Offline in Frankreich

Sonntag, der 06.11.2016

Irgendwie schaffen wir es doch noch, uns vom Hotel Mama loszureißen, obwohl es echt schwer fällt. Im Warmen, hinter geschlossenen Türen, mit Waschmaschine, Spülmaschine und WC, da tönt der Ruf des wilden Abenteurerlebens nicht mehr ganz so laut. Andererseits ist Ölbronn-Dürrn wahrlich keine Alternative zum Überwintern. Also lebt wohl Ihr Lieben, bis nächstes Jahr! 

Etwas überstürzt geht die Reise weiter, denn wir vergessen Frischwasser aufzutanken und das Landstromkabel aus der Garage zu holen. So muss Papa uns mit seinem Servicefahrzeug hinterherfahren und das Kabel bringen. Erste Panne verbockt, check! Nach dem zweiten Lebewohl geht es bei Offenburg über die Grenze nach Frankreich. Beim Grenzübertritt wird uns schlagartig klar, wie schlecht vorbereitet wir sind. Wir sind beide total aufgeregt, mit dem schweren Truck einem anderen Land unterwegs zu sein, haben kein Internet und wissen nicht einmal, wie schnell ein Laster hier fahren darf. Wir sind schon ein tolles Team ... 🤦

Die Vogesen sind das Ziel. Die Bergregion liegt nicht nur auf dem direkten Weg, als begeisterter Rennradfahrer will ich diese Region auch endlich einmal kennenlernen. Der Einstieg in die Vogesen ist bei Colmar geplant. Dann immer mittendurch und irgendwo auf einem Berg oder an einem See wird sich schon ein Nachtplatz finden. Die Planung wird Makulatur als wir bei Colmar ankommen. Am finalen Kreisverkehr sind alle zielführenden Ausfahrten ab 3,5 Tonnen gesperrt. Es bleibt nur der Weg weiter am Ostrand der Vogesen entlang. Nächste Autobahnausfahrt, gleiches Spiel. Je länger die Suche nach einem Einstieg dauert, umso weiter fahren wir an den Vogesen vorbei nach Süden. Und immer wieder das gleiche Bild: neun von zehn Straßen sind ab 3,5 Tonnen gesperrt, die zehnte ab 7,5 Tonnen. Das fängt ja gut an.

Irgendwo schaffen wir dann den Einstieg. Kann auch sein, dass wir einfach keine Durchfahrtsbeschränkung mehr sehen wollten. Wir schrauben uns den Hügel hinauf Richtung Guebwiller. Ein Soldatenfriedhof bietet sich als Übernachtungsmöglichkeit an, aber ich will ganz nach oben. Auf dem Scheitelpunkt - Gipfel oder Passhöhe sind dann doch zu große Worte für das Hügelchen - gibt es im Wald zwei Wanderparkplätze links und rechts von der Straße. Im schwindenden Tageslicht spazieren wir noch eine Stunde durch den Wald.

Montag, der 07.11.2016

Aufgestanden, geduscht, gefrühstückt, abfahrbereit. Der Reiserhythmus sieht Wecken um 7 Uhr vor, um 9 Uhr ist Abfahrt. Um 9 Uhr sitze ich hinter dem Steuer und schaue den ersten Schneeflocken zu. Oooookayyyyyyy... Vielleicht sind Höhenlagen im November schon etwas kritisch. Die weitere Erkundung mit dem Truck wird abgesagt, es scheint mir eh nicht einfach, tiefer in die Vogesen reinzukommen. Also hinab ins Flachland. Die Navi-Einstellung führt uns auf kürzestem Weg direkt in eine Dorf-Baustelle. Hangabwärts wird die Straße enger und enger. Erst verbleiben nur Zentimeter neben dem Auto, dann Millimeter, dann ist Schluss. Mitten auf der Straße gähnt ein abgezäuntes Loch. Die Spurweite des Steyrs würde problemlos über das Loch passen, aber der Zaun... Die Bauarbeiter bezweifeln außerdem, dass ich um die Kurve und durch die Lücke der nächsten Häuser passe: "Avec le camion? Jamais!" Gut, oder auch nicht, ich wende dann mal auf einer Grundfläche von sechs auf sechs Metern einen sieben Meter langen Laster und krieche die enge Gasse wieder hinauf. Kollateralschäden gibt es dank gleich zweier Einweiser zum Glück keine.

