Gegen den Terror in der Welt

Eigentlich wollte ich mit videomundum nur meine Freude am Unkonventionellen mit der großen Internetgemeinde teilen. Informieren, unterhalten und auch mal zum Nachdenken anregen, aber ohne mich zur moralischen Instanz aufzuschwingen. Anregung und Freude sollten diese Seiten stiften, denn Leid und Elend gibt es in der Welt genug. Eigentlich...

Dann kam das Attentat auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt in Paris. Insgesamt 17 Menschenleben wurden ausgelöscht. Zwölf starben, weil eine Satire den inhumanen Alltag einiger Menschen erträglicher machte. Der Witz ging auf Kosten von zwei Killern, die tödliche Gewalt als eine angemessene Reaktion ansahen. Fünf Menschen mehr wurden von einem weiteren Killer auf offener Straße und in einem Supermarkt ermordet, um die Wirkung des Terrors zu verstärken. Ich bin von den Anschlägen tief erschüttert. Ein Amateurvideo zeigt den angeschossenen Polizisten, der sich auf dem Boden vor Schmerzen windet. Ein Attentäter geht mit der Waffe im Anschlag auf den Polizisten zu. Der Polizist hebt beschwichtigend die Hand. Der Attentäter schießt dem am Boden liegenden wehrlosen Mann in den Kopf. Es sind verstörende Bilder, ich werde sie nie vergessen.

Lange Zeit meines Lebens berührten mich die täglichen Katastrophenmeldungen des Lebens nicht. Glückliche, unschuldige Zeit. Warum und seit wann diese Zeit vorbei ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber dass diese Meldungen mich allesamt packen und nicht mehr loslassen, das verspüre ich seit langem. Vielleicht bin ich einfach gesättigt und kann nicht noch mehr verdrängen. Beinahe täglich reißen feige Attentäter wehrlose Menschen in den Tod. In einigen Regionen ermorden selbsternannte Bewahrer der Tradition Männer, Frauen und Kinder für ein archaisches Konzept. Ganze Dörfer Andersdenkender werden dort niedergemetzelt. Die Radikalen haben große Pläne, sind international vernetzt und militärisch ausgebildet. Sie verstecken sich mitten unter denen, die in Frieden leben wollen. Mit modernen Waffen ausgerüstet führen sie einen heimtückischen Krieg. Und als Rechtfertigung dient die angebliche Verteidigung religiöser Werte.

Getragen von einer Welle des Mitgefühls und der Loyalität veröffentlichten die überlebenden Redaktionsmitglieder des Anschlags von Charlie Hebdo eine neue Ausgabe, weltweit beachtet und ganz im Geiste von "jetzt erst recht". Über die darin enthaltenen Zeichnungen empören sich wenig überraschend Millionen Gläubige. Wieder scheint die eigenwillige Interpretation von Zeichnungen Gewalt, Mord und Totschlag zu rechtfertigen.

Ein Kampf der Kulturen ist im Gange. Auf der einen Seite stehen die, denen nichts mehr heilig ist und die die Meinungsfreiheit als oberstes Gut entdeckt haben. Jedenfalls soweit es zweckdienlich ist. Denn mit Erstaunen registriere ich, dass sich auf dieser Seite auch Autoritäten einfinden, denen ansonsten jedes Mittel recht ist, unliebsame Stimmen zum Schweigen zu bringen. Auf der anderen Seite sammeln sich Radikale wie Gemäßigte im latenten Konsens, dass gegen das Persiflieren einer religionsstiftenden Persönlichkeit Gewaltanwendung ein probates Mittel ist. Beiden Seiten gemein ist, das sie jeweils das eigene Wertesystem über das andere stellen.

In der emotionsgeladenen Atmosphäre reflektieren nur wenige moderate Stimmen öffentlich, ob eine historische Größe überhaupt von ein paar bunten Pinselstrichen auf Papier zu beleidigen wäre. Umgekehrt bedingt das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht gleichermaßen eine Pflicht, die rücksichtslos gegenüber jeder andersartigen Befindlichkeit zu erfüllen wäre.

Jeder, der den aufschaukelnden Konflikt mit etwas Abstand und Ratio betrachtet, muss zu dem Schluss kommen, dass hier ein Stellvertreterkrieg geschürt wird, dass es hier mitnichten um das Augenscheinliche geht. Massen werden mobilisiert, um die Welt gewaltsam umzuformen. Immer schon waren es die einfachen Gemüter, die sich zu spontanem Aktionismus anstiften ließen - oder etwas konkreter: als Handlanger des Terrors rekrutieren ließen - während die Strategen in der Sicherheit des Verborgenen ihre Intrigen ersannen. Der Tod vieler geht auf das Denken weniger zurück. Die neuen Massenmörder der Geschichte stehen in den Startlöchern.

