Unter Spaniens Sonne

Fr, 11.11.2016

Nach Andorra wollte ich schon, seit Jan Ullrich 1997 dort den Toursieg eintütete. Außerdem stehen alle drei Dieseltanks auf Reserve und der Zwergstaat in den Pyrenäen ist ein Kraftstoffparadies. Die favorisierte Route, der direkte Weg über den Pass, verweigert das Navi störrisch. Das kann nur eine Sperrung aufgrund des Gewichts oder der Höhe bedeuten. Das will ich nicht so recht glauben. Es wird also spannend heute.

Zunächst liegt Toulouse auf der Strecke und damit der erste Autobahnknotenpunkt, an dem wir Maut bezahlen. Eine Umfahrung ohne heftige Umwege finden wir nicht. Hinter Toulouse geht es über Pamiers, Foix und Ax-les-Thermes dann den Pass hinauf nach Andorra. Die Stimmung ist gespannt, denn kein anderer Laster fährt diese Route und das Navi fordert uns monoton zum Wenden auf. Als Knackpunkt stellt sich eine Eisenbahnbrücke mit einer ausgewiesenen Durchfahrtshöhe von 3,1 m heraus. Ich gehe dort nicht einmal vom Gas, denn die Rundbogenbrücke ist in der Mitte gut und gerne 5 m hoch. Ein Fake!

Es regnet und was im Tal als Regen ankommt, fällt oben als Schnee. Und so ist es, je weiter wir hinauf kriechen, umso mehr Schnee fällt. Oschi tut sich mit der Steigung schwer und wir ziehen eine lange Schlange hinter uns her. Zweimal mache ich an Ausweichpunkten Platz, damit die Schlange überholen kann. Etwas später folgt eine Weggabelung mit zwei Möglichkeiten, Hardcore über den Gipfel oder durch den Tunnel für Warmduscher. Gerne zahlen wir die 13,20 EUR für den Tunnel, denn obwohl der Pass nicht gesperrt ist, sind wir auf ein Schneeabenteuer im Gebirge ohne Ketten nicht gut vorbereitet.

Als wir den Tunnel verlassen, liegt vor uns der andorrianische Grenzposten im Sonnenschein - Wetterwende! Mit allen Verzögerungseinrichtungen (Motor-, Auspuff- und Betriebsbremse) lasse ich die Fuhre in ein sonnendurchflutetes Tal hinab. Wir sehen Läufer in kurzen Sportklamotten und entledigen uns schrittweise Jacke und Fleece-Pullover. Andorra La Vella, die "Hauptstadt", ist dem optischen Anschein nach eine konsumverseuchte Reichenenklave. Shopping Mall an Shopping Mall und definitiv zu viele (teure) Autos für zu wenig Straßen. Ich will eigentlich unbedingt einen Blick in die Shopping Malls werfen, aber es ist völlig aussichtslos einen Parkplatz für den Truck zu finden. Halten ist nur an Tankstellen möglich, und das machen wir zwei Mal, um insgesamt 500 l Diesel zu knapp 89 Cent nachzutanken. Rechnerisch waren noch 160 l Diesel in den beiden Tankanlagen, obwohl beide Tankgeber (bergauf) Reserve anzeigten. Da muss der Konstrukteur wohl nachbessern. Die Tankstellenbediensteten sind völlig aus dem Häuschen, als wir vorfahren und aus einem kurzen Gespräch folgt ein interessanter Einblick in das Leben einer Argentinierin, die in einer Tankstelle in Andorra jobbt.

Ohne Stellplatz keine Übernachtung, also passieren wir die spanische Grenze, wo ein Zöllner einen Blick in den Wohnaufbau wirft. Seinen Worten und dem strahlenden Blick ist zu entnehmen, dass ihn dazu mehr die private Neugier als die berufliche Pflicht veranlasst. Prima, besser kann es eigentlich gar nicht laufen, wenn man mit so einem Dickschiff reist. Statt kritischem Beäugen verursacht Oschi bei Offiziellen nur freundliche Neugier und Begeisterung. Bestens gelaunt ob der sorgenfrei zurückgelegten Strecke fahren wir im T-Shirt durch spanisches Bergland auf der Suche nach einem Stellplatz. In einer bestimmten Baumsorte fallen uns immer wieder weiße Nester wie aus Zuckerwatte auf, die wir später als die Wohngebilde der gefährlichen Prozessionsspinnerraupe kennenlernen. Die feinen Häärchen der Raupe verursachen bei Hautkontakt extreme gesundheitliche Beschwerden und können für Haustiere tödlich sein.

