Kein größer Leid

Du wachst morgens auf und die Welt ist schön. Vögel zwitschern und die Sonne schickt goldene Strahlen. Du packst Deine Sachen, freust Dich auf den Tag. Pläne sind geschmiedet. Vielleicht fährst Du bald weg, besuchst Deine Lieben, wirst gute Freunde treffen. Freudig machst Du Dich auf den Weg in Deinen Tag.

Nur wenige Stunden später ist dies nicht mehr Deine Welt. Völlig unerwartet passiert eine schreckliche Tragödie. Eine unglückliche Entscheidung, ein dummer Zufall, eine Verkettung unberechenbarer Umstände oder menschliches Versagen und die Welt, wie Du sie kennst, implodiert. Die Gegenwart liegt in Scherben. Den Boden unter den Füßen entzogen schwebst Du haltlos im Nichts. Deine Pläne haben ihren Sinn verloren, nichts weißt Du jetzt mehr mit ihnen anzufangen.

Ohne Vorwarnung und unumkehrbar löst sich Deine Zukunft auf. Noch weißt Du nicht genau, was passiert ist, kennst nicht alle Fakten. Doch die Gewissheit der Katastrophe drängt unaufhaltsam in Dein Bewusstsein. In der schwarzen Leere keimt die Erkenntnis, dass Du einen geliebten Menschen nie wiedersehen wirst. Die Kaffeetasse steht noch auf dem Tisch, der Schal hängt noch an der Garderobe. Darauf wartend, dass er oder sie wiederkommt. So wie dieser Mensch immer wiederkam. Du hast seine Wärme gespürt, seine Nähe geliebt. Ihr ward vertraut miteinander, im Geiste eins, Euer Leben war aufeinander aufgebaut. Eine gemeinsame Zukunft lag vor Euch. Wie sollst Du ihn nie mehr ansehen, nie mehr berühren, nie mehr mit ihm sein?

Dein Puls hämmert in Deinem Hals und in Deinem Kopf. Dein Verlust ist so groß, dass die Welt aufhören müsste sich zu drehen. Deine Verzweifelung ist ein schwarzes Loch, in dem jedes andere Gefühl, jede andere Wahrnehmung versinkt. Die Fassungslosigkeit lähmt Dich. Jede Bewegung fällt schwer, jeder Gedanke kostet Mühe. Dein Leben findet jenseits der Realität der anderen statt. Wie tief unter Wasser treibst Du in einem Meer von Tränen, dunkle Kälte engt Deine Seele ein.

Menschen begegnen Dir, manche äußern Worte der Trauer. Was wissen die schon? Ihre Worte klingen dumpf und unverständlich. Sie erreichen Dich nicht hinter der meterdicken Wand von Traurigkeit, die alles absorbiert. Du hast verloren, was Deinem Leben Sinn und Freude gab und Grund für Pläne.

Die Welt tut jetzt furchtbar weh. Du möchtest Dich zurückziehen von ihr. Du möchtest Dich verkriechen, unter einem dicken Panzer ganz tief drinnen in Dir selbst. Die Stacheln ausstrecken wie ein Igel und nichts mehr an Dich heran lassen. Unter dem Schock dehnt sich die Zeit unerträglich. Endlos wälzt Du die gleiche Frage. Jede Sekunde, jede Minute dauert eine quälende Ewigkeit.

Während das Entsetzen mit der Wut ringt, verzehrt das nackte Dasein Deine Kraft. Schlaf wünscht Du Dir, langen tiefen traumlosen Schlaf. Nur nicht mehr denken müssen, die Zeit soll ohne Dich vergehen. Schlafen willst Du für alle Zeit der Welt, bis Du irgendwann wieder einen Gedanken an die Erfordernisse des Alltags fassen kannst. Bis 'Warum?' nur noch eine Frage unter vielen ist. Bis irgendwann vielleicht die Wunde geheilt oder der Schrecken relativiert ist. Und erst dann willst Du eines fernen Tages wieder aufwachen, wenn die Welt wieder schön ist.

Es gibt kein größer Leid,

als wat der Mensch sich selbst andeit.

(Urspr. unbek.)

Den Angehörigen, Partnern und Freunden der Opfer von Germanwings-Flug 9525.

 



Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Maria (Dienstag, 07 März 2017 03:19)

    In diesen Worten kann jeder, der Ähnliches erlebt hat... mitschwingen.
    Im Leid erfährt der Mensch seine Tiefe

  • #2

    Jürgen (Montag, 13 März 2017 13:42)

    Genau so ist es uns ergangen, heute vor sieben Jahren und 18 Tagen!
    ... als unser 20-jähriger und einziger Sohn abends zur Fahrschule ging, die ganze Nacht und den nächsten Vormittag nicht erreichbar war, und seine Freundin und ich ihn zusammen mit zwei "Freunden" in einem Apartment eines der beiden auffanden ... tot ... alle drei ... Kohlenmonoxid, erzeugt mit einem Grilleimer und Holzkohle!!!
    Nur dass es auch nach über sieben Jahren gar nicht soviel besser wird, mit der Trauer, sodass mit diese Kolumne wieder reinreißt in das Größe Loch der Depression und Trauer.

    ... und die Welt drumherum läuft weiter, die anderen Menschen interessiert das Drama von damals schon lange nicht mehr, der Sonderbonus des Teamleiters im Job ist lange aufgebraucht ... man muss funktionieren wie früher. Wie lange kann ich das noch?