Guter Tourist, böser Tourist

Island ist das erste Land, das wir mehrfach bereisten: 2009, 2010 und 2014. Island hat uns verändert, aber auch sich selbst. Das erste Mal war Sommer, Sonne, Sonnenschein - nichts konnte schöner sein. Mit einer kleinen Mietmöhre fuhren wir in den Süden und um die Westfjorde herum. Das zweite Mal war das Wetter so schlecht wie es davor gut war. Mit einem Geländewagen sahen wir uns die Ostfjorde an und befuhren die Kjölur-Route. Für zwei Tage flogen wir auf die Westmänner-Inseln. Doch der Hunger war längst nicht gestillt. Das Land ist auch beim dritten Mal noch voller atemberaubender Naturschönheiten, grenzenloser Weite, Freiheit und Abenteuer.

Aber wir erleben auch die Veränderungen durch den erstarkten Tourismus. Während es für uns eher nachteilig ist, wenn wir nicht alleine sind, freuen wir uns für die Isländer über den steigenden Wohlstand und die verbesserte Infrastruktur. Früher war zwar auch zur Hochsaison nur wenig los, dafür bekommt man jetzt viel leichter alles, was man braucht. Sehenswürdigkeiten sind dank besserer Straßen und Pisten leichter erreichbar. Neu geschaffene Parkplätze bieten ausreichend Stellplatz. Campingplätze gibt es überall. Die Wirtschaft wächst und die meisten Isländer sind immer noch freundliche und entspannte Menschen.

Befremdlich ist hingegen das Stimmungsbild, welches isländische Medien wie der icelandreview zeichnen. Dort wird bereits über Massentourismus geklagt. Die Probleme nähmen zu. Manche Sehenswürdigkeiten lägen auf privatem Grund und Boden. Die Besitzer erhielten nur den weggeworfenen Müll der Touristen, dürfen per staatlichem Erlass aber keine Eintrittsgelder verlangen. Ranger beklagen, dass das Aufsammeln von Hygienepapier einen Großteil ihrer Arbeit ausmacht. Und die Touristen wüssten sich in den Naturschutzgebieten nicht richtig zu verhalten.

Woran liegt's? Zum Abbau der Staatsschulden* baute Island den Tourismus zur wichtigsten Einnahmequelle aus, 2014 verzeichnet der 300.000-Einwohner-Staat eine Million Touristen. Durch das Hochland touren zahllose Reisebusse. Reiseveranstalter bieten Tagesausflüge in entlegene Gebiete an. Dazu kommen Offroad-Quadtouren und Gruppen-Reitausflüge quer durch die Natur. Superjeeptouren tun ihr übriges, um die weißen Flecken auf der Landkarte einzugrenzen.

Mir scheint die Schuld nicht bei den Touristen zu liegen, sondern am nicht durchdachten Konzept. Wir sehen Tausende Ausflügler ins Hochland gekarrt, wo sie dann mangels Infrastruktur natürlich die Landschaft zertrampeln. Viele Touristen sind mit einfachen Mietautos auf den Hochlandpisten unterwegs. Das kann gut gehen, muss aber nicht. Laut Infotafeln besteht dafür kein Versicherungsschutz. In einem Islandforum lesen wir, dass die kleinen Autoverleiher angeblich ein Prämiensystem haben, wonach "in flagranti" ertappte Fahrer eine Strafe zu zahlen hätten.

Die Qualität der Touristeninformation hat wohl nicht mit den realen Verhältnissen steigender Besucherzahlen gleichgezogen. Der Verhaltenscode für Reisende auf der offiziellen Seite VisitIceland klingt zwar konkret, lässt vor Ort aber erstaunlich viel Ermessensspielraum zu. Die Hinweistafeln vor Ort sind meist gar keine Hilfe, wie man sich konkret zu verhalten hat. Der gesunde Menschenverstand allein reicht nicht immer aus: Private Roads, die als solche nicht zu erkennen sind; fehlende Wegmarkierungen im Hochland; frequentierte Sehenswürdigkeiten ohne Fußwege und Toiletten; (illegal) ausgefahrene Straßenbankette; Verbotstafeln nur in isländischer Sprache; paranoide Parkranger (dazu später mehr).

Wir sind hier nicht unerfahren, doch auch für uns ist manche Situation schwer zu entscheiden. Bleibt zu hoffen, dass Island die Aufklärung verbessert und die Touristenströme besser lenkt. Dann kann Island weiterhin die Einzigartigkeit der Natur bewerben ohne sie zu gefährden.

Der Individualtourist muss für den Traum von romantischer Einsamkeit inzwischen zwar etwas weiter fahren, leben kann er ihn hier aber immer noch. Island bewahrt noch viele seiner Geheimnisse.

* 2009 geriet Island in die Schuldenkrise. Nach dem Platzen der US-Immobilienblase wurden die isländischen Banken zahlungsunfähig. Die vom IWF angebotene Finanzspritze von 4 Mrd. Dollar war an Auflagen gekoppelt, die Island nach öffentlichen Referenden und einem Regierungswechsel nicht erfüllen wollte, namentlich die Forderungen ausländischer Investoren.



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