Die heutige Etappe geht auf bezaubernden Landstraßen entlang der Doubs nach Besancon. Die Fahrt durch Frankreich wird eine Reise durch viele bekannte Weinbaugebiete. Es fallen Namen wie Arbois und Jura, Burgund und Savoyen. Es geht entlang des Rhône-Tals in den Südwesten nach Languedoc und Roussillon. Namen, die ich vom Weinregal im Supermarkt bestens kenne, werden zu Orten mit Erinnerungen.

Der erste kleine Supermarkt an der Strecke ist eine Offenbarung in Sachen Lebensmittel. In nüchternem Ambiente - vergleichbar mit Lidl oder Aldi - findet sich eine unglaubliche Vielfalt. Im Kühlregal liegen hundert verschiedene Käse- und Wurstsorten, zum größten Teil aus lokaler Produktion. Diese Auswahl findet sich in Deutschland nur in Feinkostabteilungen oder spezialisierten Geschäften. Schon komisch, dass ein Land so reich wie Deutschland so wenig Liebe zu Lebensmitteln zeigt. Die Franzosen essen so etwas wohl jeden Tag einfach so, das scheint hier gar nichts Besonderes zu sein. Da werden wir uns gut integrieren 😄. Wir kaufen ordentlich ein, wie immer in ausländischen Supermärkten.

So leicht wir uns in die kulinarische Vielfalt einfinden, so schwer tun wir uns heute mit dem Stellplatz. Im ländlichen Raum probieren wir parallel zur Hauptroute einige Strecken, die auf der Karte dünn besiedelt erscheinen. Es werden viele vergebene Kilometer bergauf und bergab. Meist schreckt uns das Verbot für nicht-landwirtschaftliche Fahrzeuge ab. Heute treffen wir aber auch zweimal auf Gruppen dubioser Gestalten, deren Aufmerksamkeit wir leider auf uns ziehen. Wahrscheinlich sind es nur Vorurteile und wir gucken sie genau so doof an wie sie uns. Wir fahren trotzdem weiter und finden im Jura nahe einem Weinstock einen tollen Platz in Sackgassenendlage. Im Sonnenuntergang gehe ich eine Runde Fliegen, aber es wird sehr schnell sehr kalt und als der Akku überraschend schwächelt hole ich die Drohne lieber kontrolliert vom Himmel. Beim Abendessen macht sich dann eine Spur Paranoia breit, als wir von Autoscheinwerfern angestrahlt werden. Sind es die dubiosen Gestalten? Wir machen das Licht aus und nach einigen Minuten fährt das Auto davon. Vermutlich nur Neugierige, Oschi fällt halt auf.

Dienstag, der 08.11.2016

Wir sind übrigens immer noch vom weltweiten Netz abgeschnitten. Ich dachte noch, fährste nach Frankreich rein, kommt bestimmt bald ein Handyshop, kaufste ne SIM-Karte von France Télécom oder so und bist drin. Aber nix da. Wir fahren tatsächlich durch komplett Frankreich, ohne einen einzigen Telefonladen zu sehen. Internetzugang finden wir nur an den Autobahntankstellen von TOTAL dank FreeWiFi, halten es aber immer nur einige Minuten dort aus, gerade lang genug um eine kurze Statusmeldung über Facebook oder WhatsApp zu senden. Immerhin finden wir Dank Google heraus, dass die Franzosen bei den Geschwindigkeitsbeschränkungen für Laster weit entspannter sind als die Deutschen: 80 km/h auf der Landstraße, 90 km/h auf der Autobahn. Kein Wunder, dass mich die Berufstrucker auf den schmalen Landstraßen mit ihren 40-Tonnen-Sattelzügen überholen. Wir machen uns aber nicht nur Feinde. Für Oschi gibt es öfter mal einen "Daumen hoch" oder ein freundliches Winken oder eine Lichthupe entgegenkommender Autos.

