Eine Reise ist kein Urlaub

Der ein oder andere Zaungast unserer Dauerbaustelle Oschi hätte spontan gerne mit uns getauscht oder uns begleitet: "Eine Abenteuerreise nach Marokko würde ich auch gerne machen!" Nun sind wir schon eine Weile unterwegs und ich bin oft erstaunt, wie wenig Zeit wir manchmal haben. Ob unsere Zaungäste das erwartet hätten? Da ist ein Unterschied zwischen einem Erholungsurlaub und einer Abenteuerreise. Das beginnt schon mit der Anfahrt, denn ein 30 Jahre alter Laster ist langsam, laut und unbequem. Was unser Expeditionsvorhaben noch von einem Urlaub unterscheidet, liest Du hier:

Routenplanung

Die Routenplanung führt uns abseits der Hauptverkehrsstraßen durch die Lande. Wir vermeiden Autobahnen und Schnellstraßen, weil wir uns im landschaftlich reizvollen Hinterland größere Chance auf einen schönen Übernachtungsplatz ausrechnen. Ich glaube nicht an ruhige Stellplätze neben der Autobahn, also müssen Umwege über Nebenstrecken in Kauf genommen werden.

Da wir die Strecke nicht kennen, planen wir keine Übernachtungen voraus. Wir wissen nicht, in welcher Zeit und auf welchen Wegen wir das unbekannte Terrain durchfahren. Hier eine Baustelle, da eine Umfahrung und schon ist die Streckenplanung im Eimer. Einmal Tanken und einmal Einkaufen, vielleicht noch eine unplanmäßige Pause, und auch die Zeitplanung ist für die Katz. Stattdessen improvisieren wir, aber improvisieren kostet. Aus der kürzest möglichen Route von 2.500 km bis Alegeciras in Südspanien wurden peu à peu 3.500km real gefahrener Anfahrtsweg-  1.000 Kilometer extra! Aber die Flexibilität ist es uns wert. Eine stressfreie Reise und eine eng getaktete Detailplanung sind kaum miteinander vereinbar. Außerdem sind wir ja auf einem Abenteuertrip und wollen Überraschungen erleben. Wollten wir uns strikt an eine Planung vom Reißbrett klammern, wir hätten wohl mehr Stress als positive Erlebnisse. 

Haushaltsführung

Mit einem Urlaub verbinden Menschen oft einen Rundumservice. Um Zimmer, Betten und frische Handtücher kümmert sich das Personal, gegessen wird im Restaurant und alles was der Urlauber noch tun muss, ist: sich entspannen. Bei einer Reise im Expeditionsmobil sieht das im Detail etwas anders aus. Wir haben zwar ein Appartement dabei, aber leider ohne Personal. Um Zimmer, Betten und frische Sachen kümmern wir uns selbst. Für frische Wäsche brauchen wir einen Campingplatz mit Waschmaschine, sonst wird von Hand gewaschen. Wasser kommt nur dann aus der Leitung, wenn wir vorher die Tanks gefüllt haben. Wäschetrocknen wird zu einem Problem, wenn das Wetter nicht mitspielt. Vor jeder Fahrt ist alles Hab und Gut sicher zu verstauen. Wenn gefahren wird, kann nichts liegen bleiben. Bei jedem Aufenthalt wird alles wieder hervorgekramt.

Es bleibt der Gang ins Restaurant. Der ist in Marokko auch in abgelegeneren Regionen möglich, doch aus diesen Gründen versorgen wir uns selbst:

Kosten - Selbstkochen ist günstiger als Essengehen, da gibt es nichts schön zu rechnen. Natürlich gibt es je nach Reiseziel eine Mahlzeit schon mal für ganz kleines Geld, doch den Selbstkostenpreis gibt es nur zuhause.

Flexibilität - Wir haben unsere Pläne und wollen uns weder zeitlich noch örtlich binden. Die Selbstverpflegung bedeutet zwar selten eine Zeitersparnis (Einkauf, Zubereitung, Abspülen, etc), dafür entscheiden wir, wo und wann wir was essen.

Hygiene - Ein marokkanischer Freund rät: Iss nie irgendwo, wo Du die Zubereitung nicht einsehen kannst. Das hat Sinn, will man nicht ohne Not einen verdorbenen Magen oder Durchfall riskieren. In der eigenen Küche gelten unsere Hygienevorschriften.

Spaß - Zum Glück ist neben Essen auch Kochen ein Hobby. Beim Gang ins Restaurant würden wir uns um den Spaß der Essenszubereitung bringen. Außerdem bleiben im Imbiss oft Qualität und Geschmack auf der Strecke.

Autarkie - Wo man auf Touristen eingestellt ist, gibt es Restaurants. Aber touristische Anlaufstellen sind fast ein Ausschlusskriterium für unsere Reiseziele. Das Ziel, ein bis zwei Wochen in der Einsamkeit fernab anderer Menschen zu verbringen, lässt sich schlecht mit einem Restaurantbesuch in Einklang bringen.

Wartung

Unser Fahrzeug ist unterwegs Lebens- und Krankenversicherung. Geht es dem Truck schlecht, geht es uns schlecht. Ohne fahrtüchtiges Auto kommen wir nicht weg, nicht ans Ziel und nicht zurück. Daher gilt neben der eigenen Gesundheit unsere besondere Aufmerksamkeit dem Steyr.

Werkstätten gibt es in Marokko überall. Nur ... gelernte KFZ- oder LKW-Mechaniker sind dort selten. Genauso wenig, wie wir irgend jemandem unsere Gesundheit anvertrauen würden, ließen wir irgendjemand an unserem Transportmittel schrauben. Den Truck kennen wir in- und auswendig, so gut wie jede Schraube hatten wir schon persönlich in der Hand. Darum wird selbst repariert, wo es möglich ist. Selbst bei hinzugezogener Hilfe behalten wir die Aufsicht über die Reparatur, denn Ersatzteile für einen österreichischen Oldtimer findet man in Marokko nicht so einfach.

Risiko

Diese Reise birgt Risiken, z.B.

  • Gesundheitsrisiken durch Unfälle, Verletzungen, und Krankheitserreger und unzureichende medizinische Versorgung.
  • Vermögensrisiken durch eine Beschädigung oder den Verlust des Fahrzeugs. Ein Fahrfehler in einer extremen Geländesituation, Vandalismus oder Diebstahl können das Ende der Reise bedeuten.
  • Sicherheitsrisiken durch Aufenthalte in militärischen Konfliktzonen, durch kriminelle Einzelpersonen oder Gruppierungen vor Ort, sowie im Spannungsfeld mit der teilweise in äußerster Armut lebenden Bevölkerung.

  • Einkommensrisiken, weil zwei gut ausgebildete Arbeitskräfte ihre Karriere unterbrechen und in dieser Zeit kein Einkommen und keine oder zumindest reduzierte Rentenansprüche erwirtschaften.

Jeder Reisetag benötigt Zeit für den Haushalt und andere Pflichten und lässt erstaunlich wenig Raum für Hobby, Spiel und Spaß. Streng genommen leben wir unterwegs mit erheblich weniger Komfort und größeren Risiken als zuhause. Jede Pauschalreise bietet mehr Zeit für Erholung zu geringeren Kosten als unsere Selbstfahrertour nach Marokko. Würden unsere Zaungäste noch mit uns tauschen wollen, wenn sie sich das vor Augen führten?



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