Zum Attentat in Paris

Wieder ein Terroranschlag. Wieder platzt ein Haufen Killer in eine Menschenmenge, feuert aus Schnellfeuergewehren auf Passanten und Konzertbesucher und reißt als lebende Bomben Wehrlose in einen sinnlosen Tod. Die Details zu den Attentaten in Paris sind kaum erträglich. Wer nicht schnell genug fliehen kann, der stirbt. Mann, Frau, Kind, Alt und Jung. Am Ende sind weit über einhundert Familien und Freundeskreise in einem barbarischen Akt fassungsloser Menschenverachtung zerstört und traumatisiert.

Wieder waren die Täter junge Leute. Junge Leute mit großem Tatendrang aber ohne sinnstiftende Perspektiven. Junge Leute, deren aufgestaute Wut und Frustration von scheinheiligen Demagogen in Gewaltverbrechen fehlgeleitet wird. Die nach einer Gehirnwäsche von Verteidigung reden während sie schwerbewaffnet willkürlich Menschen erschießen. Es ist unfassbar traurig und erfüllt mich mit ohnmächtiger Wut.

Ich kenne die Stätten des Geschehens. Es sind Orte voller Kultur, Genuss und Lebensfreude. Ich fühle mich dort wohl, die Bannmeilen einmal ausgenommen, wie überall. Ich schätze die offene und bunte Gesellschaft, Vielseitigkeit und Kultiviertheit. Und die Bereitschaft zu einem friedlichen und wertschätzenden Miteinander. Ich glaube an ein humanistisches System freiheitlicher, demokratischer und sozialer Werte. Ich will, dass sich unsere Gesellschaft über das Fressen und Gefressenwerden erhebt. Sicher ist eine offene Gesellschaft auch verwundbar, aber sie ist nicht wehrlos. In der Offenheit liegt große Stärke. Sie nimmt von allen und allem das beste an. Sie wird von allen mitgetragen, weil jeder in ihr seinen Platz finden kann. Und sie kann sich gegen jeden Gegner verteidigen.

Der Weg zu einer offenen Gesellschaft ist lang und steinig und längst nicht alle Gemeinschaften dieser Welt gehen ihn. Manche gehen eher den umgekehrten Weg. Ich weiß, dass viel zu viele Menschen leider immer noch Tag für Tag ums nackte Überleben kämpfen müssen und froh wären um einen vollen Bauch, Arbeit und etwas Konsum. In Europa wäre das nicht nötig. Es gibt genügend Bildungsmöglichkeiten und Wohlstand, nur die Verteilung ist nicht richtig. Die Orientierung an der internationalen Wettbewerbsfähigkeit ist falsch, sie stärkt die Starken und schwächt die Schwachen.

Hinter den Kulissen - in den Bannmeilen - brodelt es. Die Schwachen scheren aus der gesellschaftlichen Ordnung aus und bilden ihre eigene Parallelgesellschaft. Dort steht Fressen vor Gefressenwerden und ganz weit vor Freiheit, Menschenrechten und der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Das ist der Boden für radikale Kräfte, die mit ihrer erschreckend einfachen Ideologie wie in Paris mordlüstern die Menschheit geißeln. Die Täter kommen immer wieder von innen. Und die Quelle an jungen indoktrinierten Mördern und Selbstmordattentätern scheint unerschöpflich. Sollte uns diese Menge Leute nicht etwas sagen? Die vielen mit einem tödlichen Hass auf die Mitte der Gesellschaft an deren Rand sie leben?

Im Nachhinein wird der Werdegang der Radikalisierten bis ins Detail ans Licht gezerrt, der Tat und den Umständen ein großes mediales Echo gewährt. Hinterher wird immer aufgeklärt, wie es dazu kommen konnte. Den Opfern der Attentate und ihren Angehörigen hilft das nicht mehr. Ihr Leid ist unermesslich. Wäre es zu verhindern gewesen? Wo bleiben die Maßnahmen, die das Abdriften in den Extremismus im Keim ersticken? Die anschließende Diskussion dreht sich um die öffentliche Sicherheit: mehr Polizei, mehr nachrichtendienstliche Tätigkeit, mehr Kontrolle an den Grenzen. Das ist Symptomkuriererei, es mag hoffentlich das Schlimmste verhindern, aber der Patient bleibt krank. Die Büchse der Pandora, aus der scheinbar stetig neue Mörder quellen, wird das nicht verschließen.

In der Denke der Attentäter gilt: je feiger das Mittel und je unfairer die Methode umso größer die Wirkung. Der bewaffnete Kampf gilt regelmäßig nicht den Wehrhaften; die Gewalt wird unbewaffneten Unbeteiligten aufgezwungen. Wir Zivilisten sind das auserkorene Ziel und die Opfer. Egal ob man es Terror oder Krieg nennt - es ist der blanke Horror und er ist von Menschen gemacht. Entgegen aller Propaganda geht es dabei auch nie um die einzig wahre Religion, sondern nur um die Durchsetzung weltlicher Machtansprüche. Religion wird als Mittel zum Zweck missbraucht.

Ich spüre meinen Pazifismus schwinden. Ich glaube nicht, dass die Schuldigen einer sachlichen Argumentation zugänglich sind. Die Mörder und ihre Hintermänner wollen nicht reden. Sie teilen nicht mehr die grundlegendsten Werte eines menschlichen Miteinanders. Sie wollen Krieg und Tod, auch der eigene wird in Kauf genommen. Wo Verstand und Menschlichkeit an einen pervertierten Glauben verloren gingen, bleibt nur eine Bestie übrig. Gewalt ist die einzige Sprache, die verstanden wird. Und so leid es mir um jedes Menschenleben tut, das zu Großartigem heranwachsen könnte - von diesen Bestien vor die Entscheidung gestellt "die oder wir", bin ich für "wir", mit allen gebotenen Mitteln.

Wir müssen uns verteidigen. Alle Opfer von religiös verkleidetem Terror müssen sich verteidigen. Die Selbstverteidigung muss die Welt zusammenschweißen. Mehr denn je bin ich dafür, denen, die vor diesem Terror fliehen, eine sichere Zuflucht zu bieten. Hilfsbereitschaft fragt nicht nach der Herkunft. Wir müssen die Vertriebenen unterstützen, sich gegen den Schrecken in ihrer Heimat zu stellen und ihn dort zu bekämpfen. Wir müssen bei uns Parallelgesellschaften aufbrechen und denjenigen, die sich an den Rand gedrängt fühlen, in der Wiedereingliederung ihre Chance zeigen. An die Wurzel des Terrors geht es nur, wenn alle Betroffenen gemeinsam für ihre kollektive Sicherheit einstehen. Kein Unrecht kann sich auf Dauer halten, der Widerstand und die Menschlichkeit der Mehrheit haben die Unmenschlichkeit Einzelner noch immer überlebt.

Euer Christian aka Oschi

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