Der Sprengisandur - Teil II

Endlich, nach wochenlangem Grau wieder ein super Tag: blauer Himmel, Sonnenschein. Gut gelaunt brechen wir früh auf. Parallel zur F26, nur einige Kilometer westlich, hangeln wir uns auf einer Nebenstrecke von Markierung zu Markierung. Ringsherum erstrecken sich weite, steinige Hochebenen, in denen türkisfarbene Seen in der Sonne glitzern. Nichts kann unsere gute Laune verderben, naja, fast nichts.

Wir genießen die unberührte Natur im Hochland, möchte ich schreiben, doch das stimmt leider nicht. Unberührt ist die Natur nur noch selten. Und damit meine ich nicht nur die Staudammprojekte im Naturschutzgebiet, um billige Energie für die Aluminiumindustrie zu gewinnen. Uns ärgern mehr die allgegenwärtigen wilden Reifenspuren, stumme Zeugen vom verbotenen Offroad-Fahren. Täglich sehen wir im Hochland gravierende Verstöße. Fahrspuren, die von der markierten Piste abzweigen und auf einen Hügel führen, nur der schönen Aussicht wegen. Kurven, die abgekürzt wurden, weil der vorgesehene Weg zu lang oder zu mühsam ist. Willkürlich gezogene Kreise neben der Piste, aus Spaß am Driften im unberührten Sand. Das schlimme daran ist, dass hier oben der regenerierende Bewuchs fehlt. Wasser nimmt den Weg des geringsten Widerstandes und formt aus anfänglich leichten Fahrspuren mit der Zeit tiefe Gräben. Die Erosion nimmt ihren Lauf und die Schäden werden immer schlimmer. Und fotogen ist es auch nicht.

Wir sind mit einem großen Fahrzeug hier, das gibt uns mehr Freiheit, ist aber auch mit mehr Verantwortung verbunden. Wir bewegen uns im Bewusstsein, welche Abdrücke unsere Reifen hinterlassen können. Einfach einen neuen Weg durch die Botanik zu suchen, käme uns nicht in den Sinn. Wir fahren konsequent auf der Piste, und brechen unseren Weg im Ernstfall auch mal ab. Wenn wir einen Weg erfragen, bekommen wir von den Isländern zwar zu hören, dass wir mit Oschi überall durchkämen. Aber die Hinweisschilder an den F-Pisten fordern einen 4x4-Antrieb nicht deshalb, damit man sich seinen Weg irgendwie durchbahnen kann. Der Sinn ist, dem markierten Weg folgen zu können und nicht, die Landschaft neben schwierigen Pistenabschnitten zu mehrspurigen Autobahnen umzupflügen. Um Offroad-Sünder zur Rechenschaft zu ziehen, kontrollieren Parkranger - unterstützt von Luftüberwachung - die menschenleere Gegend. Gerüchtehalber werden sogar private Beweisfotos an die Polizei prämiert.

Offroad-Fahren ist verboten, klar, aber wie ist Offroad hier eigentlich definiert? Das fragen wir uns als wir andere Fahrzeuge auf den Pisten beobachten. Was passiert bei Gegenverkehr auf einer einspurigen Piste? In der Praxis weicht einer - oder weichen beide - aus. Wohin? Nun, die Fahrspur wird verlassen - ist das dann Offroad? Wo hält man für eine Pause, wenn es nur eine Handvoll Parkplätze oder Ausweichstellen auf hunderten Quadratkilometern gibt?

Wie schnell man selbst in die Zwickmühle gerät, erfahren wir bei einer längst überfälligen Fahrpause. Um keinen Flurschaden anzurichten stellen wir uns auf eine steinige Stelle an den Pistenrand. Nur so weit, dass andere Fahrzeuge gerade eben vorbei kommen. Kurze Zeit später hält eine Parkrangerin und spricht uns an: Wir wären Offroadsünder! Laut ihrer Definition gäbe es kein "Bankett" auf Islands Hochlandpisten. Alles, was nicht "on the road" ist, wäre zwangsläufig "off the road". Für Pausen müsse ein markierter Parkplatz gefunden werden. Und bei Gegenverkehr müsse einer so lange zurückfahren, bis eine markierte Ausweichstelle erreicht werde.

Verunsichert setzen wir unseren Weg fort. Eine derart enge Defintion ist so nirgendwo dokumentiert und erscheint auch völlig praxisfern. Alle Verbotstafeln und Informationsbroschüren zeigen Fahrspuren, die eindeutig fernab der Piste in die Wildnis verlaufen. Dass bereits ein Verlassen der Fahrspur mit zwei bzw. vier Rädern als Offroadfahren zählt, ist dagegen eine Informationen, die auf keiner Hinweistafel steht. Dabei wäre es für die isländischen Behörden eine Kleinigkeit, diese enge Auslegung klar und deutlich darzustellen. Ein Verbotsschild mit einem Fahrzeug neben der Spurrinne würde genügen.

Das Thema Offroad beschäftigt uns noch sehr lange. Wir wollen nicht mit denen in einen Topf geworfen werden, die für oben kritisierte Landschaftsfrevel verantwortlich sind.



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