Für Ihr Alter...

Kommt ein Hypochonder zum Arzt...

Ab einem bestimmten Lebensalter erhalten Vorsorgeuntersuchungen ein gewisses Gewicht. Neulich war es wieder mal Zeit für einen medizinischen Check Up. Als leidenschaftlicher Hypochonder gehe ich ja gern zum Arzt. Man sagt, dass Hypochonder gesünder leben, weil sie mehr auf sich achten und regelmäßig um medizinischen Beistand ersuchen. 

 

Mit den Jahren spielte sich beim Arztbesuch ein festes Ritual ein. Zwischen den Routineuntersuchungen zwickt es mal hier und beißt mal da. Je mehr Zeit vergeht, umso kränker fühle ich mich. Mehr und mehr fiebere ich dem nächsten Arzttermin entgegen, denn in meiner Phantasie erkranke ich unheilbar an gefährlichen Krankheiten. Das Protokoll sieht vor, dass der Arzt mir jedesmal seinen uneingeschränkten Segen erteilt. Es geht mir gut, es fehlt mir nichts und es ist auch nichts da, was nicht hingehört. Als schwerkranker Mann betrete ich die Praxis und verlasse sie frisch geheilt euphorischen Fußes. Das ist das Ritual.

Diesmal findet der Check Up in Köln statt. Um acht Uhr morgens, stocknüchtern und eine Stunde zu früh steuere ich den Leihwagen zur angegebenen Adresse. Es gilt, die erste Hürde zu meistern: die Einfahrt in die Tiefgarage. "Ding-Dong." "Ja bitte?" "Schönen guten Morgen ... wie komme ich hier rein?" Über die Gegensprechanlage erhalte ich meine Parkanweisung und die Schranke öffnet sich. Über Rampen, breit genug für eine Zwölf-Meter-Stretchlimo, gleitet der geliehene Ford Fiesta majestätisch in das UG hinunter. Köln, ich liebe Dich! In einigen Düsseldorfer Parkhäusern bringt man selbst einen Smart nicht berührungslos um die Ecken, ohne zu rangieren.

Gegen neun betrete ich das falsche Gebäude, überspiele den Fauxpas aber gekonnt mit staatsmännischem Habitus. Nach leichten Schwierigkeiten, im richtigen Gebäudetrakt die Eingangstür zu öffnen - "Die Klingel ist links ...links! ... LIIINKS!!!" - checke ich erwartungsvoll an Bord des sportmedizinischen Institutes ein. Ich betrete einen luxuriösen Tempel der Gesundheit und des Wohlgefühls. Lichtdurchflutete Räume, weiße Wände, Glas und Stahl, unaufdringliche bunte Gemälde, indirektes Licht mit genau der richtigen Farbtemperatur, freundlich aufgeräumtes Echtholz-Mobiliar. Das bestens gelaunte Praxispersonal lebt die Verkörperung des Servicegedankens. Der Stewart - oder war er Arzthelfer? - fragt nach meinen Getränkewünschen. Ich bin versucht einen Prosecco zu bestellen. Die Arzthelferinnen umsorgen mich wie eine Mutter. Ich fühle mich sofort wohl; hier macht krank sein noch Spaß.

"Herr Doktor, ich glaube mir fehlt nichts."

Nach einem unverfänglichen Kennenlernen beginnt der Untersuchungsmarathon. Meine erste Aufgabe ist mit nüchternem Magen schwer zu lösen, denn ich soll eine Urinprobe abgeben. Woher nehmen und nicht stehlen. Ich brauche ein Getränk ... "Ähm, Stewart...?" Als nächstes bittet mich eine Helferin darum, drei Stuhlproben zu sammeln. Ich bin skeptisch - "Die schaffe ich aber nicht alle heute morgen?" Ach so, ich bekomme dafür drei Tage Zeit. Dann muss ich zur Blutabnahme. Während meinem Körper der kostbare Lebenssaft entzogen wird und sich langsam ein schwarzer Schleier vor meine Augen legt, studiere ich hoch konzentriert das Tapetenmuster. Mit nicht angemessen gewürdigter Tapferkeit kämpfe ich meine Tränen zurück.

Nach erfolgreicher Reanimation folgt die Ultraschalluntersuchung. Während die Kardiologin entspannt mit mir plaudert, fährt sie mit einer Computermaus meinen Oberkörper ab. Plötzlich gerät die Unterhaltung ins Stocken. Sie murmelt unverständliches Zeug in ihren nicht vorhandenen Bart, beugt sich näher an den Monitor, runzelt die Stirn. Stille. Aus schreckgeweiteten Augenwinkeln sehe ich ihre Finger über die Tastatur huschen. Messlinien ziehen über den Bildschirm. Ihre Konzentration ist greifbar. Minutenlang geht das so. Meine Phantasie blüht. Ich muss sterben, kein Zweifel. Gerade eben war die Welt noch in Ordnung, ich war gesund, hatte Pläne und nun bin ich todkrank. In Gedanken gehe ich die mir verbleibenden Wochen durch, vielleicht sind es auch nur noch Tage oder Stunden. Wie in Zeitlupe suchen ihre Augen meinen Blick. Ich ringe um Fassung. "Alles in Ordnung!" ruft sie unvermittelt fröhlich. Mann! Wo ist der Stewart? Ich brauche jetzt einen Drink!

