Zurück im Spiel

Die Berichterstattung ist etwas eingeschlafen, wir waren eine Zeit lang offline. Das lag weniger an der abgelegenen Gegend als an ernsthaften Computerproblemen. Die Geschichte dahinter ist lang, kompliziert und techniklastig, mit anderen Worten langweilig. Was mich nicht daran hindert, hier trotzdem zu erzählen, wie es dazu kam.

Fotografieren im RAW-Format und Filmen in HD-Qualität kostet gewaltig Speicherplatz und der war auf dem Dell-Laptop knapp. Also lösche ich mit Windows-Vista-Bordmitteln mal eben(!) eine alte, unbenutzte Ubuntu-Partition und gewinne 20GB Festplattenkapazität. Allerdings ist die Kapazität für Windows noch nicht nutzbar, also führe ich - wie man es von Windows gewohnt ist - einen Neustart aus. Und so beginnt eine Katastrophe, die mich eine Woche Hard-Core-Hackerei kostet.

Nach dem Booten erwartet mich statt der Auswahl des Betriebssystems eine unbekannte Mitteilung auf dem Bildschirm: "error: no such partition. grub rescue>". Mir schwant böses. Ubuntu hatte seinerzeit einen Bootmanager im Startup installiert, um eben zwischen der Linux-Distribution und Windows wählen zu können. Dieser Bootmanager (Grub) hängt sich nun an der gelöschten Partition auf. Zum Glück haben wir noch ein Android-Tab und unsere Smartphones mit Internet. Ich beginne eine lange Recherche.

Das Laptop benötigt einen neuen Bootmanager bzw. eine Reparatur des Bootsektors (MBR = Master Boot Record). Das Problem ist bekannt und kann im allgmeinen mit Linux-Befehlen gelöst werden... vorausgesetzt, Linux befindet sich noch auf dem Rechner. Und das ist mein Problem, da ich den Speicherplatz ja umgewidmet habe. Das Austesten verschiedener Linux-Befehle bringt die Gewissheit, dass der Bootmanager nicht zu retten ist. Auf jeder Partition bringt der Prompt die Fehlermeldung "unknown filestystem". Auch ein Zurücksetzen des BIOS bringt nichts, Windows Vista lässt sich nicht booten.

Im Netz finde ich weitere Lösungsansätze. Am einfachsten wäre, eine Vista-Installations-DVD oder eine Recovery-DVD ins Laufwerk zu schieben und den Bootsektor zu reparieren. Leider steht eine solche DVD nicht auf der Packliste für Outdoor-Urlaube und liegt daheim in der Schublade. Das Laptop verfügt zwar über eine Recovery-Partition, aber die ist ohne Zugriff auf die Festplatte natürlich nicht nutzbar.

Die nächstbeste Lösung wäre, eine neue Windows-Installation im Laden zu kaufen. Im dünn besiedelten Island kann man das vergessen. Vielleicht gibt es in der Hauptstadt Reykjavik einen geeigneten Laden. Wir befinden uns aktuell jedoch exakt auf der anderen Seite der Insel - sprich gut 1.000 km oder mehrere Tage entfernt.

Weitere Lösungen scheitern am LifeTab. Ohne CD-Laufwerk können wir keine Recovery-CD brennen. Auch einen bootfähigen USB-Stick können wir nicht erstellen (z.B. mit der App DriveDroid). Dafür müsste das Tab geknackt - d.h. gerootet - werden, um über Administrator-Rechte zu verfügen. Manche Tabs lassen sich per App Rooten. Unser Typ des Medion Lifetabs kann aber nur per Anschluss an einen Windows-PC gerootet werden, womit sich die Katze in den Schwanz beißt.

