Wiedersehen ...schland!

Mo, 31.10.2016

Der Morgen des 31. Oktober 2016 ist feuchtkalt, ein Morgen zum Wieder-unter-die-Decke-kriechen. Man merkt diesem Morgen nicht an, dass eine besondere Zeit für uns beginnt. Wir sind jetzt Reisenomaden ohne feste Wohnung. Dies ist der erste Tag, in dem wir ausschließlich im Auto leben (auch wenn wir das inoffiziell schon seit einer Woche tun). Seit über drei Jahren steht unser Truck auf dem Gelände der Schlosserei Reiners, schon viel länger als wir alle erwartet hatten. Aus meiner unbedarften Anfrage, ob wir nicht zusammen einen Grundrahmen für den Wohnaufbau konstruieren könnten, wurde eine langjährige intensive Zusammenarbeit. Tolle Jahre waren das, mit endlosen Arbeitstagen bis tief in den Abend, durchmalochten Wochenenden, aber auch vielen guten Gesprächen über Gott und die Welt. Es muss einmal gesagt werden: Ohne die Reiners wären wir nie so weit gekommen. Wir würden immer noch in einer Wohnung wohnen und ein paar Mal im Jahr in den Urlaub fliegen ... ich meine, wer will das schon? ;-) Innigsten Dank für all die erlebte Hilfsbereitschaft! Auch wenn wir heute unseren Stellplatz räumen, wir werden Ihnen immer zutiefst verbunden bleiben! 

An diesem feuchtkalten Morgen, wo wir unsere Zelte in Meerbusch-Büderich abbrechen, gehe ich ein letztes Mal zu unserem Bäcker Brötchen holen, dann ein letztes Mal in unseren Edeka zum Einkaufen. Ein letzter Behördengang muss erledigt werden. Ein letztes Mal dies, ein letztes Mal das. Wir nehmen Abschied von unserem Zuhause, unserem vertrauten Umfeld, unserem alltäglichen Leben. Und dann ist auch noch Brückentag und alle sind verreist und keiner wird uns beim Wegfahren winken. Der erste Tag in Freiheit beginnt in Wehmut. 

Nach dem Mittagessen machen wir die Kabine reisefest und sichern alle Türen und Klappen. Im Fahrerhaus drehe ich den Zündschlüssel und der Steyrmotor erwacht mit einem kurzen Gasstoß. Ich mag dieses kernige Grollen. Der große Motor hat einen beruhigender Sound, der durch Mark und Bein geht. Ich freue mich auf die vor uns liegenden Kilometer hinter dem Steuer. Weit werden wir heute allerdings nicht mehr kommen, denn in wenigen Stunden wird es dunkel und bis dahin muss der erste Stellplatz gefunden sein. Aber ganz egal wie kurz die erste Etappe wird - Hauptsache, wir sind unterwegs nach Afrika!

Auf dem Weg nach Afrika
Auf dem Weg nach Afrika

Vorher will ich aber noch meine Neugier stillen und fahre auf eine Waage. Die geeichte Waage lässt keinen Raum für Illusionen. Das unbestechliche Urteil lautet: in der Zehn-Tonnen-Planung wurde kein Gramm verschenkt. Ok, der Abwassertank ist unnötig voll und ein paar Sachen zum Einlagern kommen auch wieder raus, aber 10 to sind 10 to. Vielleicht lassen wir Oschi nach unserer Rückkehr noch weiter auflasten, 1,5 to mehr wären noch drin.

Das Tagesziel picken wir aus dem Straßenatlas: Liblarer See, südlich von Köln. Die Sonne lacht, als wir im Seengebiet ankommen. Normalerweise würden wir nach einem einsamen, schönen, freien Stellplatz suchen, aber dazu eignet sich die dichtbesiedelte Gegend nicht. Als wir auf ein Hinweisschild zum Campingplatz Liblarer See stoßen und steuern wir ohne lang zu fackeln die Einfahrt des Campingplatzes an. Einsam, schön und frei muss bis morgen warten. Nach einiger Zeit lässt man uns auf das ausgestorbene Gelände. Zunächst entsorgen wir unter etwas Kollateralschaden 140l Abwasser (die Ablassgrube ist aber auch zu dämlich positioniert). Dann suchen wir die "Wiese", die leider aus einzelnen abgeschirmten Parkplätzen besteht. Am sonnig warmen Nachmittag sitzen wir im T-Shirt am Sandstrand und warten auf den Sonnenuntergang. Wann gab es das zuletzt, einfach dasitzen und das Gesicht in die Sonne halten? Muss Jahre her sein. Ich packe freudig das Fotoequipment aus und finde in zwei Anglern ein ansprechendes Motiv. Die beiden legen noch eine Extrarunde Angeln aus, bis die Sonne tief genug für das Foto steht.

