Stein oder nicht Stein...

Auf den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung waren wir unheimlich gespannt, denn Land und Leute kennenzulernen, ist in jedem Fall Teil und Ziel unserer Reise. Bei aller Aufregung zuhause können wir hier Entwarnung geben: Der Marokkaner ist von Haus aus freundlich, höflich und gastfreundlich. Selbst wenn er wenig hat, gibt er viel. Gerne bietet er seine Hilfe an, drängt sich aber nicht auf. Egal wo wir uns herumtreiben, wir fühlen uns grundsätzlich sicher und gut umsorgt.

Es gibt aber auch skurrile Begegnungen, die nicht unerwähnt bleiben sollen. Je mehr Tourismus ein Ort sieht, umso mehr schlägt bei einigen Landsleuten die offenherzige Neugier in geschäftsmäßige Aufdringlichkeit um. Dann will man sich als Führer anbieten, als Übersetzer, als Fahrer, als Träger, als Parkplatzeinweiser oder als Aufpasser. Dass wir das alles nicht brauchen, interessiert den Anbieter mitunter wenig. Vertrieben wird solange, bis gekauft wird. Vertriebler können hier einiges über Kaltaquise lernen.

Natürlich ist in den Touristenzentren nichts umsonst. Ein kleines Geschäft, ein kleiner Tauschhandel, eine Gefälligkeit gegen ein Geschenk. Was ist schon dabei? Kleine Geschenke und Freundschaft, war da nicht was? Doch, zuhause ist es ja auch nicht anders. Allerdings treffe ich zuhause selten Leute, die mir eine ungewollte Dienstleistung aufdrängen und dafür auch noch eine Entlohnung erwarten. Die Sicht der Anbieter ist einfach: Lässt der Tourist sich auf ein Gespräch ein, muss er interessiert sein. Der Fisch hängt dann sozusagen am Haken. Verhält er sich aber abweisend, wendet sich der Schlepper mit ungetrübter Stimmung dem nächsten Opfer zu. Klare Kommunikationssignale - wie Ignorieren, Wegdrehen oder Abdrängen wirken Wunder. Dazu muss man nicht mal Arabisch sprechen, denn ein beherztes "Geh mir nicht auf den Sack!" im richtigen Tonfall ausgesprochen wird international verstanden :-)

Und dann wären da noch die obligatorischen Steineverkäufer. Ginge es nach der Häufigkeit, mit der uns Steine, sorry, Fossilien angeboten werden, Oschi wäre längst ein Kieslaster. Steineverkäufer finden den Touristen überall. Ihr Name ist Legion und sie sind viele! Kaum ein Ort, an dem wir uns in Sichtweite von Menschen aufhalten, zu dem nicht binnen weniger Minuten Steineverkäufer zu Fuß, mit dem Moped oder dem Rad eilen würden - natürlich mit einer Auswahl aktuell gefragter Steine, sorry, Fossilien im Angebot.

Steine, sorry, Fossilien, das scheint ein Touristending zu sein. Ich habe es schon mehrfach beobachtet, die eigenen Landsleute bleiben vollkommen unbehelligt. Es muss einmal ein Reisender einen Stein, sorry, eine Fossilie gekauft haben, und diese Nachricht ging wie ein Lauffeuer durchs Land. Nur... unbearbeitete Fossilien sind in der Sahara alles andere als eine Seltenheit. Man muss sie nicht suchen, sie sind in praktisch jedem x-beliebigen Stein eingeschlossen. Die Masse Versteinerungen rührt daher, dass die Sahara einst ein lebendiges Meer war. Felsige Berge entpuppen sich aus der Nähe als ehemalige Korallenriffe, bunte Hügel bestehen aus hunderttausenden einzeln unterscheidbaren Sedimentschichten. Abgesehen davon teile ich die Begeisterung für alte Steine nur begrenzt, wenn sie nicht gerade poliert oder sonst wie aufgearbeitet sind.

Man trifft im Land auf viele arme Schlucker, die alle Hilfe brauchen können, und für einige land- und besitzlose Marokkaner ist der Fossilienhandel die einzige Verdienstmöglichkeit. Da sind zum Beispiel Nomaden in zerfetzten Schuhen und verschmutzter löchriger Kleidung über weite Strecken zu Fuß in der Wüste unterwegs. Da irren alte Frauen und Männer in bedenklichem Gesundheitszustand auf der Suche nach Essbarem durch die Märkte und Läden der Stadt. Wer wollte hier nicht mit ein paar Dirham, abgelegter Kleidung oder ausgemusterten Schuhen helfen? In solchen Fällen dient der Tausch gegen einen Stein, sorry, eine Fossilie dazu, den Schein zu wahren. Die Ausfuhr archeologischer Artefakte (und deren Einfuhr nach Deutschland) ist u.U. jedoch strafbar, daher empfiehlt es sich, die eingetauschten Steine, sorry, Fossilien umgehend wieder zu entsorgen.

