Eine Bootsfahrt, die ist...

...nicht immer lustig oder schön. Insbesondere nicht, wenn es sich um eine mehrtägige Fährfahrt handelt. Wer bei dem Begriff Fährfahrt in der romantischen Vorstellung schwelgt, wie ein weißes Schiff in einer lauen Sommerbrise in den Sonnenuntergang fährt, wird hier unsanft in die Realität zurückgeholt.

In Wahrheit ist es langweilig und doof.  Man kann an Bord fast nichts machen. Lesen ist nur etwas für Leute, denen auch beim Lesen im Auto nicht schlecht wird und alles andere kostet viel Geld: Spielautomaten, Kino, Shoppingboutique (alles "on sale", trotzdem teurer als zuhause) und eine Handvoll Restaurants, die passend zum Best-Ager-Zielpublikum ungewürztes (=gentrifiziertes?) Essen überteuert verkaufen. Die Restaurantpreise sind 20% günstiger, wenn man die Verpflegung zusammen mit der Fährpassage im voraus bucht, d.h. anstatt prohibitiv teuer sind sie nur noch unverschämt teuer.

Die Animation beschränkt sich auf kostenpflichtiges - na? - Bingo! Der Klassiker gepflegter Einfallslosigkeit. Fast jeder Teilnehmer bekommt einen "original isländischen Bierkrug" (made in China, immerhin ist das Wort Island richtig geschrieben) und ein Dosenbier dazu. Die einzige kostenlose Attraktion ist eine Übung der dänischen Küstenwache, die aus einem Helikopter einen Mann auf Deck abseilt und nach einer Ehrenrunde wieder an Bord hievt.

Als Schiff ist die Norröna in den besten Jahren, will sagen, der erste Lack ist ab. Auf der Hinfahrt hatten die öffentlichen Toiletten sichtbar ihr Fassungsvermögen erreicht. Auf der Rückfahrt riecht unser Gang nach mit Parfüm kaschiertem Urin. Es wird aber noch geputzt.

Die meisten Kabinen sind fensterlose Innenkabinen, per Klimaanlage mit "Frisch"luft versorgt. Wir haben zwar hin und zurück eine Fensterkabine (Geld macht's möglich), aber aufmachen kann man das vermaledeite Fenster nicht. Die Klimaanlage läßt sich stufenlos von eiskalt bis schwülwarm einstellen. Die Luft bleibt in jedem Fall gleich schmierig und schal, was nicht unbedingt zum Wohlbefinden beiträgt.

Man mag es sich kaum vorstellen, aber unsere Fährüberfahrt wird auch als Kreuzfahrt verkauft. Diese Kreuzfahrt umfasst sieben Tage Fährfahrt mit zwei halben Tagen an Land. Der typische Kreuzfahrer hat die sechzig weit überschritten. Vermutlich glaubt die Reederei deshalb, ihre Fahrgäste bei gleichmäßigen klimatischen Bedingungen konservieren zu müssen. Deshalb finden auch die beiden Landausflüge auf den Faröern und auf Island im klimatisierten Reisebus statt. Einmal schnell einen Rundkurs abfahren und dann wieder an Bord. Selbstredend, dass auf dem Rundkurs nicht die wichtigsten Sehenswürdigkeiten angesteuert werden, sondern die wichtigsten Souvenirläden.

Wem soll das Spaß machen? Wer will sieben Tage lang in einem fensterlosen muffigen Kabuff gegen die Übelkeit ankämpfen und am teuer bezahlten geschmacksbefreiten Buffet nach Zwieback und Kamilletee suchen? Wer will als Landausflug dann in einem schaukelnden Reisebus von Abzocke zu Abzocke kutschiert werden? Die Antwort: erstaunlich viele Rentner. Augenscheinlich gibt es genügend Nachfrage.

Das Schiffspersonal ist sehr freundlich und hilfsbereit. Vielleicht etwas zu hilfsbereit. An der Rezeption: "Ich habe meinen Kabinenschlüssel verloren, kann ich bitte einen neuen haben?" "Klar. Zimmernummer?" "0815" "Bitte sehr." "Äh... wollen sie nicht meinen Ausweis sehen oder so was?" "Nein, danke." Hm...

Zurück zur Freundlichkeit des Personals. Angesichts der Arbeitsbedingungen, die mir ein Kellner verrät, ist das nicht selbstverständlich. Das Personal arbeitet mehrere Wochen am Stück rund 12-14h auf verschiedenen Positionen, dann gibt es einige freie Tage. Ich stelle mir vor, dass Arbeitsverträge für Offshore-Einsätze einige Überraschungen enthalten.

Unsere Sache sind solche langen Fährfahrten nicht. Wir fühlen uns zum quälenden Nichtstun verdammt, wie bei einer ärztlich verordneten Bettruhe. Die Fährfahrt stiehlt wertvolle Lebenszeit. Wer mit dem eigenen Auto nach Island reisen will, sollte deshalb die folgende Alternative prüfen: Das Auto kann per Containerschiff von Bremerhaven nach Reykjavik verschifft werden und der Fahrer fliegt.



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