Die Schnellstraße C-14 nach Süden ist kein gutes Pflaster, denn die interessanten Möglichkeiten für eine Übernachtung liegen alle auf der gegenüberliegenden Straßenseite, getrennt durch eine durchgezogene Doppellinie. Da viel Verkehr herrscht will ich das Steuer nicht einfach herumreißen. So dauert es, bis wir am Stausee in der Sierra del Pubill einen Platz finden. An diesem Ort kamen schon einmal Deutsche vorbei, wie die Schrift am Boden eindeutig beweist.

Beim Aussteigen fällt aus dem der Fahrertür eine Schraube heraus. Sie gehört an das Ende des Fangbandes am Fahrerhausboden. Seit dem Malheur in Island ist sie ein Schwachpunkt. Obwohl mit Gewindeschneider bereits auf M10 aufgeweitet muss es nun eine M12 ohne Gewindeschneider richten.

Im Stausee ist der Wasserstand extrem niedrig und offenbart eine bizarre Seebodenlandschaft. Aus dem Wasser ragende abgestorbene Bäume, neben Resten einer ins Wasser führenden Straße, umspielt von einer Unmenge Karpfen, die man vom Ufer aus beim ... naja, bei dem was Karpfen halt so machen ... beobachten kann. Ich hätte ja gerne näher am Wasser geparkt, aber die Hinweisschilder auf plötzlich auftretende Überschwemmungen verunsichern.

Sa. 12.11.2016

Bei bestem Wetter brechen wir auf, nachdem uns an diesem verlorenen Stückchen Erde unerwartet einiger Durchgangsverkehr aufweckte. Als Radsportfan kennt man den Sponsor Movista und als wir in Tàrrega einen Movista-Telefonshop sehen, scheint eine eigene Internetverbindung endlich möglich. Per international üblicher Hand-und Fuß-Verständigung gelangen wir an eine Prepaid-SIM-Karte und sie funktioniert sogar. Jedenfalls bis mein Rechner nach dem Einschalten das Guthaben per Windows 10 Anniversary Update in Nullkommanix leersaugt. Am Wiederaufladen scheitern wir mangels Spanischkenntnissen kläglich, weil die im Shop beschriebene Prozedur nicht klappt.

Weiter geht die Reise auf der C-14 Richtung Küste und wie an jedem Fahrtag beginnt gegen Mittag die Stellplatzsuche, die durchaus ein paar Stunden dauern kann. Bei Reus verlassen wir die Schnellstraße und schrauben uns über fantastische Rennradstraßen im Hinterland von Cambrils die Berge hinauf. Die Auffahrt geht entlang einer spektakulären Schlucht mit Wasserfällen und kleinen glasklaren Wasserbecken, doch ein Fotostop ist mit dem Truck wegen einem Auto hinter uns nicht machbar. Schade, richtig Schade. Dafür filme ich später einige Staßenkilometer mit der GoPro am Auto.

Nach ein paar Fehlversuchen finden wir einen akzeptablen Rastplatz (am nächsten Tag finden wir kurz dahinter mehrere perfekte Übernachtungsplätze, aber das kann man ja vorher nicht wissen). Der Grillabend fällt leider aus, denn überall warnen Schilder vor Waldbränden. Wie ich später erfahre, sitzen in den Bergen den ganzen Tag lang Rauchwächter, so dass ich froh bin, der Versuchung zu widerstehen (trotz zweier Feuerlöscher an Bord). Das verspätete Mittagessen findet erstmals im Freien in der Abendsonne statt und wir schlafen gut, auch wenn nachts heftiger Regen einsetzt.