Bevor es im Untersuchungsprotokoll weiter geht, darf ich einen Gutschein verfrühstücken. Ist es eine Henkersmahlzeit? Es ist ein Käsebrötchen. Immerhin ist ein Kaffee dabei.

Am späten Vormittag darf ich den Belastungstest auf dem Fahrradergometer antreten. Der Tretstuhl ist meine ehemalige Lieblingsdisziplin. Früher war ich nach ungezählten Stunden Spinnings bereit, jeden Ergometer das Fürchten zu lehren. Früher. Heute hat mein Körper all das längst vergessen und mir bricht schon beim Aufsteigen der Schweiß aus. Versagensängste gehen mir durch den Kopf. Im Geiste formuliere ich eine eloquente Ausrede, während ich mich in stiller Würde abmühe. Nach wenigen Minuten zeigt die Ärztin Erbarmen. "Wir haben genug Daten, wir können auch abbrechen?" "Och, wenn Sie meinen..." 

"Ach was, das bilden Sie sich nur ein!"

Etwas später. Es folgt das Abschlussgespräch mit dem Doc. Dies ist der Höhepunkt der Veranstaltung. Das Protokoll wird seinen rituellen Abschluss finden, so wie es immer war: Ich bin kerngesund, in bester Verfassung und nach meinem biologischen Alter fit wie ein junger Gott.

"Tjaaa, also für Ihr Alter...", beginnt der Doc und meine Pupillen weiten sich, "... sind sie eigentlich in einer recht ordentlichen Verfassung." "...?" "Aber Sie sollten schon etwas mehr Sport machen!" Tränen schießen mir in die Augen. Das war so nicht verabredet. Ich wurde in einen Hinterhalt gelockt! Das war ein Tiefschlag weit unter die Gürtellinie. Es muss ein Irrtum sein, bestimmt wurden die Unterlagen verwechselt. Mit offenem Mund und tränenfeuchten Augen sacke ich in meinem Stuhl zusammen. Ich möge ihn bitte nicht falsch verstehen,meint der Doc, aber der Ergometertest ... also, ich könnte ruhig mal mehr Sport machen. Der nächste Tiefschlag, in Summe eine verheerende Rechts-Links-Kombination. Ich bin beim Ergometertest reingelegt worden. "In Ihrem Alter ist das jetzt wichtig. Es geht da ja nicht mehr um Leistung. Sie sollten sich einfach regelmäßig bewegen." Technischer K.O. Sieg für den Doc.

Mit hängendem Kopf fahre ich nach Hause. Was ist nur mit mir geschehen? Sowas ist mir doch früher nie passiert. Klar steht im Pass ein Geburtsjahr von Neunzehnhundertund, als die Beatles noch zusammen spielten. Aber ist das ein Grund, eine Diagnose mit "für Ihr Alter" zu beginnen? Was kommt denn als nächstes?

Als nächstes kommt die telefonische Diskussion der Laborwerte. Rund zehn Tage sind seit dem Fiasko vergangen. Mühsam kämpfte ich mich an die Oberfläche meines Selbstbewusstseins zurück, die Untersuchungsergebnisse sind erfolgreich verdrängt. Mit Steinen beschwert auf dem Grunde der Erinnerung versenkt. Ärzte, pah, alle keine Ahnung. "Die Laborergebnisse sind soweit in Ordnung ..." - da, ich wusste es! - "... aber ein Wert macht mir Sorgen." "...?" "Ihr XYZ-Wert ist zu hoch." Mir fehlen die Worte, wie kann er nur? Ich bin nicht krank. Ich bin Hypochonder und kerngesund. Ich bin Simulant! "Man muss das noch nicht medizinisch behandeln, aber ..." - Blut rauscht laut in meinen Ohren, eine Ohnmacht kündigt sich an - "... sie sollten schon mehr Sport machen." Was soll das, ich bin Extremsportler … ok, gewesen. Bis vor ... ? ... Jahren oder so. Da muss doch noch irgendetwas von übrig sein? Muss doch, oder?

Das dicke Ende

Als ich Mi davon erzähle ist das ein folgenschwerer Fehler. Im Handumdrehen bin ich bezüglich meiner Ernährung entmündigt und auf Diät. Die Zugriffsrechte für den Kühlschrank sind entzogen, die gebunkerte Feinkost ist für mich tabu. Knoblauch & Chili war gestern, lauwarmes Möhrchen ist heute. Ihr Mutterinstinkt blüht auf und ich bekomme einen Trainingsplan. Darauf steht allerdings kein Wort von Schrauben. Dann gehe ich jetzt mal die Laufschuhe schnüren.

Einige Wochen später kommt per Post der schriftliche Befund. Die kurze Zusammenfassung hätte auch einen guten Titel für diesen Kolumnenbeitrag hergegeben: fett & faul... ;-)



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