Rund um den Thórisvatn

Der Regen prasselt laut gegen die Kabine. In den Solarzellen auf dem Dach fängt sich heulend der Wind. Wir stehen mit der Breitseite im Sturmregen. Der Steyr schüttelt sich so stark, dass wir befürchten umzukippen. Eine windgepeitschte grau-schwarze Hochebene umgibt uns. Die gelben Pflöcke, mit denen die Piste markiert ist, sind die einzigen Farbkleckse in einer ansonsten monochromen Welt.

Für die Nacht hatten wir einen exponierten Platz mit Blick auf Islands zweitgrößten See gewählt, den Thórisvatn. Am nächsten Tag leuchtet der Thórisvatn in sattem Türkis. Die Farbe ist eine Folge des hohen Kieselsäuregehalts, dem Vulkanismus sei Dank. Rund um den See zieht sich unser Weg durch menschenleere Sand- und Steinwüsten, gespickt mit scharfkantigen Lavabrocken. Leben entfaltet sich hier nur spärlich. Flechten, Moose und Gräser wachsen nur dort, wo es windgeschützt ist.

Vier Farben dominieren die Landschaft: schwarz (der Sandboden), grau (der wolkenverhangene Himmel), türkis (das Wasser), grün (das beinahe neongrünleuchtende Moos). Darüber liegt seit Tagen leider ein Regenschleier.

Auf der Piste um den See arbeiten wir uns in Schrittgeschwindigkeit vorwärts. Wie ein Trial-Parkour windet sich der mit Stangen markierte Weg um Felsformationen, über Steinplatten und an Hängen entlang. Eine gute Gelände-Fahrschule: Ich lerne, Oschi auf den Zentimeter um scharfkantige Lava herum zu manövrieren. Der nasse Sandboden hält zwar leidlich gut, doch manche verlangte Schräglage bedarf schon einer Menge Mutes.

Regenschauer folgt auf Regenschauer. An einer Abzweigung fahren wir falsch, weil wir uns schon viel weiter vermuten. Einen Wendepunkt finden wir auf einer großen Steinplatte auf dem Weg. Da das Auto hier einigermaßen gerade steht, beschließen wir gleich über Nacht zu bleiben.

Am nächsten Tag geht es ein Stück zurück bis zur Abzweigung zum Nachbarsee Botnsvatn. Türkis schillernd liegt der kleine See eingebettet im schwarzem Sand. Das Ufer ist kantig und bröselt beim Betreten sofort weg. Unter Wasser setzt sich der Rand ebenso steil fort. Vom Thórisvatn ist der See nur durch eine Hügelkette getrennt. Während der Mittagspause klettere ich auf diese Hausberge und genieße für wenige Minuten eine grandiose Aussicht über die Seenlandschaft. Zwei Dinge verleiden mir ein gutes Foto: Heftiger Regen setzt ein und die Speicherkarte der Kamera steckt noch im Laptop in der Wohnkabine.

Nach der Mittagspause setzen wir unseren Weg fort. Zunächst ist eine sandige Steigung zu bezwingen. Es gibt wilde Fahrspuren, die einen einfacheren Winkel beschreiben, doch wir bleiben auf der markierten Piste - und prompt im Sand stecken. Jeder Versuch, den Hang zu bezwingen, lässt uns nur mit durchdrehenden Rädern seitlich abrutschen. Mit der Schaufel grabe ich die bergseitige Spurrille etwas tiefer aus. Mit dem Aushub fülle ich die Talseite der Piste auf, um die Schräglage zu verringern. Die Chefin lässt derweil Luft aus den Reifen, um die Aufstandsfläche zu vergrößern. Mit 1,5 bar klappt es dann.

Ein Paar aus Belgien in einem Buschtaxi (Toyota Landcruiser) kommt aus der Gegenrichtung. Wir tauschen uns über die Piste aus. Noch 500 Meter Sandpiste, meint er, dann wird es "rocky". Die 500 Meter Sand sind etwas länger, schräg, weich und tief. Einmal kuppeln und der Steyr steht. Die sechs Zylinder müssen ordentlich ackern und produzieren dicke Russwolken.

Als es dann "rocky" wird, fällt mir die Kinnlade runter. Die Piste ist genau auf einen Bergrücken gelegt! Ich will den Weg erkunden, bevor ich da hochfahre, doch habe ich schon zu Fuß Schwierigkeiten an der Steigung. Steiler war es noch nie. Wenigstens ist die Fahrbahn nicht auch noch zur Seite geneigt. Im kleinsten Gang fahre ich an, klammere mich ans Lenkrad. Ein, zwei Mal verlieren die Vorderräder den Grip, doch sie fangen sich sofort wieder. Auf dem Gipfel stellen wir das Auto erschöpft für die Nacht ab, mehr ist heute nervlich nicht mehr drin.

Noch einen weiteren Tag balancieren wir an Hängen entlang und schlingern durch weichen Sand, bis wir mit der F228 wieder festeren Boden unter den Rädern haben.



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