So, 13.10.2016

Am nächsten Tag geht es mit laut zischender Auspuffbremse zur Küste hinab nach Cambrils. Wir treffen auf zahllose Rennradfahrer, zum Teil in kurzer Radkleidung, und es schmerzt, die Räder nicht dabei zu haben. Aber ganz ehrlich, bisher wäre gar keine Zeit zum Radeln gewesen und für ein paar Mal fahren ein halbes Jahr lang die beiden Räder im Stauraum hin- und herzustapeln, das wäre es nicht wert. Aber vermissen tun wir sie hier und heute schon sehr. Nach dem Einkaufsstopp in Cambrils landen wir auf der Küstenschnellstraße N340, die perfekt ausgebaut exakt neben der mautpflichtigen Autobahn A7 verläuft. Der Sinn der doppelten Infrastruktur erschließt sich mir nicht, aber wir kommen schneller voran als je zuvor auf dieser Reise. Ursprünglich wollte ich die Küste wegen der touristischen Ballungsgebiete aussparen, aber die Kilometer rasen nur so dahin und wir kommen unserem Ziel schnell näher.

Nachdem wir in einen zuerst angefahrenen Campingplatz nicht hineinpassen, landen wir in Benicarló auf einem Strandplatz direkt vor der Stadt. Offenbar ist der Platz unter den Wohnmobil-Zugvögeln nicht unbekannt. Die Sonne lacht, wir grillen Tintenfisch mit Doraden und Scampi, plaudern etwas mit den Stellplatznachbarn (u.a. www.womo-adventure.com) und erkunden zu Fuß die Marina und das Städtchen (auf der Suche nach FreeWiFi). Die schöne Seite der Nebensaison: das Halbliter-Glas Martini Bianco kostet 2 EUR. Im Dunkeln entsteht ein spannendes Bild vom strahlenden Mond über dem Meer.

Mo, 14.10.2016 f

Von Benicarló in den Nachbarort Péniscola (heißt wirklich so) fahren wir die schmale Strandpromenade entlang, auf der Suche nach einem Movista-Shop. Irgendwie nimmt die Suche nach Internet einen zu großen Raum auf dieser Reise ein, aber ohne Internet ist eine schnelle Onlinerecherche für die flexible Reiseplanung nicht möglich. Und alles dem Zufall überlassen wollen wir bei dieser womöglich einmaligen Gelegenheit auch nicht. Also quetsche ich Oschi die Promenade entlang (vermutlich eine Fußgängerzone), während Palmblätter am Dach streifen. Als ein Zementmischerlaster den Weg blockiert, passiert um Haaresbreite ein Unglück. Der Lasterfahrer klappt seinen Spiegel ein und als ich anfahre schreit Mi entsetzt "STOOOOPP!" Ein lebensmüder Fußgänger hat sich von rechts zwischen unsere beiden LKW gedrängt und steht jetzt unmittelbar vor meiner Stoßstange, ohne dass ich davon etwas mitbekommen habe. Ohne Mi hätte ich jetzt einen Fußgänger auf dem Gewissen. Um solche Situationen zu vermeiden hatte ich einen Frontspiegel angeschafft - leider liegt der noch eingepackt zuhause...

Es klappt nicht mit FreeWiFi, es klappt nicht mit einem Movista-Shop. Wir fahren weiter die N340 entlang Richtung Valencia. Kurz vor Valencia liegen ein Mediamarkt und ein Carrefour an der Autobahn, also fahren wir da ab. Im Mediamarkt gibt es zwar kein Movista, aber dafür eine neue Prepaid-SIM-Karte von Vodafone. Kaum ist das Internet eingerichtet, erreicht uns eine Email an videomundum. Franze, derzeit Chef vom Dienst auf der Finca Caravana (www.finca-caravana.de), lädt uns ein, den Campingplatz zu besuchen. Der Platz liegt exakt auf der Strecke zum Fährhafen Algeciras und soll zu einem Treffpunkt der Afrikaüberwinterer werden. Wir legen noch ein paar Kilometer Autobahn drauf, bemerken die ersten Straßenschilder in arabischer Schrift und sehen die ersten Ticketbuden für die Fähre.

Am späten Nachmittag erreichen wir die Hochebene mit der Finca in der Region Murcia. Der großzügige Platz liegt frei im Nirgendwo bei dem Ort Yecla. Der reiseerfahrene Franze und sein Compagnon Roland heißen uns willkommen. Beide sind ganz liebe Menschen und gestalten hier mit unglaublicher Liebe zum Detail und sehr viel Arbeit ein Kleinod, das Aufmerksamkeit verdient. Der Platz gehört Björn Ragozet und steht gesundheitsbedingt zum Verkauf. Franze und Roland sind als fahrende Handwerker hier interimsweise für einige Monate vor Ort, bis sie nach Afrika weiterreisen.

