Tanz auf dem Vulkan

"Any publicity is good publicity" könnte man meinen, denn Island ist wieder mal mit einem drohenden Vulkanausbruch in den Nachrichten. Ein Ausbruch des Bárðarbunga scheint bevorzustehen. Ein Blick zurück: Ende Juli rutschte ein großer Teil des Kraterrandes der Askja ab. Der Auslöser war vermutlich nicht nur die hohe Bodenfeuchtigkeit, sondern möglicherweise auch ein Erdbeben.

Wir waren von Ende Juli bis Mitte August zwischen der Askja und dem Bárðarbunga unterwegs. Genau in der Zeit zwischen dem Erdrutsch und der vorbeugenden Sperrung des Hochlandes aufgrund gestiegener seismischer Aktivität vernahmen wir am Vatnajökull eines Nachts ein Grollen sowie eine Erschütterung des Autos. Eine andere Erklärung als ein Erdbeben fanden wir dafür nicht.

Der Name Bárðarbunga steht für den zweithöchsten Berg Islands (ca. 2.000 m ü. NN) und ein Vulkansystem von gigantischem Ausmaß. Etwa 190 km lang und rund 25 km breit erstrecken sich die zum Vulkan gehörigen unterirdischen Spalten und Risse von Süd-West nach Nord-Ost. Das System verläuft grob entlang des Sprengisandur diagonal durch fast das ganze Hochland. Große Teile der dortigen Lavafelder werden seinen historischen Ausbrüchen zugeschrieben. Der Vulkan ist vom größten isländischen Gletscher Vatnajökull bedeckt. Über dem Boden seiner 11 km weiten Caldera liegt eine knapp 800 m dicke Eisschicht. Ein Workingpaper des Icelandic Meteorological Office (IMO) beschreibt das Vulkansystem aus wissenschaftlicher Sicht.

Aus dem Erdmantel wird unter dem vergletscherten Vulkangebirge Magma emporgepresst. Die Magma steht unter unvorstellbarem Druck und schmilzt von innen das Bergmassiv auf. Das Gestein reisst entlang seiner schwächsten Stellen. Unter den damit einhergehenden Erdbeben bricht sich der Magmastrom zwischen dem Bárðarbunga und der Askja eine Bahn in Form einer unterirdischen Erdspalte, die bereits 40km lang ist. Die Spalte erreicht bereits das unterirdische Magmatunnelsystem der Askja, dort nimmt die Erdbebenaktivität ebenfalls zu.

Abstandsmessungen zwischen vor Ort installierten GPS-Geräten zeigen, wie sich der Erdboden aufbläht. In wenigen Wochen dehnte sich die Oberfläche bereits um 20 cm, während die normale Plattentektonik in Island nur etwa 2cm pro Jahr ausmacht.

Über 1.000 Erdbeben werden in der Region jeden Tag gemessen, eine Zahl, die eindrucksvoll die gewaltige Kraft des unterirdischen Magmastroms dokumentiert. Gewaltig ist auch die Menge bewegter Magma, die bereits auf die vierfache Größe des Ausbruchs des Eyjafjallajökull in 2010 geschätzt wird. Die meisten Erdbeben sind jedoch schwach und verlaufen sich für den Menschen nicht wahrnehmbar im lockeren Boden. Für uns wird die Wahrnehmung zusätzlich erschwert, weil Oschi auf großen gefederten Rädern steht. Ohne weiteres können wir nicht unterscheiden, ob der Wind oder ein Erdbeben das Auto bewegt.

Als wir das Hochland Mitte/Ende August Richtung Norden verlassen, wird das Gebiet nach uns gesperrt. Eine Vorsichtsmaßnahme aufgrund Befürchtungen eines Gletscherlaufs. Ein subglacialer Vulkanausbruch würde Milliarden Liter Gletschereis schmelzen. Dies könnte zu einer Schmelzwasserflut entlang der Jökulsá á Fjöllum führen. Der jetzt schon ansehnliche Flusslauf entleert sich im Norden bei Asbýrgi ins Meer.

Unser Plan, an diesem Stück der Nordküste noch einige Tage zu verbringen, wird durch die Evakuierung der Region durchkreuzt. Wir erhalten Notfall-SMS auf alle SIM-Karten und Parkwächter bitten uns immer weiter raus aus der überflutungsgefährdeten Region. Beim Wegfahren sehen wir, wie Wohnhäuser geräumt, Dämme eingerissen und Brücken bewehrt werden.

Auch wenn sich die Ereignisse zuspitzen, kann niemand sagen, wann in nächster Zeit mit einem Ausbruch zu rechnen ist. Die Aktivitäten des Bárðarbunga steigen schon seit sieben Jahren an. Zum Vergleich: Der Ausbruch des Eyjafjallajökull kündigte sich über eine Periode von 11 Jahren an. Die Hekla hingegen hat erfahrungsgemäß eine Vorlaufzeit von wenigen Minuten bis eineinhalb Stunden.

Es ist auch unklar, wo der Ausbruch zustande käme und wie er verlaufen würde. Mittlerweile sind erste Eissenkungen im mehrere hundert Meter dicken Gletscher Vatnajökull aktenkundig, was die umstrittenen subglacialen Eruptionen bestätigt. Glühendes Magma, das auf Eis trifft, würde einen explosiven Ausbruch ähnlich dem Eyarfjallajökull nahelegen. Die Folgen der Aschewolke hängen allerdings von der Windrichtung der Jetstreams ab, die seinerzeit für den europäischen Flugverkehr ungünstig war. Ein Ausbruch entlang der neu gebildeten Erdspalte könnte analog der Krafla-Eruptionen verlaufen. Dies würde zahllose Lavaeruptionen entlang einer kilometerlangen Linie bedeuten. Die Folgen wären weniger weit reichend und würden nur Teile des menschenleeren Hochland neu gestalten. Inzwischen sind Teile der Spalte an der Oberfläche auf mehreren Kilometern eingerissen und seit 00:02 h des 29.08. tritt im Lavafeld Holuhraun Lava aus. Die Spalte bzw. Spalten sind aus dem Flugzeug deutlich sichtbar.

Die Berichte über die vulkanische Aktivität bekamen wir von Beginn an mit, da wir regelmäßig den Wetterbericht des IMO abrufen. Einerseits würde ich gerne einmal eine Lavaeruption mit eigenen Augen sehen (und fotografieren). Andererseits sind dann Kräfte am Werk, die man nicht einschätzen geschweige denn kontrollieren kann. Die Isländer sind dem Vulkan gegenüber neugierig bis fatalistisch eingestellt. Übersetzt ins Rheinländische: Et kütt wie et kütt. Sorge haben eher die Viehwirte vor giftiger Asche auf den Weiden. Wir verfolgen weiterhin die gemeinsamen offiziellen Tagesberichte des geologischen Instituts der Universität Reykjavik und der IMO (Link). Wir werden sehen, was passiert.



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Kommentare: 1
  • #1

    heinz u. Ulla Reiners (Freitag, 29 August 2014 12:33)

    Wir haben uns schon ernsthafte Sorgen gemacht, daß so lange kein Zeichen kam, zudem es überall brodelt. Beim Bruder in Californien war auch ein dickes
    Erdbeben. Na Gott sei Dank hat alles nochmal gut gegangen, liebe Grüsse.