Der Westen ist nicht gut und der Osten nicht böse. Auch der Westen geht rücksichtslos gegen jene vor, die seinen Interessen im Wege stehen. Nur stehen ihm dazu subtilere Mittel zur Verfügung. Für wirtschaftliche Interessen werden schutzlose Völker unterdrückt, vertrieben, vergiftet. Großkonzerne hinterlassen achselzuckend Umweltkatastrophen nicht wieder gut zu machenden Ausmaßes. Unliebsamen Regimen drängt der militärisch überlegene Westen verbrecherische Kriege auf, zynisch gerechtfertigt als Verteidigung unserer freiheitlichen und demokratischen Grundordnung. Regionen mit labilen politischen Verhältnissen werden aus ökonomischem und geopolitischem Kalkül unkontrollierbar destabilisiert. In dem mit einem Überangebot an Waffen aufgefüllten Machtvakuum werden die Bewohner anschließend den eigenen Dämonen überlassen.

Im Schutze bewährter politisch mehrheitsfähiger Argumente wie Menschenrechte und Schutz der Zivilbevölkerung intervenierte der Westen in beinahe ganz Nordafrika und im nahen Osten. Über Jahrzehnte gewachsene Gesellschaftsstrukturen, undemokratisch und korrupt einerseits, geordnet und berechenbar andererseits, wurden ins frühe Mittelalter zurückgebombt. Der Zweck heiligt die Mittel, die Diktaturen sind gestürzt. Der historische Befund ist einschlägig: Anstelle hunderter politischer Morde sterben nun zehn- bis hunderttausende durch Hunger und willkürliche Waffengewalt. Millionen Menschen sind auf der Flucht, vogelfrei, ihrer Lebensgrundlage beraubt, hungernd, dürstend, und an heilbaren Krankheiten sterbend, weil die medizinische Versorgung zusammengebrochen ist. Eine Generation von Kindern wächst ohne Schulbildung auf. Vom Kriege traumatisiert sind sie die nächsten, die ideologischen Rattenfängern in die Hände fallen. Der arabische Frühling scheint in Wahrheit nur ein sonniger Herbsttag gewesen zu sein.

Radikale Denker und Lenker finden sich in jeder Himmelsrichtung. Die einen schicken lebende Bomben unter das Volk, die anderen nutzen Drohnen für den ferngesteuerten Tod ganzer Familien. Bilder und Berichte getöteter Zivilisten, von Folter und anderen Kriegsverbrechen zeugen davon, dass es keinen gerechten Krieg gegen den Terror geben kann, denn der Krieg selbst ist Terror! Das schreckliche am Terror ist, dass er einem Ziel dient. Der Tod folgt nicht aus der Zufälligkeit eines Unfalls, sondern aus perfider Planung. Das verunsichert, entmutigt, entzweit. Wenige verschaffen sich unlautere Vorteile durch gezielte Angriffe auf viele. Ein jeder kann Opfer werden, das ist die Botschaft des Terrors. Dadurch kann eine organisierte entschlossene Minderheit die unentschlossene Mehrheit beeinflussen. Terror ist nicht mit einer Rebellion oder Revolution zu verwechseln. Es geht nicht um Freiheit, Mitbestimmung, Vielfalt oder Nahrung und Rohstoffe. Terroristen kämpfen für die Beschränkung von Freiheiten, für Unterdrückung, für Willkür und für geistige Eingleisigkeit. Sie kämpfen für ihre ganz persönliche Macht über andere, um sie für ihre Zwecke auszubeuten und zu entrechten.

Weltweit dreht sich ein Strudel aus Reichtum und Macht, Ausschweifung und Ausbeutung immer schneller. Die Entwicklung der Gesellschaften dieser Erde treibt in immer gefährlicheres Fahrwasser. Die ungebremsten Zentrifugalkräfte der freien Märkte treiben immer wieder Menschen an den Rand der Existenz. Oft sind es junge Leute, die sich orientierungslos im Abseits wiederfinden. Abgezockt, chancenlos, ausgegrenzt, ignoriert und vergessen.

Die Ursachen dafür, dass sich immer neue Mörder finden lassen, wurden schon vor langer Zeit gelegt. Während der größte Teil der Weltbevölkerung im Prozess der Kultivierung und Zivilisierung erkannte, dass sich besser miteinander leben lässt, fielen andere Menschen aus diesem Prozess heraus oder wurden nie darin eingegliedert. Es gibt zwar Ausnahmen, aber die meisten Täter stammen aus perspektivlosen Verhältnissen. Die Kanalisierung ihrer Frustration mündet in der Radikalisierung ihrer Ansichten. Die Gefahr entsteht nicht erst durch die Radikalisierung, die manchmal erst wenige Monate vor den Taten stattfindet. Die Gefahr ist schon zu einer Zeit entstanden, als die Menschen mit dem Anschluss an die Gesellschaft auch ihren Halt und die soziale Kontrolle verloren. Selbst eine angeblich so moderne und offene Gesellschaft wie diejenige Europas liefert täglich Hinweise darauf, wie fragil der rationale Grund ist, auf dem unsere Existenz baut. Manchmal scheint es nur ein wenig mehr Chaos hier und etwas mehr Waffen im Umlauf da zu bedürfen, um binnen kürzester Zeit bürgerkriegsähnliche Zustände zu generieren.