Hunde, Katzen und ein paar versprengte Reisende, Oliven, Rosmarin, Cross-Minigolf, Drachenfliegen, Sternenhimmel - es gibt viele schöne Eindrücke und auch ein paar gelungene Bilder, darunter ein Kugelpanorama und einen kurzer Kameraflug über den Platz. Einem Gespräch mit Franze verdanke ich die Idee, unsere Solarladeregler zu prüfen, worauf sich einer als defekt herausstellt. Franze hat von Caravan Cruz in Elche gehört, dort wollen wir Ersatz besorgen.

Die Freude am frisch erworbenen spanischen Internet währt übrigens nicht lange, denn ich vergesse die Cloudaktualisierung auszuschalten. Zusammen mit dem Weltenbummler Syd, unterwegs mit Hund Mimi, versuche ich mein Möglichstes, die Vodafone-SIM-Karte zu reaktivieren. Mi versucht im Gegenzug ihr Möglichstes, Syd mit Keksen vollzustopfen. Stunden später komme ich dahinter, dass unsere Kreditkarten in Spanien für das Aufladen nicht funktionieren.

Bei einem Bummel durch die Olivenplantangen sammeln wir ein paar Kilo ein, um unterwegs etwas daraus zu machen. Oliven schmecken frisch vom Baum übrigens absolut nicht, ohne eine mehrmonatige Behandlung sind sie ungenießbar. Während wir durch die Olivenhaine streifen, treffen wir auf Damon und Erika samt Hund Kino aus England, die in der Nachbarschaft einen Hof beaufsichtigen. Damon führt uns durch eine römische Ausgrabungsstätte und läd uns ein, bei ihm Oschis Wassertanks aufzufüllen. Damon und Erika werden später noch mal zum Thema.

Mi, 16.10.2016

Es ist eine schöne Zeit, trotz des kühlen Windes, der über die Hochebene pfeift (im Wind zieht immerhin der Grill gut). Aber so schön es auch ist, wir hangeln uns wieder mal ohne Internet und jetzt auch noch ohne Reserve-Laderegler durch. Außerdem wollen wir Sonne und Wüste. Daher fahren wir nach zwei Übernachtungen weiter. In Yecla passiert ein kleines Wunder: Zuerst im Supermarkt und dann am Geldautomaten ist ein Aufladen der Prepaid-SIM-Karte problemlos möglich. Der Leser mag denken: Na endlich hat er es kapiert.

Bei Novelda vor Elche übernachten wir beim dritten Stellplatzversuch. Es sind Oschis erste Meter im Gelände auf dieser Reise. Der Weg zum Standplatz führt an einem unüberschaubar tiefen Loch im Boden vorbei und ich hoffe, dass wir nicht einbrechen. Die Bienenstöcke nebenan machen mir weniger Sorgen, sie scheinen aufgegeben.

Do, 17.10.2016 f

In Elche finden wir bei Caravan Cruz einen neuen zweiten Solarladeregler. Das Votronic-Gerät ist nur ein Viertel so groß wie der nie benutzte kaputte Toyo-Ziegelstein, wiegt praktisch nichts und bietet das perfekte Ladeprogramm für die Optima YellowTop Aufbaubatterien. Und das für das gleiche Geld. Zwar konnte der andere Toyo auch die zweite Modulbank übernehmen, aber auf ihn allein verlassen wollte ich mich nicht. Ohne Solarstrom ist tägliches Fahren angesagt, weil die einzige Lademöglichkeit dann im B2B besteht (der ein absolutes Muss in einem Expeditionsmobil ist). Die Leute von Caravan Cruz sind von Oschi begeistert und geben sich alle Mühe zu helfen. Befestigungsschrauben aus Edelstahl bekommen wir kostenlos dazu, unter Entschuldigungen, dass es nicht die selben sind wie die gezeigte Musterschraube. Das war das Highlight des Tages!

