Im Auge des Sturms

Aus dem Westen kommend wollten wir im Norden bleiben, doch wurden wir aufgrund eines durch Vulkanaktivität befürchteten Gletscherlaufs evakuiert. Also reisten wir in den nordöstlichsten Zipfel Islands weiter.

Wir passieren den flachsten Landstrich Islands. Das Land steigt hier sanft aus dem Meer auf und geht in langgezogene Wiesen über. Dazwischen glitzern Seen in der Sonne. Irgendwann verliere ich  das Gefühl, ob wir noch durch eine Seenlandschaft oder über Sandbänke im Meer fahren. Alle paar Kilometer liegt ein einsamer Hof. Wir fragen uns, wie man wohl so einsam lebt? Wovon leben diese Höfe? Was machen hier die Kinder? Auf unsere Fragen werden wir später noch ausführliche Antworten bekommen.

Das Land ist grün, die See graublau und der Himmel wolkenlos. Eigentlich ein Gute-Laune-Tag. Aber irgendwie ist uns dieser Landstrich unheimlich. Zwischen den bewohnten Häusern stehen auch Ruinen aufgegebener Höfe. Auf den steinigen Ufern verrottet in der Sonne Seegras unter beissendem Gestank. Das Auge kann sich nirgendwo festhalten, das Land erhebt sich nur wenige Meter über dem Meeresspiegel und bleibt so bis zum Horizont.

Viel Treibholz liegt an der Küste, die hier aus runden Felsen, dort aus schwarzen Sand besteht. Leider liegt hier vieles andere, was im Meer so herumschwimmt. Island ist ein unglaublich sauberes Land. Doch gegen den Plastikmüll aus dem Meer ist man bei der Küstenlänge chanchenlos. Zum Glück überwiegt das Holz, auch wenn wir unseren Teil daran in Lagerfeuern verbrennen. Das Treibholz liegt erstaunlich weit im Landesinneren und selbst oben auf den Steilküsten. Welche Stürme müssen hier toben, um Baumstämme so weit landeinwärts zu tragen?

Es wird wieder hügeliger. Die Berge sind niedrig und grün, statt schroffem Vulkangestein herrschen saftige Wiesen vor. Über die letzten Vulkanausbrüche ist hier schon lange Gras gewachsen. Auf der Halbinsel Langanes sind wir "jwd" - janz weit draußen. Hier muß "tote Hose" erfunden worden sein. Mit Raufarhöfn finden wir zufällig das Maximum landschaftlicher Langeweile (gesucht hatten wir es nicht). Der Küstenort erinnert an den Film "Das Dorf der Verdammten". Wir lassen den unheimlichen Ort schnell hinter uns.

Später wird die Küste wieder reizvoller. Das Meer ist immer einen Blick wert und verlassene Ansiedlungen locken zu Erkundungsgängen. Skálar wurde vor 60 Jahren aufgegeben, nach einer kurzen und heftigen Blütezeit der Fischerei. Die spannende Geschichte ist auf einer Informationstafel nachzulesen. Das schicksalhafte Ende der Ansiedlung war gekommen, als zwei Wasserminen - Überbleibsel aus dem zweiten Weltkrieg - an die Landungsbrücke geschwemmt wurden und dort explodierten. Der Exodus der Anwohner begann. Von den meisten aufgegebenen Häusern stehen nach den Jahrzehnten nur noch Reste der Grundmauern. Die hölzernen Etagen wurden von den Stürmen längst ins Meer gerissen oder als Kleinholz in den Kochstellen anderen Siedler verheizt.

An der Landspitze von Bakkafjördur erkunde ich ein verlassenes Gehöft. Durch die fehlenden Fensterscheiben erkenne ich noch die Einrichtung, auf dem Herd steht ein Topf. Landwirtschaftliches Gerät rostet auf den verwilderten Nutzflächen. Es scheint, als ob die Bewohner den Hof mitten im Leben aufgegeben haben.

Die einst aus Stein und Holz erbauten Stallungen und Schuppen sind eingestürzt. Die Natur erobert den Hof breits zurück. Schon decken Gräser und Sträucher viele Spuren der menschlichen Nutzung mit einem dichten grünen Teppich zu. Längst haben sich Schafe und Seevögel in den verwahrlosten Baracken eingerichtet.

Schwer muss das Leben hier gewesen sein, rauh und hart. An einem Tag wie heute können wir uns gut in die Zeit hineinfühlen, als die Bewohner der Natur ihre Existenz abtrotzen mussten. Ein Sturm wütet über Ostisland. Seit Tagen schon wird die Warnung wiederholt. Starkregen und Windgeschwindigkeiten von bis zu 25 m/s waren angesagt. Deckung gibt es in der Gegend keine. Neben eine Baracke wollten wir uns aus Sorge vor umherfliegenden Teilen nicht stellen, dann lieber ins Freie.

Oschi steht nun wie ein Islandpferd mit dem Heck im Wind. Dennoch wird die Kabine heftig durchgeschüttelt. Die volle Breitseite wollte ich dem Sturm nicht bieten. Wir sind höher als breit und hätten eine Angriffsfläche von gut 20 qm. Unsere Auto wiederum wird von Pferden und Schafen dankbar als Windschutz angenommen.

Seit Stunden heult und lärmt der Sturm im Fahrgestell, bis morgen soll er noch anhalten. Unsere Einstiegsleiter ist schon mehrere Meter davongeweht. Türen und Fenster können kaum geöffnet werden, die Gefahr einer Beschädigung ist groß. Ob der Sturm sich an die vorhergesagte maximale Windgeschwindigkeit gebunden fühlt? Ich bringe besser die Radsicherungskeile in Position.

Um vom Lärm und Geschaukel abzulenken, vertreiben wir uns die Zeit mit Lesen und Sprachen lernen. Mi lernt Spanisch und ich will meinen Französischkurs zu Ende bringen. Ich könnte auch das Kräfteparallelogramm aus der Schulzeit auffrischen und die nötige Windgeschwindigkeit berechnen, ab der Oschi kippt. Aber ob mich das Ergebnis beruhigt? Stattdessen werfe ich einen Blick auf unseren Energiehaushalt, da über die Solarzellen im Moment nicht viel Strom hereinkommt. Kein Wunder bei der düsteren Wolkendecke, die über uns hinwegjagt. Die Statistik sagt, dass wir in vier Monaten rund 27 Kwh Strom verbraucht haben. Das ist bemerkenswerterweise nur etwa fünf Prozent unseres heimischen Bedarfs. Im Normalfall kann unsere Photovoltaik noch mehr Strom produzieren, als wir verbrauchen. So ein Verhältnis müssten wir noch für Gas und Diesel hinbekommen, dann könnten wir mit Oschi sogar Geld verdienen...



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