Das kann man so tragen

Es begab sich vor einiger Zeit, dass mir der Wunsch nach einer anderen, leichteren Brille gewahr wurde. Das alte Stahlgestell war der Nase schon immer zu schwer; ich trug es nur, wenn es gar nicht anders ging. Auch erachtete ich eine Anpassung an meine Sehstärke für nötig. Optiker oder Discounter - wem wollte ich meine Wirtschaftskraft zu Teil werden lassen? Ich entschied mich für eine entlegene Filiale einer bundesweiten Kette, deren krasse Preise meine Neugier weckten. Es war die Zeit, in der Geiz noch Geil war.

Nach langem Anprobieren, Verhandeln und Anpassen blieb vom einstmals günstigen Lockvogelpreis nicht viel übrig. Krass, dachte ich mir. Dafür nannte ich ein federleichtes, oschigrünes(!) Brillengestell mit  Kunststoff-Gläsern mein Eigen. Stolz trug ich meine moderne rahmenlose Brille von dannen. Doch kaum zu Hause angekommen, lockerte sich das rechte Brillenglas am metallischen Nasenbügel. Aufgrund der Entfernung fristete der Neuerwerb solange ein Schattendasein, bis ich irgendwann den Mangel vor Ort reklamierte.

Auf der anderen Seite des Tresens nimmt ein junger Mann meine Beschwerde und die Brille entgegen. Umgehend unterzieht er sie an seinem für mich uneinsehbaren Werkplatz einer Untersuchung. Er bemerkt eine lockere Schraube und macht sich, immer noch an seinem für mich uneinsehbaren Werkplatz, an die Reparatur.

J (junger Mann): "Hmm... Also da ist ja auch ein Sprung im Glas."

Ich (verdutzt): "Ein Sprung? Wie das?"

J: "Ja, ein ganz kleiner Sprung. Kaum zu sehen."

Ich (skeptisch): "Ach was? Ich hatte sie nur ein paar Mal aufgesetzt, weil sich sofort ein Glas gelockert hatte. Ein Sprung ist mir dabei gar nicht aufgefallen."

J: "Ist nur eine kleine Sache. Ich mache die Schraube fest, dann können Sie die Brille wieder benutzen."

Ich (abwartend) "..."

J (vor sich hin arbeitend): "Der Sprung ist wirklich ganz klein. Das kann man gut so tragen, fällt gar nicht auf."

Ich (erwartungsvoll): "..."

J: "So, fertig, bitte einmal anprobieren."

Der junge Mann kommt zu mir an den Tresen und setzt mir die Brille auf. Sofort registriere ich eine stark geschwundene Sehfähigkeit auf dem rechten Auge. Irgendetwas behindert meine Sicht. Überrascht nehme ich die Brille ab und betrachte sie. Quer über das rechte Brillenglas verläuft ein großer Riss. Ausgehend von der lockeren Schraube am Nasenbügel ist das Kunststoffglas zur Hälfte durchgebrochen.

Ich: "Äh ... also das war aber vorhin noch nicht da."

J: "Aber das kann man so noch gut tragen, probieren sie es ruhig einmal aus. Wenn es sich verschlechtern sollte, können wir das Glas auch noch tauschen."

Ich (zwischen Belustigung und Verärgerung schwankend): "Das ist jetzt nicht ihr Ernst, oder? Ich reklamiere eine lockere Schraube und bekomme ein zerbrochenes Glas zurück?

J: "..."

Ich (ungläubig): "Sie erwarten jetzt doch nicht, dass ich damit durch die Gegend laufe, oder?"

J (Übles schwanend): "Ok, ich schau mal, was sich machen lässt. Sie müssen die Brille aber ein paar Tage da lassen."

Ich: "Kein Problem. Na dann schauen sie mal, dass das in Ordnung kommt!"

Einige Tage später komme ich zurück, um die Brille wieder abzuholen. Der Kundenberater beschwichtigt: Das Glas wurde ausgetauscht. Im Laden fühlt sich die Brille an wie neu. Stolz trage ich meine moderne rahmenlose Brille von dannen. Doch kaum zu Hause angekommen, lockert sich das rechte Brillenglas erneut...

Und die Moral von der Geschicht´?

 

Ein Riss im Glas macht schlechte Sicht.

´Ne Billigbrille lohnt sich nicht.

Die Schraub´ ist fest, wenn´s Glas zerbricht.

Nochmal Krass - ich glaube nicht.

Das nächste Mal ich´s selber richt´.

;-)

Euer Christian aka Oschi



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