Besser kann es nicht werden, weswegen ich am Mittag die Stellplatzsuche in den roten Felsen von Alhama verkacke. Bei Cambrils lernten wir, dass nach einem guten Stellplatz ein noch besserer kommt. Heute gilt das nicht. Nach dem guten kommen nur noch schlechte. Bis wir das merken, ist es zu spät zum umkehren. Wir fahren viele Kilometer Umwege auf Nebenstrecken und sind im Sonnenuntergang zurück auf der Hauptroute. Etwas enttäuscht steuern wir eine höher gelegene Campingplatzempfehlung der Stellplatz-App an: La Charca bei Totana.

Der schön gemachte Kiesplatz an einem künstlichen Kanal bietet freundliche Nachbarn, Strom, Wasser, Dusche, WLAN und vor allem eine Waschmaschine. Der Tag endet versöhnlich. Der nächste auch, denn wir bleiben einen weiteren Tag, um zwei Maschinen Wäsche zu waschen und in der Sonne zu trocknen. Per WLAN wird die bisherige Fotoausbeute in der Cloud gesichert. Die Nachbarn sind Überwinterer aus Deutschland, Niederlande, Frankreich und England. Der Engländer spricht so gut Deutsch, dass ich ihn für einen Niederländer halte, bis mich der Ex-Soldat aufklärt. Auch er war zuletzt im Hochland von Yecla, bei Freunden in der Nähe der Finca Caravana. "Ach, bei Damon und Erika?" frage ich ins Blaue und - Volltreffer. Wir grinsen, so klein ist die Welt.

Sa, 19.10.2016

Mit einer weiteren am Campingplatz gesammelten Ladung Oliven folgen wir nach zwei Nächten dem Navi vom Platz. Nach wenigen hundert Metern großes Rätselraten: Die Routenplanung will dem Kanal folgen, doch am Eingang der Straße steht ein "Einfahrt verboten"-Schild, Servicefahrzeuge ausgenommen. Andererseits sind in der bewohnten Straße in Fahrtrichtung Tempolimit-Schilder zu sehen. Die wären sinnlos, wenn in diese Richtung niemand fahren würde. Ich riskiere also einen Versuch und fahre in die Straße ein. Von Anwohnern und entgegenkommenden Fahrzeugen kommen keine gegenteiligen Signale. Ermutigt folge ich weiter der Straße am Kanal entlang. Es ist eine spannende Strecke, der Aussicht und besonders der Brücken wegen. Teilweise sind die Brückenköpfe als so enge Kurven ausgestaltet, dass Oschi nur um wenige Zentimeter hindurch passt. Eine der Brücken beschreibt ein großes L und der Scheitelpunkt ist etwas knapp. In Deutschland würde ich so etwas als Fußgängerbrücke einstufen, aber zurück will ich nicht, eine Gewichtslimit gibt es nicht und sie hält. Mit den Fußgängerbrücken hatte ich es auch schon auf der ersten Testreise in Island. Ungehindert und bis auf zwei staunende Radfahrer ungesehen tuckern wir insgesamt rund 15 km am Kanal entlang. Ein toller Radweg!

Im Parque natural de la Sierra de Baza schlagen wir das nächste Nachtlager auf. Kurz hinter der Einfahrt kreuzt ein kapitaler Hirsch die Straße, das verspricht Spannung. Der große Besucherparkplatz auf 1.400 m Höhe ist leergefegt und wie für uns gemacht. In der Nacht beeindruckt der mondlose Sternenhimmel. Das Sternenlicht ist so hell, dass es den Parkplatz quasi ausleuchtet. Ein milchiger Schleier liegt quer über dem Himmel, wenn das mal nicht die Milchstraße ist! Die Kamera bestätigt die Vermutung, sie ist es, und sie ist wunderschön.

So, 20.10.2016

Der nächste Reisetag beginnt bei geschlossener Wolkendecke. Mehr pflichtbewusst als begeistert versuchen wir zu einem Aussichtspunkt zu wandern, scheitern aber an den aufgestellten Hinweistafeln. Norden ist auf jeder Tafel woanders und wir finden den Weg nicht. Da es kalt und windig ist, reicht das als Ausrede und wir reisen weiter nach Südwesten. Vorbei an der Sierra Nevada, deren Gipfel sich in dichten Wolken verstecken, vorbei an Granada, wo wir nur die rauchspuckenden Industriegebiete wahrnehmen. Vor Malaga biegen wir auf die A-7075 ab, eine kleine romantische Bergstraße parallel zur Autobahn. Hier scheint sich der Geldadel von Malaga kleine Wochenenddomizile zu gönnen. Die Gegend ist gepflegt, ruhig und dünn besiedelt. Manchmal jagen uns bellende Hunde hinterher. Halte ich an, rennen sie davon. Doch fahre ich weiter, laufen sie uns wieder bellend hinterher. Mi meint, die Hunde würden Autos als Feinde wahrnehmen, aus der Erinnerung an überfahrene Rudelangehörige.

