Leben am Ende der Welt

In Thórshöfn habe ich Gelegenheit, zwei isländische Lehrerinnen (eine davon ausgewanderte Deutsche) ausführlich über das Leben im nordöstlichsten Zipfel Islands zu befragen. Das Gespräch gebe ich im folgenden sinngemäß wieder.

Vorab: Weiter ab vom Schuß als in Thórshöfn kann man in Island kaum sein. Der Ort hat rund 300 Einwohner, ist aber eine Metropole in der spärlichst bewohnten Gegend. Der Ort ist schön, hell und freundlich und wirklich sehr nett anzuschauen. Das hatten wir bei der Anreise durch verlassene Gehöfte und Geisterstädte so nicht erwartet.

Die Gesamtschule am Ort ist typisch für Island. Die Schüler durchlaufen hier die Klassen 1-10. Die Schulklassen werden entsprechend dem Einzugsgebiet nach dem Alter der Schüler zusammengestellt. Für eine Förderung nach dem persönlichen Leistungsvermögen ist Island zu dünn besiedelt. Zur Gesamtschule gibt es keine Alternative. Damit sind die Klassen zwar klein aber dennoch sehr inhomogen.

Die Schüler werden aus den umliegenden Einsiedlerhöfen mit dem Bus eingesammelt, in der Schule mittags auch verköstigt und danach wieder heimgefahren. Nach Möglichkeit soll die Fahrzeit eine Stunde nicht überschreiten, doch bis vom ersten bis zum letzten alle eingesammelt sind, kann es dauern. Pendeln sind die Schüler aber gewohnt, denn jeder Weg außerhalb des Hofes wird motorisiert oder zu Pferd zurückgelegt. Nebenbei: Den einzigen Radweg Islands sahen wir in der Hauptstadt Reykjavik. Wo hingegen nicht einmal Straßen sind, gibt es natürlich auch keine Geh- oder Radwege.

Wer in Island Urlaub macht, kennt die Edda-Hotels. Das sind die in den Sommerferien zu Hotels umfunktionierten Internate der weiterführenden Schulen. Durch die natürliche Selektion ist es noch schwieriger bei der Bevölkerungsdichte (was ist das Gegenteil von Dichte?) Schulklassen für weiterführende Schulen zusammenzustellen. Daher sind die Klassen 10-13 als Internate organisiert. Örtliche Flexibilität ist in Island praktisch ein Muss, das schon in der Schulzeit gefordert wird.

Ein spezielles Problem des isländischen Schulsystems erwächst aus dem Wechsel der Schüler von Gesamt- zu weiterführender Schule mitten in der Pubertät. Die Zeit der Selbstfindung und Abnabelung von der elterlichen Autorität fällt mit der Phase eines Neubeginns in fremder Umgebung unter fremden Leuten zusammen. Oft mündet das in ausgelassene Partys. Gerade die Jungs sollen sich sehr schwer damit tun, die Schule erfolgreich weiterzuführen.

Wen es anschließend nicht auf die Universität, in die größeren Städte und/oder ins Ausland zieht, muss umtriebig sein, um einen hohen Lebensstandard zu erreichen. Statistisch gesehen kommen auf einen Isländer drei Touristen, daher ist Tourismus in den drei Sommermonaten das große Geschäft. In den abgelegenen Nordosten verirrt sich nur selten ein Tourist, hier ist gut bezahlte Arbeit knapp. Die meisten Isländer sind aus praktischen Gründen begabte DIY-Handwerker, Jäger und Fischer. Kleine Geschäfte des täglichen Bedarfs sind in den Dörfern aus Kostengründen nicht existent. Wovon also leben? Als Existenzgrundlage bietet sich die staatlich subventionierte (Nebenerwerbs-)Viehzucht an. Ab etwa 500-1.000 Tieren kann ein Hof rentabel arbeiten.

Früher spülte die Lammschlachtung zur Zeit des Schafabtriebs einmal jährlich einen großen Batzen Geld in die Kasse, der dann über zwölf Monate zu verwalten war. Weil dies ausreichend schlecht gelang, zahlt der Staat heute praktisch ein monatliches Gehalt. Dazu können sog. Schafsmarken gehandelt werden, deren Umlaufmenge fix ist.

Die Schafe werden im Frühjahr nach dem Ablammen (Wurf der Lämmer) und der Konditionierung auf ihre Mütter auf das Land hinaus getrieben und erst im September wieder eingesammelt. Die Ländereien sind nur regional abgezäunt, die Schafe dafür nach Besitzer markiert. Alle Schafe diverser Höfe einer Region weiden also auf dem gemeinsam genutzen Land. Über den Sommer besteht die Hauptarbeit auf den Viehhöfen im Bevorraten des Winterfutters. Dafür sind die abgezäunten Wiesen da, deren Weidegras für den Winter regelmäßig gemäht wird.