Von den Ärmsten der Armen leicht zu unterscheiden sind die vermeintlich Hilfsbedürftigen, die motorisiert und wohl genährt auftauchen und eine Handvoll Steine, sorry, Fossilien vom nächsten Steinhaufen gegen Kleidung, Schuhe oder Diesel eintauschen möchten. Hm... wieviele Steine muss man wohl für einen fahrbaren Untersatz verkaufen? Oder süße kleine Kinder, die Touristen mit ausgestreckter Hand und feuchten Augen um Geschenke anflehen (immer mindestens zu dritt). Wartet ein bißchen und sie werden an der Straßenecke mit dem Pickup abgeholt und zum nächsten touristischen Hotspot gebracht. 

Untereinander erwarten auch Marokkaner, dass Gefälligkeiten irgendwann ausgeglichen werden. Sollten sich Touristen dann anders verhalten? Sollten sie ohne Gegenleistung geben, nur weil sie es können? Im Vergleich zu vielen Marokkanern sind Touristen unglaublich reich. Doch gerade die Kinder lernen schnell und wer einmal von Durchreisenden mit Geld, Kleidung, Spielzeug, Bonbons, Stiften und was sonst noch überschüttet wurde, der lernt, dass es geht und probiert es immer wieder. Der lange Weg über Bildung und Arbeit erscheint demgegenüber kaum noch attraktiv. Wer hier mit mitgebrachten Sachspenden um sich wirft, unterstützt ein verwerfliches Geschäftsmodell. Die Waren landen umgehend in der Verkaufsauslage eines Ladens und mit solch niedrigen Einstandspreisen machen die Schlitzohren die eigenen lokalen Märkte kaputt.

Bis auf wenige Ausnahmen sollte jeder etwas dafür tun, sich Unterstützung zu verdienen. Dass der Tausch selten "fair" ist, ist dabei irrelevant, es geht um den Ausgleich von Geben und Nehmen und den Erhalt der Würde. Steinehändler sind geborene Dienstleister. Mit ihrer Hilfe als Einkaufsführer kommen wir auch ohne Landes- und Sprachkenntnisse an alles, was wir brauchen. Bei Nomaden kann man Ziegen- oder Kamelmilch eintauschen und dazu gesüßten grünen Tee mit Minze trinken. Der Bettler bekommt einen Sixpack Wasserflaschen zum Tragen in die Hand gedrückt. Der motorisierte Steinehändler kann zumindest irgendwo ein Fladenbrot besorgen. 

Wer aus falsch verstandener Hilfsbereitschaft (oder um sich aus der Bedrängung freizukaufen) die Nachfrage der Schnorrer, Schlepper und Steineverkäufer bedient, bestätigt dieses Verhalten nur und macht es immer schlimmer. Es fördert die Erwartungshaltung, die andere Reisende unangenehm zu spüren bekommen. Mir scheint, es waren schon einige Reisende vor uns da, die das nicht wussten. Ab und an fragt sogar einer ohne jedes Hallo unverblümt nach Schuhen, Bier oder Wein; das ist die Schattenseite des Tourismus. Solche unhöflichen Rüpel kommen bei ihren Landsleuten gar nicht gut an und man jagt sie am besten lautstark fort. Um Fes herum im nördlichen Rifgebirge, wo Touristen wohl nur noch als Geschenkemaschine wahrgenommen werden, soll es bei Nichterfüllung der Erwartungen sogar Fossilien, sorry, Steine hageln - wortwörtlich, also nicht mit der offenen Hand freundlich dargeboten. 

Wir wurden bisher überall freundlich und interessiert angenommen, auch von jedem Schlepper, Führer, Übersetzer, Fahrer, Träger, Parkplatzeinweiser, Steineverkäufer und Bettler. Dass wir auch mal von Leuten aufs Korn genommen würden, die auf den schnellen Dirham aus sind, das haben wir erwartet. Damit umzugehen lernt man schnell. Jede dieser Begegnungen ist spannend und lehrreich, denn an Humor und Einfallsreichtum mangelt es dem Marokkaner nicht. Und ganz ehrlich, gäbe es beim nächsten Einkauf keine ungebetenen Dienstleister mehr, ich würde sie vermissen...



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Kommentare: 1
  • #1

    Thorsten Kuttig (Mittwoch, 11 Januar 2017 21:27)

    Oha...da kann ich ein Lied von singen!
    Es fängt an der Grenze an, zieht sich bis zum Hohen Atlas, aber dann wird es auch besser, ruhiger, nervenschonender und angenehmer ;)