In einer Straßenkurve führt ein Schotterweg auf einen kleinen Hügel mit ebenem Plateau. So muss er sein, der ideale Parkplatz für die Nacht! Das Wetter ist trüb bei milden Temperaturen, es reicht zum draußen essen und auch für ein paar Flugübungen mit der Drohne. Eine wichtige Erkenntnis: Fliege ich die Drohne vor einem kontrastreichen Hintergrund, so verliere ich sie schnell aus den Augen, wenn ich das Kamerabild auf der Fernsteuerung kontrolliere. Mi muss die Drohne mit dem Fernglas überwachen, sonst muss ich jedesmal wieder vor den nackten Himmel aufsteigen, um sie mit den Augen wiederzufinden.

Noch eine wichtige Erkenntnis holt mich bei einer kleinen Wartungseinheit ein. Oschi zog zuletzt immer schlechter die Hügel hinauf und ich vermutete schon länger ein Problem mit den Dieselfiltern. Laut Einbauanleitung des beheizten Separ-Wasserabscheiders sind alle anderen Dieselfilter zu entfernen - ich ließ alle drin. So sind genaugenommen drei Filter zuviel im System und die bremsen den Durchfluss und damit die Motorleistung. Ich baue den Feinfilter versuchsweise aus und spüle aus dem Separ einiges an Dreck zurück. Wirklich praktische Erfindung das Teil. Ich kontrolliere auch noch die Ölstände in Motor, Verteiler- und Schaltgetriebe. 

Mo, 21.10.2016 f

Nach dem Service fahre ich heute ich ein anderes Auto. Mit längst vergessener Kraft zieht Oschi die Hügel rauf. Bald hören wir auf, jeden Überholvorgang abzuklatschen; der Steyr überholt auf den ersten 50 km 20 Fahrzeuge. Zum Vergleich: auf den bisherigen 2.500 km waren es nur zwei! An Marbella vorbei geht es auf radargespickter Straße nach Gibraltar, wo strömender Regen einsetzt und bis Marokko nicht mehr aufhören wird. Am Parkplatz fehlt mir das passende Kleingeld für den Laster, aber ich kann den Wächter auf den PKW-Tarif herunterhandeln. Wir waren vor vielen Jahren schon einmal hier und können festhalten: Gibraltar ist immer noch gleich wenig sehenswert wie damals. Warum die Engländer an diesem nutzlosen unselbständigen Felszipfel festhalten ist vermutlich reine Exzentrik. Ein günstiges Einkaufsparadies ist es jedenfalls nicht. Elektronikartikel bekommt man im deutschen Einzelhandel günstiger, vom Internet ganz zu schweigen.

Nach diesem touristischen Ausrutscher besorgen wir uns in Algeciras endlich das Fährticket nach Afrika. Mehr oder weniger zufällig kaufen wir das Ticket beim weithin bekannten Carlos, von dem wir sowohl in diversen Foren als auch von Begegnungen unterwegs erfuhren. Schon komisch, dass es hunderte von Ticketbuden gibt aber eine zur internationalen Berühmtheit in der Reiseszene geworden ist. Carlos empfiehlt uns die Verbindung Algeciras-TangerMed, Hin- und Rückfahrt für 200 EUR sind ein Jahr frei gültig. Nach einem Einkauf im Carrefour und Abendessen ist es dunkel. Die 10 Uhr-Fähre am nächsten Tag wird knapp, denn wir müssen noch einen Rastplatz finden und Auto und Inhalt sind noch nicht bereit für die Einreise nach Marokko. Wir fahren etwas ins Landesinnere, nach Castella de la Frontera, auf einen kostenlosen Stellplatz. Dort bereiten wir die Einreise vor und in der Nähe tanken wir sicherheitshalber den Gastank voll. Um nicht im Dunkeln in Marokko starten zu müssen verschieben wir die Überfahrt um einen Tag.



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