Reiseblues

Die letzten Tage unserer Reise verbrachten wir in der Nähe des Fähranlegers. Seit längerem schon waren die Tage wieder kürzer und kälter geworden. Wir hatten alles gesehen und waren mit Eindrücken übersättigt. Für noch eine größere Tour fehlte es am Reiz des Neuen. Stattdessen wollten wir nach der langen Abwesenheit unsere Verwandten und Freunde wiedersehen und wissen, was sich zu Hause alles verändert hatte. Außerdem freuten wir uns nach den Monaten des wilden einfachen Nomadenlebens mit den vielen Kompromissen des provisorischen Innenausbaus irgendwie auch auf unser Zuhause mit eigener Waschmaschine und Spülmaschine.

Nach einer langen staureichen Autobahnfahrt kommen wir wieder in unserer Straße an. Nichts hat sich in der Nachbarschaft wahrnehmbar verändert, trotzdem fühlt sie sich gar nicht wie unsere Straße an. Wir betreten unsere Wohnung und stehen zu unserem Erstaunen wie Fremde in einer fremden Wohnung da. So viel Platz sind wir nicht gewohnt und das ganze Hab und Gut der Wohnung hatten wir längst vergessen und nicht vermisst. Alles ist seltsam fremd.

Wir laden Oschi aus und parken ihn wieder auf seinem angestammten Bauplatz. Es tut ein bißchen weh, ihn auszuräumen und trockenzulegen, die Wassertanks zu entleeren und die Leitungen zur besseren Trocknung abzuflanschen. Fünf Monate lang war Oschi unser Zuhause, längst nicht perfekt und mit viel Verbesserungspotential. Und trotzdem... Während wir versuchen, uns wieder in eine feste Wohnung einzufinden und den Sinn all ihrer Gegenstände zu ergründen, überkommt mich ein schlechtes Gewissen den Truck so aufgegeben und verlassen dastehen zu sehen. Um mich herum herrscht ein Kommen und Gehen, ein Schubsen und Schieben. Ich frage mich, was das soll. Wer sind all die Leute und was wollen die? Meine ersten Kontaktaufnahmen verlaufen stockend, unsicher, steif. Was stimmt mit Ihnen nicht? Oder stimmt etwas mit mir nicht? Ist etwas mit uns geschehen? 

Der Empfang zuhause ist warm und herzlich. Die Schlosserei, die Arbeitskollegen, die Freunde - glücklicherweise freuten sich alle uns wiederzusehen. Einige hatten auf der Homepage meine Reiseberichte verfolgt und die Bilder gesehen. Sie fragen: Wie war es? Was war das schönste Erlebnis? Habt Ihr Euch verändert? Was macht Ihr jetzt mit dem Auto? Es sind Fragen, auf die ich spontan keine Antwort weiß.

Ich habe schon Termine. Ich muss den Kühlschrank auffüllen und einkaufen gehen. Und die Steuererklärung will gemacht werden. Auch ein Gang in die Düsseldorfer City steht an und wir werden von den hektisch drängelnden Menschenmassen völlig überfordert. Überall Menschen, Autos, Lichter, Lärm. Die Stadt ist eng und hektisch und wir wollen nur noch nach Hause und die Türe zwischen uns und der Welt da draußen schließen.

Es scheint nach einer langen Reise so etwas wie einen Kater zu geben. Ein Kater wie nach einer ausschweifenden Feier. Und der Kater hat einen Namen: Reiseblues. Ich habe Reiseblues. Während ich dachte, ganz der Alte zu sein, der sich mal für ein paar Monate ein anderes Leben anschaute, bin ich ein anderer geworden, der auf sein altes Leben schaut. Und nicht begreifen kann, wie er dort weitermachen soll, wo er mal aufgehört hat. In den letzten Tagen in Island hatte ich mich darauf gefreut, bald weiter an Oschi schrauben zu können. Eine lange Liste an Ideen und Verbesserungen wartet darauf, umgesetzt zu werden. Nun stehe ich mit der Wunschliste vor dem Auto und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Und warum auch? Gibt es denn ein nächstes Ziel? Mi ertappt mich, wie ich ins Leere starre.

Fehlt mir etwas? Wir haben doch alles, was wir brauchen. Platz, Komfort, alles ist praktisch und griffbereit eingerichtet. Schränke, Möbel und Regale sind voll mit Dingen; notwendigen Dingen ... oder warum haben wir den ganzen Mist sonst gekauft? Komisch, dass wir unterwegs nichts davon brauchten. Ich glaube, zuhause ist einiges zu viel. Zu viele Dinge, zu viel Konsum, zu viel Angebote, zu viele Entscheidungen, zu viel Stress, zu viel Hektik, zu viele Pseudo-Verpflichtungen. Ich fühle mich eingeengt. Sicher, viele Dinge um mich herum schaffen Möglichkeiten. Aber vieles ist auch nur unnötiger Ballast, kostet Zeit, Kreativität und Geld, das verdient werden will. Ich will meinen Freiraum zurück. Ich will nicht, dass die Dinge Besitz von mir ergreifen. Ich beginne, große Müllsäcke zu packen und aus der Wohnung zu tragen. Viele Langzeitreisende nehmen sich vor, die erlebte Entschleunigung mit nach Hause zu nehmen. Aber zuhause hat sich wenig bis nichts verändert. Ich muss zurück in den alten Rahmenbedingungen und mein altes Verhalten wieder adaptieren. Will ich das? 

Als wir zu Beginn von Oschis Umbau Reisende nach ihrer Rückkehr trafen, umgab sie ein Hauch von Melancholie und Tristesse. Heute kann ich das gut nachvollziehen. Ich vermisse die Einfachheit des Lebens der letzten Monate. Die Reduktion auf das Wesentliche: Freiraum, Sonne, Essen und Lust auf Neues.



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