Heute haben wir ein festes Ziel, einen kostenlosen Stellplatz in den Rhône-Alpen im Bergdorf Raucouler. Von der mal mehr, mal weniger steilen Autobahn geht es ab und heftig in die Berge. Die schmalen und steilen Straßen sind fahrerisch richtig anspruchsvoll. Der Anspruch besteht darin, nicht in jeder Serpentine den Schwung zu verlieren und in der kleinen Getriebegruppe von vorne anfangen zu müssen. Teilweise war die Autobahn schon zu steil für den 7. Gang, aber jetzt bin ich froh, wenn ich in der großen Gruppe bleiben kann. Ich habe heftig mit Oschis Turboloch zu kämpfen. Für diese Strecke ist mir das nutzbare Drehzahlband des Motors zu schmal. Erschwerend kommt hinzu, dass der Turbo zwei bis drei Sekunden braucht, um vollen Ladedruck aufzubauen. In der Zeitspanne sinkt das Tempo vor allem in Kurven dramatisch ab. Bisweilen sind echte Drehzahlorgien und ein Ausreizen der optimalen Kurvenlinie nötig, um im nächsten Gang den Anschluss zu schaffen. Hinter Oschi bildet sich der wahrscheinliche erste Stau, den diese einsame Gegend seit langer Zeit gesehen hat.

Trotzdem, am Ende erreichen wir Rauculer. Ein nettes Bergdorf mit Spuren von Reif und Schnee auf den Dächern. Der Ort wirkt ausgestorben, von den 900 Einwohnern sind nur eine Handvoll und ein Hund anwesend. Der Hund scheint fotografierende Touristen gewohnt zu sein, er posiert wie ein Profimodel. Der Stellplatz am Friedhof bietet sechs asphaltierte Stellplätze (alle frei) und Strom, Wasser und Abwasser. 

Das Beste am Stellplatz aber ist die unmittelbar daneben gelegene "Wurstmacherei". Ein Laden zum Niederknien. Vom Verkaufsraum aus kann man durch eine Flügeltür in ein Hochregallager voller luftgetrockneter Salamis schauen. Und ich rede jetzt nicht von den armseligen Wurstzipfeln aus der deutschen Supermarkttheke. Das hier sind beindicke Brocken mit raumgreifendem Aroma! Wir decken uns mit zwei Kilo ein und witzeln, dass wir - sollten wir hier eingeschneit werden - es in der Nähe des Ladens den Winter über aushalten könnten. Beim Abendspaziergang durch den Ort finden wir als touristische Highlights eine geschlossene Bäckerei und ein geschlossenes Cafe. Trotzdem würden wir hier immer wieder herkommen, nur wegen der Salami! Und vielleicht auch wegen des Stroms, den wir für 2 Euro unbegrenzt nutzen können. Da die Alde-Heizung auch mit Strom betrieben werden kann, lohnt das natürlich.

Mittwoch, der 09.11.2016

Am nächsten Morgen sind wir tatsächlich eingeschneit. Wir frühstücken bei leichtem Schneefall. Nix gelernt in den Vogesen, denke ich mir, und frage mich, wie wir ohne Ketten hier herauskommen, wenn der Winter ernst macht mit Schnee. Aber erst muss der Steyr anspringen und der zickte schon im Jura bei 0 Grad etwas. Normalerweise springt er mit der ersten Umdrehung an, aber gestern wollte er bestimmt 5 Sekunden georgelt werden und spuckte dazu schwarzen Rauch. Heute hat er gar keine Lust anzuspringen. Trotz aktivierter Dieselheizung braucht es vier Orgelrunden bis der Motor endlich läuft. So kenne ich ihn gar nicht. Das Problem sollte sich wieder legen, je weiter wir nach Süden kommen.

