilt. Beim Überholen lässt er sich weder von Gegenverkehr noch von uneinsehbaren Kurven stören.

Generell fährt der Marokkaner weniger strikt nach Regeln, sondern mehr nach gesundem Menschenverstand. Wo man in Deutschland - wenn nötig mit Gewalt - auf seinem Vorfahrtsrecht besteht, treffe ich in Marokko durchgehend auf Rücksicht und Verhandlungsbereitschaft. Mir ist das sehr sympathisch. Man hupt nicht (außer zur Warnung und zum Gruß), man mault nicht, man drängelt nicht, man nötigt nicht. Das kann natürlich an Oschi liegen, der auf seinen riesigen Rädern wie ein Panzer durch den Verkehr rollt. Zumindest aus drei Metern Höhe im Fahrerhaus empfinde ich Marokkos Straßenverkehr absolut entspannt, kein Vergleich zum nur mühsam per StVO geregeltem Nahkampf auf deutschen Straßen.

Natürlich ist es ungerecht, alle marokkanischen Autofahrer in einen Topf zu werfen und somit Klischees heraufzubeschwören. Im Gebiet der Westsahara verhalten sich die einheimischen Autofahrer vollkommen anders: Im Dunkeln wird mit Licht gefahren. Alles andere ... siehe oben. :-)

Unseren Truck bewege ich schon allein zum Gucken sehr langsam über die Straßen. Für die Marokkaner stellt das kein Problem dar, sie sind langsamere Verkehrsteilnehmer gewohnt. Das möchte ich zuhause einmal erleben, dass der Hintermann nicht drängelt, wenn ich auch nur 1 km/h unter seinem gefühlten Limit bleibe!

Polizei und Militär

Die Polizei ist auf den Straßen sehr präsent, zwischen den Orten als Kontrollstellen und in den Orten als Verkehrspolizei. Nach unserem Eindruck sind die Polizeikontrollen in Nordmarokko und der Westsahara vollkommen unterschiedlich. Im Norden werden nach unserer Erfahrung nur Einheimische angehalten. Dort wurden  wir bisher nicht von der Polizei kontrolliert, allerdings leiste ich den Anweisungen der Verkehrspolizisten auch kompromisslos Folge. Auf der N1 durch das Gebiet der Westsahara wiederum werden alle Fahrzeuge kontrolliert, auch wir dürfen immer wieder unsere Pässe vorzeigen. Eine Überraschung ist die Masse an mobilen Radarfallen im Land. Das Tempolimit wird sehr streng kontrolliert. Zwar gilt unter LKW-Fahrern die alte Regel "lieber tot als Schwung verlieren", dennoch gerät man mit dem Truck nicht so schnell in kritische Geschwindigkeitsbereiche. Sollten einem vermehrt Fahrzeuge mit Lichthupe entgegenkommen, warnen einen diese in der Regel vor einer Verkehrskontrolle.

Die Landesgrenze ist sehr gut bewacht. Auf den Pisten im Grenzgebiet zu Algerien und Mauretanien und im Gebiet der Westsahara (einschließlich der Atlantikküste) finden sich zahlreiche Militärkontrollen. Meist befinden sich die Kontrollstellen im Sichtabstand (unser Rekord liegt bei 6 Kontrollen auf ca. 25 km Piste). Die meisten Außenposten sind klein und erschreckend einfach gebaut. Bis zu zwei Monate am Stück leben hier 4 bis 6 Soldaten unter teils einfachsten Bedingungen: ohne fließendes Wasser, ohne Heizung, ohne Handynetz, ohne Fahrzeug(!), nur mit Batteriestrom und Funkverbindung zur nächsten größeren Hauptstelle oder Kaserne. Die uniformierten Jungs freuen sich alle ein Loch in den Bauch über die Abwechselung und wollen nur die Pässe sehen und ein paar Daten erfassen (woher, wohin, Beruf und Automarke). Selbst als wir "versehentlich" in militärisches Sperrgebiet eindrangen und abgefangen wurden, waren die Soldaten freundlich und korrekt. Wir wurden einfach wieder hinauseskortiert und auf einer offiziellen Piste abgeliefert. Kein Stress, keine Strafe.

* Dass es in den Großstädten der Küste etwas anders zugeht, zeigt dieses Video von unserem Ritt durch Casablanca:



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Kommentare: 3
  • #1

    Stefan (Sonntag, 29 Januar 2017 20:34)

    Klasse Artikel, freue mich schon auf MA heuer (zum ersten Mal, und dann noch im September...).
    Welche Karten benutzt ihr denn umd wie navigiert ihr?

    Viele Grüße

  • #2

    videomundum (Mittwoch, 01 Februar 2017 21:05)

    Hallo Stefan,

    zur groben Orientierung benutzen wir eine Papierkarte, für Marokko stammt sie aus dem ReiseKnowHow-Verlag. Im Detail hat sie ein paar Mängel, aber für die Feinplanung nutzen wir OpenStreetMap-Karten (Navigator App für Android). Diese OSM-Karten verwenden viele Navigationssysteme unter ihrer bunten Oberfläche. Die enthält ist schon sehr, sehr viel Pistenmaterial (auch viele "Geheimtipps"). Ein toller Tipp stammt von www.herman-unterwegs.de: Die Soviet Military Maps App für Android. Die App bietet u.a. sehr nützliches topographisches Kartenmaterial, in der Freeware allerdings nur online. Ohne Netz hast Du damit ein Problem ;-). Und dann scheuen wir uns auch nicht, nur nach Kompass zu fahren.

    LG Christian

  • #3

    Stefan (Mittwoch, 01 Februar 2017 22:20)

    Danke für die Antwort ;)