Wintercamping auf dem Campingplatz Liblarer See
Wintercamping auf dem Campingplatz Liblarer See

Di, 01.11.2016

Am nächsten Morgen beginnt die Reiseroutine. Auf dem Campingplatz heißt das Dusche und WC suchen, Personal rausklingeln, Jetons besorgen. Gerade noch rechtzeitig fällt auf, dass die Toiletten nicht mit Klopapier ausgestattet sind. Es gibt nicht einmal Halter dafür. Lesson learned: Niemals ohne Papierkontrolle beginnen! Als wir später wieder Personal suchen um auszuchecken, werden wir ruppig darauf hingewiesen, dass wir 20 Minuten über der Zeit sind. Danke, so geht Abschied leicht gemacht. 

Unsere Strecke durch Deutschland führt zunächst in den Enzkreis zu Mis Eltern, einige Koffer und Kisten abladen und gebührlich verabschieden. Schließlich wird dies das erste getrennte Weihnachten. Für die 350 km wollen wir uns ein paar Tage Zeit lassen, wie generell auf dieser Reise. Nur rund 200 km am Tag will ich zur Streckenbewältigung fahren, das entspricht etwa dem halben Tag. Die andere Hälfte, vorzugsweise der Nachmittag, steht dann dem Besichtigen, Fotografieren, Lesen, und allem anderen zur Verfügung, was die letzten 768 Tage zu kurz kam.

Für den ersten Vollzeit-Reisetag machen wir ein Ziel in der Eifel aus. Zur Routenplanung dienen ein Deutschland-Atlas und das Smartphone mit Navigation, Internet und Stellplatz-App. Die nächsten Tage werden wir allerdings mit dem Atlas allein auskommen müssen, denn beide unsere Internetguthaben sind an diesem Morgen aufgebraucht. In der Eifel klappt die Stellplatzsuche perfekt. Wir peilen eine Burgruine in der Nähe von Blankenheim an und finden bei einer Kapelle einen freien Wiesenparkplatz, an dem wir ungestört sind. Ich schaue aus Neugier mal in die Kapelle und finde einen geometrisch perfekten Raum. Das ideale Übungsrevier für ein Kugelpanorama. Schnell zum Truck und die Ausrüstung herausgezerrt und aufgebaut. Ich finde, das Ergebnis kann sich trotz erhöhter Anforderungen durch die Fenster und den Mosaikboden fürs erste Mal sehen lassen.

Nach Einbruch der Dunkelheit spazieren wir mit der Fotoausrüstung zur Ruine. Hier findet sich eine angenehme Überraschung. Die unbeleuchtete Ruine ist sich selbst überlassen, außer einer Hinweistafel findet sich keinerlei Denkmalpflege. Wir können frei herumlaufen und mit der Kamera und Taschenlampe etwas Effekthascherei betreiben. Es fehlt eigentlich nur noch ein Burggespenst als Motiv. Auch die Kapelle muss noch mal als Nachtmotiv herhalten, diesmal von außen. 

Mi, 02.11.2016

Beim Frühstück am nächsten Tag befinden wir, das 850 Einwohner Dorf touristisch ausgereizt zu haben. Weiter geht es, möglichst in Luftlinie, mal auf der Autobahn, mal auf der Landstraße. Schöne Stallplätze finden sich leichter abseits der Hauptverkehrswege. Wir fahren von der Eifel in die Pfalz, über die Mosel, ins Saarland und wieder in die Pfalz. Die Landstraßen sind sehenswert aber durch Oschis dreckige Scheiben ist Knipsen on road keine Option. Unterwegs passieren wir Pirmasens, einer von vielen Orten, deren Namen man schon seit Kindheitstagen im Ohr hat und nun in der Realität zu sehen bekommt. In der ländlichen Peripherie wird die kleine Lücke, die sich im Kühlschrank aufgetan hat, schnell wieder gefüllt. 