Tatsächlich ist der Schnee dann kein Problem, die Straßen werden geräumt und der Schnee schmilzt schnell bei steigenden Temperaturen. Auf mautfreien Straßen arbeiten wir uns weiter durch die Rhône-Alpen. Hin und wieder sind wir versucht, bei weiteren Salami- und Schinkenherstellern am Wegesrand zu stoppen. Heute peilen wir Millau an, wo ein Viadukt fotografische Erwartungen weckt. In der Anfahrt auf Millau bietet die Autobahn ein spektakuläres Bild, das man gar nicht mit Worten beschreiben kann. Zum ersten Mal seit unserer Abreise können wir buchstäblich bis zum Horizont gucken, der von einer Bergkette eingefasst ist. Vor der Mautstation verlassen wir die Autobahn. Ans Viadukt kommen wir aber nicht heran, die Franzosen sind ja nicht dumm. Um den Schwerverkehr auf der kostenpflichtigen Autobahn zu halten, sind die interessanten Nebenstrecken für Laster gesperrt. Uns bleibt nur eine Ausweichstrecke in die falsche Richtung mit der Breite und Qualität eines niederrheinischen Radweges. Jeder Umweg führt zu neuen Erfahrungen, also befahren wir die Strecke, die immer schön am Abgrund entlang führt. Typisch für solche unübersichtlich kurvigen Bergstrecken ist, dass Gegenverkehr immer dort auftaucht, wo man ihn nicht brauchen kann. Aber wie sagte mein Fahrlehrer: Als Lasterfahrer nimmt man sich den Platz, den man braucht. Soll der PKW doch ausweichen. Gesagt, getan. Aber leid tun sie mir schon, die PKW-Fahrer...

Unseren Nachtplatz finden wir kurz vor dem Dörfchen Castelnau-Pégayrols. Ein kleiner Rastplatz mit einem Bänkchen und praktischerweise auch einem Mülleimer. Der Ort selbst liegt hinter einer 180° Kurve, aber vom Rastplatz aus ist er über die Schlucht zu erblicken. Lichtverschmutzung ist hier kein Thema, also friere ich mir voller Enthusiasmus in der kalten Nacht den Allerwertesten ab, um ein paar Bilder zu machen. Zunächst muss der Mond als Motiv herhalten, wobei es ihm dazu definitiv an Geduld fehlt. Nicht-Mond-Fotografen wissen wahrscheinlich gar nicht, wie schnell die olle Steinkugel am Himmel unterwegs ist. Dann muss der Ort gegenüber dran glauben, wobei aufziehende Wolken einen besseren Sternenhimmel verhindern. Manchmal muss man eben nehmen was man kriegt.

Donnerstag, der 10.11.2016

Wir halten von nun an auf Andorra zu, aber nicht über die Mittelmeerküste, wie es das Navi will, sondern über Toulouse. Es gibt einen Pyrenäenpass nach Andorra, den ich fahren will, auch wenn das Navi sich strikt weigert, meine Wunschroute zu planen. Den heutigen Tag verbringen wir leider komplett im Fahrerhaus (von dem täglichen Shoppingexzess im Lebensmittelhandel mal abgesehen).

Wir sind in der Region France du Midi und ziemlich erfolglos, was die Stellplatzsuche angeht. Die Gegend ist dank intensiver landwirtschaftlicher Nutzung vollkommen zersiedelt: immer genau in Sichtweite das nächste Haus oder der nächste Hof, so dass wir nicht unbeobachtet stehen können. Wenn wir ein laut Karte vielversprechendes Ziel anfahren, entpuppt es sich vor Ort als feucht-schattiges Loch oder als Privatgrundstück. So machen wir schließlich aus der Not eine Tugend und parken vor Mazarès dreist auf einem Aussichtspunkt. Sollen uns halt alle sehen, im Gegenzug genießen wir vom Bett aus das Lichtermeer der Stadt.

PS: In Frankreich ist der Sprit an Supermarkttankstellen 15 bis 20 Cent pro Liter günstiger als an der Tanke.

Kommentare: 1
  • #1

    Andreas (Montag, 12 Dezember 2016 20:39)

    Hi,

    das preiswerteste Internet findest du von free am Automaten beim Tabak- oder Zeitschriftenhändler. Alles dazu bei uns auf dem Blog.

    Gruß
    Andreas