Smogalarm!

Mittagspause bei Husey. Vor der Tür wälzt sich die Jökulsa á Bru beinahe 100 m breit ins nahe Meer. Hier bändigt kein Fels mehr die Strömung und der Fluss frisst sich in die erdigen Ufer. Auf wenigen Kilometern gewinnt die Jökulsa die zehnfache Breite. Das Wasser ist dunkelbraun, dennoch räkeln sich auf einer Sandbank gegenüber vier Seehunde. Die warme Luft flirrt über der mit herbstlich bunt gefärbten Sträuchern bewachsenen Talebene. In der Kabine ist es warm, draußen weht ein stürmischer Westwind. In den goldgelben Grasflächen herrscht schwerer Seegang. Am schwarzen Strand toben Sandstürme. 

Der starke Wind treibt auch die Schwefeldioxidwolke aus dem Hochland in den Osten Islands herüber (Kartenlink). Die giftigen Gase begleiten den Vulkanausbruch bzw. die Spalteneruption im Holuhraun-Lavafeld. Am Meer hat die Wolke zwar schon Höhe gewonnen, aber inzwischen meldet sogar Norwegen erhöhte Emmissionswerte.

An unserem Pausenplatz wollen wir nicht bleiben, es gibt keinen Sichtschutz. Von hier aus sehen wir im Landesinneren braune Schlieren und eine bläulich schimmernde Dunstglocke über dem Tal hängen. Es hilft nichts, da wir auch die Vorräte auffüllen müssen, fahren wir nach Egilstaðir in den Dunst. Die größte Stadt im Osten des Landes liegt am nördlichen Rand der Wolke. Die isländische Wetterbehörde wiegelt ab, es bestehe kein Gesundheitsrisiko. Wer die Dunstglocke über der Stadt sieht, kann sich seinen Teil denken. Die Luft ist zum Schneiden, es riecht nach Schwefel.

Wir kaufen schnell ein und flüchten auf den Pass nach Seyðisfjörður. Ursprünglich wollten wir uns den nahegelegenen Fjord anschauen, in dem auch die Fähre ankommt. Aber als wir von der Passhöhe die diesige Luft sehen, schrecken wir zurück. Wohin weiterreisen? Wir haben noch eine Woche Zeit und die möchten wir nicht im Atem des Vulkans verbringen. Das betroffene Gebiet im Hochland ist seit Beginn der heißen Phase weiträumig gesperrt. Nur Wissenschaftler und Journalisten erhalten unter strengen Sicherheitsauflagen Zugang. Atemschutz- und Gaswarngeräte sind Pflicht. Und trotz Schutzausrüstung mussten Personen die Ausbruchsstelle immer wieder räumen. Durch die unberechenbaren Wetterkapriolen im Hochland kommt es immer wieder zu lebensgefährlichen Giftgaskonzentrationen. Die Hoffnung, selbst eine Lavafontäne vor die Linse zu bekommen, habe ich aufgegeben. Das wäre höchstens mit einem Charterflugzeug möglich.

Der Süden und Südosten bietet noch Entdeckungspotenzial, aber dorthin müssen wir einmal quer durch die Schwefelwolke. Erst im Windschatten des Vatnajökull dürfte die Luft besser werden. Diese Nacht verbringen wir noch hoch über den Lichtern von Egilstadir.

Der nächste Morgen ist sonnig und windstill. Die Dunstglocke ist kleiner und schärfer begrenzt. Wir brechen in den Süden auf. Weit müssen wir gar nicht fahren, um einen feinen Platz außerhalb der Dampfschwaden zu erreichen. Unter wolkenlosem Blau baden wir in einem Naturpool zu Füßen eines Wasserfalls. Das Wasser hat nur ein paar Grad, aber es fühlt sich fantastisch an. Island macht uns den Abschied schwer.

Die giftigen Gase verteilen sich nach Nordost-Island. Es werden Rekordwerte in der Schadstoffmessung gemeldet. Empfindlichen Personen empfielt das Icelandic Met Office, zu Hause zu bleiben und Türen und Fenster zu schließen. In den am stärksten betroffenen Ostfjorden werden Warn-SMS ins Mobilfunknetz ausgesendet. Wir trafen bei den herrschenden Windverhältnissen mit der Fahrt in den Süden die richtige Wahl.



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