10-Tonnen-Expeditionsmobil: 9 Tonnen Stahl, 1 Tonne Lebensmittel
10-Tonnen-Expeditionsmobil: 9 Tonnen Stahl, 1 Tonne Lebensmittel

Weil das mit der Burgruine in der Eifel so gut klappte, wollen wir den nächsten Stellplatz wieder bei einer Burgruine suchen. In Dahn im Wasgau steuern wir die Ruine Altdahn an. Dazu geht es mit dem Truck mitten durch die Stadt, sehr zur Freude der Schulbusfahrer, für die Rücksichtnahme auf nicht getaktete Verkehrsmittel offensichtlich keine Berufsqualifikation ist. Der winzige Besucherparkplatz liegt als Wendeplatte zu Füßen der Ruine. Kaum eingeparkt und ausgepackt fährt eine Polizeistreife vor. Ja, das schlechte Gewissen fährt bei mir immer mit. Proaktiv gehe ich auf die beiden Polizisten zu. Ob es ein Problem gäbe? Nö, wieso. Zigarettenpause! Puh ... Aber geiles Fahrzeug haben Sie da, der kommt bestimmt überall durch. Ich nicke vielsagend und verziehe mich wieder in die Kabine. Muss ja keine schlafenden Hunde wecken. 

Die Burg steht unter pfälzerischer Denkmalpflege und das bedeutet Öffnungszeiten: um 17h macht die Ruine zu. Das wird dann wohl nichts mit Dämmerungsfotografie. Bei Tageslicht finde ich auch keine überzeugende Perspektive, also gehen wir etwas über die Felder spazieren. An einer Pferdekoppel bemühe ich mich erfolglos um die Aufmerksamkeit einer desinteressierten Stute. Währenddessen knutscht Mi hinter meinem Rücken mit einem Pferd. So sieht das jedenfalls aus, als ich mich umdrehe. Ein schöner großer Brauner von der gegenüberliegenden Koppel stupst Mi ganz behutsam mit der Nase auf ihre Nase.

Ein unglaublicher Moment! Der Braune ist ein wunderbares Tier, wiegt bestimmt seine 700 Kg, agiert aber sehr vorsichtig, sehr sanft und erstaunlich zutraulich. Die kleine Geste hinterlässt einen großen Eindruck (den das verwackelte Foto vielleicht etwas schmälert, aber sowas sehe ich eben nicht jeden Tag). So stellen wir uns Reisen vor: Die schönsten Erfahrungen sind nicht für Geld zu haben!

Zuhause - ja, Oschi ist jetzt "Zuhause" - angekommen, bereiten wir das Nachtlager vor, aber ich bin mit der Bildausbeute des Tages noch nicht zufrieden. Von der Burg aus war auf einem gegenüberliegenden Felsvorsprung ein Fotograf mit Tele zu sehen und diesen Fels will ich heute abend noch finden. Mit der Wanderkarte auf dem Handy und der Taschenlampe in der Hand stapfe ich nachtblind quer durch den inzwischen rabenschwarzen Wald. Ob das eine schlaue Idee war? Sagen wir, ich weiß jetzt, wie laut und unheimlich ein deutscher Wald bei Nacht sein kann. Ich komme wieder bei der Pferdekoppel mit dem Braunen raus und finde zwar nicht den Fels aber den Heimweg (dann auch ohne Navi-App). Abenteuer bestanden, check!

Do, 03.11.2016 ff

Am nächsten Tag schaffen wir es dann endlich zu den Eltern. Hier packen wir noch einmal um. Einige Kisten sollen in Keller und Garage auf unsere Rückkehr warten. Den Hauptwohnsitz und das Auto melden wir um. Einiges an aufgestautem Papierkram aus den letzten Wochen ist auch noch zu erledigen. Zwischendurch ziehe ich eine lose Schlauchschelle nach, weil Oschi den Vorplatz mit Kühlwasser einsaut. Seit Jahren schon ist es die selbe Stelle am Thermostat, die immer wieder einen Tropfen durchlässt, obwohl sie mittlerweile doppelt mit Schlauchschellen abgesichert ist. Diesmal schneide ich das Schlauchende etwas nach, um die Knautschzone am Formschlauch zu entlasten. Vielleicht bringt es etwas.

In den folgenden Tagen stopfen wir maßlos Essen in uns hinein und unternehmen ausgedehnte Spaziergänge durch herbstlich bunte Weinstöcke. Erstmals ist Zeit genug da. Andererseits hindert der elterliche Rundumservice uns erfolgreich an der Weiterreise. Peinlich aber wahr: die lauthals angekündigte Afrikareise ist in Ölbronn-Dürrn ins Stocken geraten...



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