Der Brückenknacker

Zwischen Zagora und M'Hamid windet sich das fruchtbare Draa-Tal durch Fels und Stein. Im Gegensatz zu vielen anderen Oasentälern führt dieses Tal auch richtig Wasser. Mit etwas gutem Willen kann man gar von einem Fluss sprechen. Als wir auf der N9 die Draa überqueren sehen wir sogar kleine Fische schwärmen.

Genug der trockenen Wüste, wir wollen zur Abwechslung am Wasser stehen. Kurz hinter Fezouata folgen wir einer wilden Fahrspur zum Fluss zurück. Die Spur endet hier als Sackgasse und wir verbringen eine Nacht unter wilden Hunden am Fluss. Laut Karte gibt es auf der anderen Seite eine Alternative zur N9 bis nach Tagounite, eine kleine weiße Piste am Flusstal entlang. Ich suche eine Furt und finde keine, außerdem sind die Brauchwassertanks leer. Die Piste muss noch warten.

Am nächsten Tag fahren wir auf der N9 nach Tagounite, um Wasser zu tanken. In Tagounite endet auch die besagte weiße Piste; wir wollen sie nachher umgekehrt fahren. Mit dem Laster ist ein Einstieg schwer zu finden. Wir probieren mehrere Wege aus, aber mal stehen die Palmen zu eng, mal hängt ein Stromkabel zu tief. Irgendwo hinter den Dattelpalmenfeldern der Oase muss die Piste aber sein.

Einer der Wege führt uns immer tiefer in das Labyrinth aus Feldern und Häusern hinein. In einer Ansiedlung verlieren wir die Richtung. Die Navi-Software zeigt Wege, die es nicht gibt. Palmen drängen von rechts auf den Weg, links gähnt ein tiefer Wassergraben. Schon zu weit drin und ohne Möglichkeit zum Wenden, quetsche ich den Steyr durch immer noch engere Gassen. Ein Stück weiter streifen die Reifen rechts an der Hauswand, links an einer Mauer. Der ausgewaschene Weg ist wie eine Halfpipe geformt und die Kabine neigt sich bedenklich auf dem Fahrgestell. Nur um Zentimeter verfehle ich Regenrohre und Mauervorsprünge.

Als die Siedlung hinter uns liegt, wähnen wir das schlimmste hinter uns. Der Aufbau ist verkratzt und klebt vom Saft abgeknickter Palmwedel und Fruchtstände. Der Weg führt wieder in die Felder. Auf einfachen Betonplatten überqueren wir einen Bewässerungsgraben nach dem anderen. Als zwei Palmen ein zu enges Spalier für Oschi bilden ist Schluss. Zwei Feldarbeiter verneinen meine Frage nach einer Umfahrung und schicken mich zurück. Mist, hier geht es nicht weiter.

Ich wende auf einem Stück Brachland und rolle auf die gerade überfahrene Brücke zu. "Sag mal... die Delle ist aber nicht von uns, oder?" fragt Mi. Doch, denke ich mir, die Senke in der Brücke war vor uns noch nicht da, behalte es aber für mich. Die Brücke über den Wassergraben ist angeschlagen, wir müssen aber darüber zurück. Oschi rollt auf die Betonplatte und ... Mis Seite sackt nach unten weg. "Alsooo (die Delle) - jetzt schon..."

Das rechte Vorderrad ist durch die Betonplatte durchgebrochen und steckt im Graben. Die Brücke ist halb geknackt, halb hält sie ... noch. Sofort meldet sich das schlechte Gewissen. Nicht des Autos wegen, dem Steyr geht es gut. Achse, Lenkung und Radnabe sind frei; die Tanks haben noch gut Luft zum Boden. Aber der Transportweg der Bauern ist zerstört. Wie kommen die jetzt mit ihren Eselskarren auf die Felder?

Die zwei Feldarbeiter begutachten das Malheur. Einer bietet mir erstmal eine Handvoll Datteln an. Ich staune: Wie jetzt, als Dankeschön für die Zerstörung der Brücke? Er grinst nur und meint, die Brücke wäre von 1985. Über 30 Jahre alt. Wie der Steyr sage ich und die beiden lachen.

Zuerst muss der Steyr mal aus dem Loch. Ob sie einen Traktor holen sollen? Ich glaube nicht. Rückwärtsgang, Untersetzung, Sperre - und der Steyr drückt sich kraftvoll aus dem Graben heraus. Die großen Räder wirken Wunder (obwohl ich in der Aufregung vergesse, die Handbremse zu lösen). Und jetzt? Jetzt machen wir Straßenbau und schaufeln zu dritt den Graben zu, damit der Laster wieder zur Straße kommt.

Als das Loch gefüllt ist, fahre ich Oschi problemlos auf die andere Seite. Der Rest der Betonplatte hält. Ich laufe zurück und begutachte unser Werk. Der zugeschaufelte Graben lässt ja nun kein Wasser mehr durch - ob das kein Problem sei, will ich wissen. Zur Verdeutlichung meiner Frage laufe ich auf der Platte hin und her, als ich plötzlich mit einem Bein durch den Rest Brücke breche. Schallendes Gelächter der Arbeiter. Wow, das war knapp mit dem Truck!

Auch dieses Loch schaufeln wir gemeinsam zu. Und was den Bewässerungsgraben angeht, hier regnet es sowieso nicht mehr, meinen die beiden. Und das war es, keine Schuldzuweisungen, keine Aufregung, keine Schadenersatzforderung. Problem verursacht, Problem gelöst, das Leben geht weiter. Allah gibt, Allah nimmt - Gute Reise!

Ich dränge den beiden Arbeitern eine ordentliche Spende für den kommunalen Brückenbau auf, dann fahren wir die engen Gassen zurück zur Hauptstraße. An einer anderen Stelle probieren wir erneut, die kleine weißen Piste zu erreichen. Aber als eine dünne Betonplatte über einen Bewässerungsgraben führt, brechen wir ab und geben auf. Oschi, Du Brückenknacker, für heute ist genug!



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