Windows-Lösungen sind also erstmal außer Reichweite. Ich suche tiefer in der Trickkiste und finde im Internet einen Linux Bugfix namens Super Grub 2 bzw. Rescatux. Die entsprechende Software muß bootfähig sein, in unserem Fall könnte ich sie mit UNetBootin auf einen USB-Stick brennen. Unetbootin aber läuft nur unter Windows. Wir brauchen also einen zweiten Windows Rechner.

Am nächsten Tag probiere ich mein Glück in der Touristeninformation in Husavik. Ich kann einen öffentlichen Rechner nutzen und probiere verschiede Möglichkeiten aus. Super Grub 2 und Rescatux können zwar den Bootsektor für Linux bearbeiten, nicht aber Vista booten. Zudem stolpern die Programme über die fehlende Linux-Distribution. Ich verbringe einige Stunden mit der langsamen Internetverbindung der Touristeninformation. Ich brenne dies und das aus dem Netz auf den Stick, und probiere es erfolglos auf dem Laptop. Es wird alles nur noch schlimmer. Es scheint, als müsste zunächst Ubuntu wieder her.

Mit der Zeit gelingt mir eine brauchbare Lösung. Auf den öffentlichen Rechner lade ich die neueste Ubuntu-Version 14.04 aus dem Netz herunter und dazu noch Spezialsoftware, um diese in einen bootfähigen USB-Stick umzukonfigurieren. Kurz vor Büroschluss halte ich stolz einen vielversprechenden Stick in der Hand.

Ein Teilerfolg: Ubuntu lässt sich auf dem Laptop installieren und findet dabei sogar Vista wieder. Aus dem Bootmanager läßt sich Vista dennoch nicht starten, ich muß den MBR der Vista-Partition zerschossen haben. Immerhin erhalte ich unter Ubuntu Zugriff auf unsere Daten in der Windows-Partition. Ich sammle alles von Bedeutung in einem Sicherungsordner.

Unter Ubuntu komme ich auch mit dem Laptop wieder ins Netz. Das ist nützlich, weil ich auf dem Tab nichts in nutzbarer Konfiguration herunterladen kann. Die Suche nach einer Lösung geht weiter. Ich finde eine Windows-Notfall-CD von Computerbild, die die Reparatur des Windows-Bootsektors verspricht. Was wäre also leichter, als das iso-File herunterzuladen und auf CD-R(W) oder USB zu brennen? Tja, so ziemlich alles, denn ich habe keine Silberlinge und zu kaufen gibt es die hier auch nicht. Und die einzige Software für Ubuntu, die einen Windows-bootfähigen-USB-Stick brennen kann (nämlich WinUSB), wird für meine Ubuntu-Version 14.04 nicht mehr unterstützt...argh!!!

Vom Hölzchen aufs Stöckchen. Für WinUSB finde ich einen Hack im Netz. Man kann den Quellcode von einem Server laden und mit Linux-Befehlen kompilieren. Doch der Server will eine SSL-Verbindung und die kommt bei der miserablen Internetverbindung unserer neuen Position im Nord-östlichsten-Zipfel von Island nicht zustande.

Die Lösung scheint immer wieder nahe zu sein, doch dann taucht das nächste Problem auf. All diese Versuche benötigen zahllose Stunden während mehrerer Tage. Währenddessen ist das Wetter traumhaft schön, sonnig und warm. Anstatt in einem trostlosen Küstenort neben dem Mobilfunk-Sendemast zu stehen und in der Kabine auf dem Rechner herumzuhacken wollen wir draußen wandern und am Meer spazieren gehen. So verbringen wir die schönsten Tage der Reise mit fantastischen Sonnenuntergängen, Lagerfeuern am Strand und den ersten Nordlichtern, nur etwas gestört durch das Herumlungern an Orten mit 3G-Netzqualität.

