Und Du willst doch einfach nur nach Hause

Stell Dir vor, es ist Freitagabend gegen 19 Uhr. Eine harte Arbeitswoche liegt hinter Dir. Du bist auf einer Dienstreise, in einer fremden Stadt 600 Kilometer fern der Heimat, fern von Deinen Lieben. Der heutige Tag hatte es nochmal in sich, aber jetzt stehst Du endlich am Flughafen. TGIF - Thank God Its Friday.

Du bist müde und zugleich aufgeregt, denn ein langes Wochenende steht vor der Tür und Du freust Dich darauf. Gegen halb acht wirst Du landen, und mit dem Taxi bist Du eine halbe Stunde später zu Hause. Dein Magen meldet einen kleinen Hunger an, aber das hältst Du aus. Heimische Küche schlägt Flughafen-Imbiss 1:0. Wer weiß, vielleicht gibt es daheim sogar noch etwas warmes? Dann noch für ein bis zwei Stunden mit dem Partner aufs Sofa und Du bist im Wochenende angekommen.

Auf der Anzeigetafel suchst Du Deine Flugnummer und findest einen unheilvollen Kommentar: 40 Minuten Verspätung. Ärger furcht Deine Stirn. Eine überschlägige Rechnung: Das ist fast eine Stunde, d.h. gegen 21 Uhr daheim, hungrig und müde. Keine gute Kombination. Das bedeutet ein kaltes Abendessen und wenn Du dann noch eine Stunde auf dem Sofa entspannst, kommst Du erst gegen 23 Uhr ins Bett. Kein Drama aber auch kein Grund zur Freude. Du seufzt, rufst kurz zu Hause an und versuchst, Deine Enttäuschung herunterzuspielen. Es ist ja nur eine knappe Stunde.

Du suchst Dir in den Wartehallen einen Platz. Keine ganz einfache Sache. Es ist Freitag vor Pfingsten, gefühlt eine halbe Million Menschen will nach Hause oder das lange Wochenende für einen Kurztrip nutzen. Fast alle Sitze sind belegt. Hier und da ist ein einzelner Platz frei aber Dein Wochensoll an Kontakt mit fremden Menschen hast Du längst übererfüllt. Du findest einen Eckplatz und drehst dem Nachbarn den Rücken zu.

Zehn, zwanzig, dreißig Minuten vergehen. Du schaust auf die Anzeigetafel. Es müsste sich langsam mal etwas tun. Vierzig Minuten. Eine Stunde vergeht. Eine Ansage ist längst überfällig. Der Flieger müsste schon gelandet sein und wird bestimmt nur noch für den Weiterflug gereinigt. Der Ärger über den verkürzten Abend wird wieder größer. Endlich eine Durchsage zu Deiner Flugnummer. Sinngemäß: "Liebe Fluggäste von Flug AB6042, aufgrund der Wetterlage musste der Flieger in XY zwischenlanden und wird weiterfliegen, sobald er wieder aufgetankt ist. Die Abflugzeit verschiebt sich auf unbekannt." Unbekannt? Keine weitere Information. Bei den Betroffenen im Warteraum kippt die Stimmung. Von Ärger zu Ratlosigkeit zu Wut. Du weißt nicht woran Du bist. Sollst Du warten? Worauf? Wie lange? Plötzlich übertragen die Lautsprecher die erlösende Nachricht: Der Flieger ist gelandet, in Kürze beginnt das Boarding. Endlich! Der Ärger löst sich auf, die Wut verpufft. In Kürze, also bald...

Fast eine Stunde passiert jedoch weiter nichts. Dann knacken die Lautsprecher (geht es jetzt los?): "Liebe Fluggäste von Flug AB6042, bitte begeben sie sich an die Ticketschalter und buchen um. Ihr Flug wurde annulliert." Ende der Durchsage. Du denkst, Du spinnst. Haben die jetzt wirklich Deinen Flug gestrichen? Und haben die jetzt wirklich ein paar hundert Passagieren gesagt, sie möchten sich um freie Plätze auf den nächsten Flügen schlagen? Ja geht's noch? Du willst endlich nach Hause!