Weder schärfere Gesetze noch mehr militärische Präsenz noch eine Abschottung der Grenzen werden den Terrorismus stoppen. Selbstmord-Attentäter sterben stolz und in der Überzeugung, das Richtige zu tun. Auf ihrer letzten Mission verspüren sie keine moralischen Bedenken und sie verhandeln nicht. Mit der Androhung materieller oder immaterieller Einschränkungen sind Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, nicht zu erreichen. Menschen sind von ihren Vorhaben nur abzubringen, wenn sie Alternativen höher schätzen.

Es gilt, den Perspektivlosen Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen, bevor sie aus dem gesellschaftlichen Konsens fallen. Dies ist eine Mammutaufgabe. Sie erfordert ungeheure Investitionen in Sozialarbeit und Bildung. Sie erfordert einen zurückhaltenden und fairen Umgang mit Kulturen, die technologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich weniger weit entwickelt sind. Sie erfordert auch ein Umdenken im westlichen Wertesystem, Menschen nicht nur als Konsumenten oder Kostenfaktor wahrzunehmen. Sie erfordert das Eingestehen und Eindämmen unseres eigenen -ismus: des Kapitalismus. Sie erfordert ein Ende des politischen und wirtschaftlichen Neo-Imperialismus und -Kolonialismus. Sie impliziert aber auch das Recht jeder friedliebende Gesellschaft, sich gegen Angriffe zu verteidigen. Diese Aufgabe ist nur von allen politischen und religiösen Führungen gemeinsam lösbar und nationalstaatliche Einzelinteressen müssen dabei in den Hintergrund treten. Grenzen existieren nur in den Köpfen von Menschen, dort entstehen sie, dort können sie überwunden werden.

Auch wenn ich den Terror in der Welt allein nicht stoppen kann, möchte ich dennoch etwas dagegen tun. Ich sehe es als meine menschliche Pflicht an, hinzusehen und Stellung zu beziehen. Ich begehre auf gegen jedwede Verblendung. Ich verurteile all diejenigen, die auf ihrem Weg zum Ziel Repression und willkürliche Gewalt ausüben. Die Angst und Schrecken verbreiten, um Oppositionen zu unterdrücken. Die anderen ihre Gerichtsbarkeit und ihr Weltbild gewaltsam aufzwängen. Die gezielt Leid in die Welt bringen. Unabhängig von Ost oder West, von Religionszugehörigkeit und von sozialer oder ethischer Herkunft.

Und du,

der Du frustriert bist, weil Du den Anschluss an die Gesellschaft verlorst oder nie fandest,

der Du Deine Chance nie bekamst oder verpasstest und aus Deinen Fehler nicht lerntest,

der Du geschlagen, entwurzelt, ausgebeutet, übergangen, vergessen, geringgeschätzt wurdest,

der Du Dich fremd fühlst in einer komplizierten, oberflächlichen und doppelmoralischen Welt,

der Du Dich perspektivlos und der Willkür der Einflussnehmenden ohnmächtig ausgesetzt fühlst,

der Du Neid und Hass in Deinem Herzen trägst,

der Du schreien und toben möchtest, auf das man Dich wahrnähme,

der Du in falsche Obhut kamst und wie eine Marionette benutzt wirst,

der Du eine Waffe in Deiner Hand als ein Zeichen der Stärke und nicht als Konsequenz all Deiner Schwächen ansiehst,

der Du bereit bist, sie zu benutzen, um Dir Achtung und Respekt zu verschaffen,

der Du jemand suchst, der Dir die Welt in schwarz und weiß einteilt, auf dass Du falsche Orientierung darin fändest,

der Du unter dem Vorwand einer Religion ein feiges Mordkomplott gegen Unschuldige schmiedest,

der Du glaubst, durch Grausamkeit und Unterdrückung Deinem Leben einen Sinn zu geben,

der Du Dich oben glaubst, wenn Du Andersdenkende auf den Boden zwingst,

der Du stolz darauf bist, unschuldige Kinder zu töten und wehrlosen Frauen Gewalt anzutun,

der Du glaubst, im nächsten Leben für Deine Gräuel belohnt zu werden,

der Du Dich heute einem Kreuzzug anschließt für Werte, die Du bis gestern weder kanntest noch teiltest,

wisse,

Du bist nur ein willfähriges Mordwerkzeug in den Händen manipulativer Menschen.

Euer Christian aka Oschi

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