Irgendwann bekomme ich eine gute Verbindung und der Hack klappt: WinUSB ist installiert! Ich brenne die Notfall-CD doch das Ergebnis ist eine Pleite: Die CD lässt sich aus unbekannten Gründen vom Stick nicht starten. Meine Suche konzentriert sich auf einen Download einer Vista-Repair-CD. Es handelt sich dabei um gestutzte Windows-Installations-DVDs, die ganz legal von Microsoft heruntergeladen und zur Reparatur genutzt werden dürfen. Damit erziele ich einen weiteren Teilerfolg: Trotz einiger Fehlermeldungen lässt sich der Bootsektor reparieren und Windows mit Hängen und Würgen endlich wieder starten. Die Reparatur hat aber ihren Preis: ich verliere die Ubuntu-Installation!

Vista lässt sich wieder starten, ich muß aber feststellen, das es stark beschädigt ist. Zahllose Fehlermeldungen poppen auf, mein Nutzerprofil ist weg und etliche Systemdienste stehen nicht zur Verfügung: keine Internetverbindung, keine Systemreparatur, selbst banales Copy & Paste ist nicht möglich.

Unter den Dell-Tools finde ich die Option, den Laptop auf den Factory-Status zurückzusetzen - unter Verlust aller Daten. Nun muß ich also zuerst meine Daten sichern. Und wie stelle ich das ohne Kopier-Funktionalität an?

Ein DOS-Terminal könnte die Lösung sein, ich erinnere mich an die alten DOS-Befehle "copy" bzw. "xcopy". Doch die  schaffen den Transfer der Verzeichnisstrukturen nicht. Nach etwas googeln treffe ich auf den Windows-Ersatzbefehl "robocopy". Dieser Befehl kann Verzeichnisse bitweise auf den USB-Stick kopieren, allerdings ist die Syntax kompliziert. Der Befehl löscht bei falscher Syntax sowohl Quell- als auch Zieldaten. Es dauert etwas, bis ich die verschiedenen Ordner endlich alle zusammen auf den USB-Sticks und den Kamera-Speicherkarten gesichert bekomme.

Jetzt ist die Reparatur zum Greifen nah: Der Rechner muß nur auf den Factory-Status zurückgesetzt werden und ich kann mit einem frisch aufgesetzten Windows wieder arbeiten. Soweit die Theorie, die Praxis sieht anders aus. Das Tool will nämlich die Festplatte formatieren. Ok, denke ich mir, warum nicht? Alle Daten sind gesichert und die Festplatte weist inzwischen etliche Geisterpartitionen auf. Außerdem traue ich dem MBR immer noch nicht. Was soll schon schief gehen? Ich drücke auf OK und es geht schief. Mitten im Formatieren schmiert der Rechner mit einer Fehlermeldung ab. Ups.

Ich kann erahnen, was es bedeutet, wenn der Rechner mitten im Formatieren abschmiert. Und richtig, der Laptop weiß nach dem Neustart nicht mehr, dass er überhaupt eine Festplatte hat. Wir kommen aus der Bootschleife nicht mehr heraus. Aus die Maus.

Natürlich gibt es ein Happy End, sonst würde ich hier nicht schreiben. Am Ende wird der Läppi doch noch gerettet. Ich frage mich durch einen Küstenort, ob nicht jemand jemanden kennt, der jemanden kennt, der eine original Windows-Installations-DVD hat. In der örtlichen Schule treffe ich eine versierte Systemadministratorin, die mir weiterhilft. Und das übrigens ganz legal. Sie treibt eine Vista-DVD auf und mit meinem originalen Windows-License-Key, der unter dem Laptop klebt, installiere ich Windows erfolgreich neu.

Wir sind also wieder online, zurück im Spiel sozusagen. Und um einige Erfahrungen und Kenntnisse reicher. Beispielsweise könnte ich jetzt, wenn ich auf einer einsamen Insel Schiffbruch erlitte, allein mit dem was sich mitten im Nichts am Strand finden liesse, ein völlig zerstörtes Betriebssystem neu installieren. Vorausgesetzt, ich hätte die originale Windows-Installations-DVD dabei...



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