In der Wartehalle setzt schlagartig eine Völkerwanderung ein. Hunderte Menschen springen auf, schnappen sich hunderte Gepäckstücke; hunderte Trolleys rollen in Richtung Schalter. Geschäftsfrauen und -männer - dienstreisegestählt - wissen: Wer zuerst kommt, fliegt zuerst! Du springst auf, flitzt zum Schalter (immer noch ungläubig über die groteske Durchsage) und ergatterst ... Platz 283 in der Warteschlange. Dir ist sofort klar, wie sinnlos das Anstehen ist. Irgendwo weit vor Dir wird dieser Flieger ausgebucht sein. Frustriert rufst Du zu Hause an. Das war es mit dem Kuschelabend. Und gegessen hast Du auch noch nichts. Die Imbissbuden haben inzwischen geschlossen.

Zwei Stunden stehst Du in der Schlange. Als ob Du nicht schon den ganzen Tag auf den Beinen wärst. Die Füße schmerzen, die klimatisierte Luft ist zu trocken, Dir ist zu warm und zu trinken hast Du auch nichts. Um Dich herum übelgelaunte Leidensgenossen. Jeder Geschäftsreisende kennt seine Fluggastrechte, sie hängen überall am Flughafen aus. Ab zwei Stunden Verspätung hat die Airline ihre Fluggäste zu bewirten. Die einzigen, die davon noch nie etwas gehört haben, sind die Beschäftigten Deiner Airline. Mittlerweile sind zwei Flüge ausgefallen und etwa 700 gestrandete Passagiere würden gerne wissen wie es weiter gehen soll. Nur ist keine Servicekraft außer dem überforderten Schalterpersonal in Sicht.

Irgendwann später. Aus spontanem allgemeinen Hälserecken schließt Du, dass es weiter vorne neue Informationen gibt. Die Ordnung der Warteschlange löst sich auf, also scharst auch Du Dich um die Flughafenbedienstete. Sie gehört zwar nicht zu Deiner Airline, hat aber ein Einsehen, die seit vier Stunden im Ungewissen verharrenden Passagiere zu informieren. So gab es tatsächlich anfänglich eine kleine Verspätung, die jedoch dazu führte, dass die erlaubte Arbeitszeit des Flugpersonals überschritten wurde. Eine Ersatzcrew konnte nicht schnell genug aufgetrieben werden. Damit musste der Flug abgesagt werden. Der nächste freie Flieger wäre erst am Sonntag verfügbar, also in zwei Tagen! Du traust Deinen Ohren nicht. Du willst doch einfach nur nach Hause. So schwer kann das doch nicht sein. Unter der Hand rät die Dame den Umstehenden, dass jeder seine Reise selbst in die Hände nehmen möge. Die Airline hüllt sich in Schweigen...

Nun ja, Du hast es irgendwie geahnt. Eine Landung in Düsseldorf wäre durch das Nachtflugverbot ohnehin verhindert. Eventuell wäre ein Flug nach Köln/Bonn mit anschließender Zug- und Taxi-Odyssee eine Lösung, aber das wird ja immer später. Weitere Alternativen? Mit der S-Bahn zum Bahnhof und einen Nachtzug finden? Es ist Pfingsten und feiertags dünnt die Bahn den Nachtverkehr aus. Zurück in die Stadt und ein Hotel suchen und morgen mit dem Zug zurück? In jedem Fall ist der Samstag gelaufen. Da deutet sich noch eine Reisemöglichkeit an. Deine Nachbarn aus der Warteschlange schlagen einen Mietwagen vor. In fünf Stunden wäre die Strecke Flughafen-Flughafen zu schaffen. Dann noch ein Taxi und Du wärst gegen 4 Uhr morgens in Deinem eigenen Bett. Nicht gut, aber besser als länger hier herumzustehen. Das finden auch andere, und die Idee gewinnt Anhänger. Es dauert etwas, bis sich die richtige Gruppe zusammenfindet. Du würdest ja nicht zu jedem nachts ins Auto steigen. Um Mitternacht sitzt Du im Auto, mit dem Kopf an die Seitenscheibe gelehnt döst Du vor Dich hin.

Von Deiner Airline hörst Du übrigens nichts mehr. Genaugenommen hast Du nicht nur nichts für den Preis Deines Flugtickets bekommen; durch das Unterlassen zeitnaher Informationen haben Sie Dir auch noch alle Möglichkeiten genommen rechtzeitig umzuplanen. Und jetzt sage keiner, die könnten nichts dafür. Wenn eine Airline keinen Plan B hat oder wenn das Plan B war, dann hat sie ihre unternehmerische Existenzberechtigung zu Recht verloren. Der Name der Airline? Irgendwas mit Berlin oder so.

Euer Christian aka Oschi

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