Ruhig, so ruhig

Bewegungslos stehe ich da und blinzele in die Sonne. Das Irritierende: Meine Umgebung ist totenstill. Nicht ein natürliches Geräusch dringt an mein Ohr. Die einzige Geräuschquelle weit und breit bin ich selbst. Das Knirschen der Stiefel im Sand, das Rascheln der Kleidung, der eigene Atem. Ich hatte keine Vorstellung davon wie still die Wüste sein kann.

Es fällt erst gar nicht auf. Wir wachen früh auf, frühstücken, machen das Auto fertig und brechen auf. Vertraute Handlungen, vertraute Geräusche, Reisealltag. Die nächsten Stunden auf der Piste sind vom kernigen Röhren des Motors und Klappern des Fahrzeugs untermalt. Erst als wir zum Fotostop anhalten, erst als das Quitschen und Knarzen des Aufbaus verstummt und das Motorengeräusch erstirbt, erst als unsere mitgebrachte Lärmkulisse verebbt, da macht es sich bemerkbar: Die totale Abwesenheit jeglicher Bewegung und jeglichen Geräuschs.

Die Wüste um uns herum ist nicht nur leise, sie ist völlig ruhig und still. Nichts bewegt sich, nichts verursacht ein Geräusch. Es gibt keinen Wind, kein Blätterrauschen, kein Vogelgezwitscher, kein Zirpen. Es gibt nur Fels, Stein und Sand. Solange ich mich nicht bewege, könnte ich auch taub sein. Unwillkürlich fasse ich mir ans Ohr, um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Es ist ein unwirkliches und faszinierendes Erlebnis. 

In dieser erstaunlichen Stille scheint jedes Geräusch und jeder Lärm wie ein Frevel an der Natur: das Röhren des Motors, das Poltern von Steinen, unser Lachen und Rufen. Autos und Motoräder, selbst Stimmen, sind schon von weitem zu hören. Jedes Geräusch dringt kilometerweit. Mi steht auf einem Hügelkamm, ich im Tal. Wir können uns in Zimmerlautstärke unterhalten, obwohl über hundert Meter zwischen uns liegen. Jedes gesprochene Wort ist so klar zu hören, als ob wir voreinander stünden. Auch für ein Echo bedarf es in dieser Stille nur wenig. Oschis Längsseite reicht schon aus. Das kommt völlig unerwartet und bringt uns ganz durcheinander.

Natürlich ist es nicht immer so still und auch nicht überall. Die Wüste kann auch ganz anders. Nach einigen Wochen überwiegender Windstille erleben wir stürmische Tage. Regen prasselt auf das Dach und ein wütender Sandsturm zerrt und rüttelt an Fahrgestell und Wohnkabine. Erinnerungen an Island werden wach. Aus dem Fenster schauen wir staunend einzelnen Sandteppichen zu, die der Wind wie helle Schatten über den schwarzen Steinboden treibt. Sandhosen toben über die Ebene. Dies sind laute Nächte, in denen das Einschlafen schwer fällt. Doch eines Morgens ist es vorbei. Und da ist sie wieder, als ob nichts gewesen wäre - die wundersame, herrliche Stille.



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