Interessant ist die Gewöhnung der Lämmer an ihre Mütter. In der Herde kommt es vor, dass kinderlose Schafe um den Wurf streiten. Die Mütter müssen mit den Jungen (meist zwei Stück) erst eine Zeit lang isoliert werden, bevor sie zusammen zurück in die Herde können.

Wir haben Schafe schon an den unmöglichsten Orten gesehen und oft gedacht, dass die beim Einsammeln bestimmt verloren gehen. Doch der Herdentrieb saugt die Tiere beim Schafabtrieb wie ein Magnet an. Die Schafe leben im Sommer in kleinen Gruppen  von 5-10 Tieren zusammen. Die Gruppen leben wiederum in Sichtweite von anderen Kleingruppen, so dass sie sehr genau mitbekommen, wenn die Migration beginnt. Als zahlender Tourist kann man einen Schafabtrieb mitmachen, wovon wir absehen. Wir sind es gewohnt für unsere Arbeit bezahlt zu werden anstatt zu bezahlen. Doch der ungeübte Tourist ist eher "Klotz am Bein" und weniger Hilfe. Die eigentliche Arbeit übernehmen sowieso die Hütehunde. Die genaue Rassenbezeichnung kenne ich nicht, doch die meist schwarz-weiß gescheckten Tiere nenne ich den isländischen Standardhund.

Während die Schafe den Winter im Stall verbringen, treibt es die Isländer nach draußen. Wo Schnee liegt, ist es im Winter entgegen meiner Erwartung nicht völlig dunkel. Das Sozialleben blüht auf. Kino, Theater, Feste - was im Sommer aufgrund der Hofarbeit nicht stattfindet, wird im Winter nachgeholt. Wählerisch ist der Isländer dann nicht, wenn etwas los ist, wird auch hingegangen.

Wenn sich zwei unbekannte Isländer kennenlernen, dreht sich das Gespräch zuerst um die Familie: Man sucht nach einem gemeinsamen Verwandten. Bei einer Bevölkerung von etwa 320.000 Einwohnern ist es naheliegend, dass im Stammbaum eine Überschneidung vorkommt. So eine Ahnensuche stelle ich mir aufgrund der isländischen Namensgebung zeitraubend vor. Isländer haben nur in wenigen Ausnahmefällen einen Familiennamen. Generell erhalten die Töchter die Vornamen ihrer Mütter zzgl. des Anhängsels 'dottir' als Nachnamen und die Söhne die Namen ihrer Väter zzgl. des Anhängsels 'son'. Johann, der Sohn von Magnus, heißt also Johann Magnusson. Seine Frau Gudrun Inasdottir ist die Tochter von Ina. Will man aufgrund der Namen einen Stammbaum analysieren muss man also recht tief in die Materie einsteigen.

Wir wunderten uns beim Einkaufen in kleinen Supermärkten schon oft über die hohen Preise. Für die Isländer sind die kleinen Läden auch nur Retter in der Not, für den großen Einkauf werden einmal im Monat Strecken von bis zu 200 km (einfach!) in die paar größeren Städte in Kauf genommen. Meist wird dann auch alles andere erledigt, wie neue Kleidung, Zahnarzt, Behördengänge. Deshalb verfügt jeder Haushalt über einen Pickup, Kombi oder einen Anhänger.

Wie wird man als deutsche Auswanderin eigentlich Lehrerin in Island? Zu meiner Überraschung erfahre ich, dass der erlernte Beruf Verterinärmedizinerin ist. Die Liebe war es dann, die sie in diesen Teil der Insel zog. Mangels Betätigungsmöglichkeit in der Forschung sattelte sie eben um. Isländisch spricht sie dank des Heimvorteils (Ehemann ist Isländer) fließend. Ansonsten dürfte Isländisch nur mit einem Privatlehrer erlernbar sein.

Den Vulkanausbruch beachten sie übrigens nur aus dem Augenwinkel. Ist ja nichts ungewöhnliches hier und solange keine Asche vom Himmel fällt, gibt es für sie auch keine negativen Auswirkungen.

Meine Interviewpartner nahmen sich zusammen gut zwei Stunden Zeit für meine Fragen. Ich hätte gerne noch mehr gefragt, aber die beiden mussten zu einer Kollegiumsbesprechung. Ich danke sehr für die ausführlichen, informativen und überraschenden Einblicke in das tägliche Leben am Ende der Welt.



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