Landmannalaugar

Wir erreichen Landmannalaugar, einen der schönsten Flecken Islands. Im Naturschutzgebiet Fjallabak gelegen ist der Campground für sein warmes Badegewässer und seine Wanderwege bekannt. Alle Naturschönheiten Islands sind hier vereint: Vulkankrater, Lavafelder, buntes Rhyolithgestein und heiße Quellen.

Dem Ruf der Wildnis sind allerdings auch hunderte anderer Abenteurer gefolgt. Wegen seiner guten Erreichbarkeit ist Landmannalaugar ein touristischer Hot(s)pot. Es ist Wochenende und nicht nur Touristen drängeln auf den Parkplatz und in den warmen Bach. Auch die Isländer selbst wollen ihre Natur genießen. Nach dem Aufstehen zählen wir elf Reisebusse und der Campground gleicht einem Flüchtlingslager im Krisengebiet. Die Sanitäranlagen sind vom Besucheransturm überfordert, da sie von den durchgefrorenen und aufgeweichten Campern auch als Küche, Trockenraum und Aufenthaltsraum genutzt werden.

Man darf sich über die Situation nicht beschweren. Der Lebensstandard ist hoch, das Land groß aber die Bevölkerung dagegen klein. Das nötige Geld kann nur der Tourismus einbringen und die Saison ist kurz. Von Juni bis September kommen etwa dreimal mehr Touristen an Land als Island Einwohner zählt. Zu vermarkten gibt es hier eben Natur pur und die Isländer nutzen was sie haben. Selbst der Ausbruch des Eyjafjallajökull in 2010 macht sich bezahlt. Bei Vik í Myrdal gibt es seither ein neues Besucherinformationszentrum und von dort Ausflüge auf den Vulkan.

Die gute Nachricht ist, es regnet nicht. Die schlechte, es schneit. Wir treffen Lutz mit seinem Hanomag. Er meint Island noch nie so kalt und verregnet erlebt zu haben. Wir hatten schon gealbert, daß wir anderen auf die Wetterfrage einfach erwidern, dass es in zwei Wochen nur einmal nachts kurz regnete.

Während sich der Parkplatz weiter füllt, ringen wir um eine Entscheidung. Bleiben und eventuell in Kolonne den berühmten Laugavegur bewandern oder wieder ab in die Wüste? Während ich diese Zeilen schreibe, bricht die Sonne durch. Da wir schon mal hier sind, entscheiden wir uns für eine weniger frequentierte Rundwanderung. Und abends wird sich schon noch ein Platz im warmen Bach für uns finden.

Dick eingepackt gegen den eisigen Wind ziehen wir los. Direkt hinter dem Campground beginnt ein Labyrinth aus Obsidiantrümmern. Rings umher ist die Bergwelt ein Meer aus Formen und Farben. Ich bin vollkommen überwältigt und finde später keine Worte, diesen Anblick zu beschreiben. Auch unsere Bilder können nur vage diesen Reichtum an Eindrücken vermitteln. Mein Geist ist zu klein, die Natur zu groß. Welches Land bietet wohl mehr Abwechslung auf weniger Raum als Island?

Zwei Tage wandern wir in Landmannalaugar und ich frage mich, für wen all diese Schönheit wohl erschaffen wurde? Etwa für uns Menschen, die wir dieser Welt oft so lieblos und gleichgültig gegenüberstehen? Die wir meist in unseren Räumen und Köpfen nur um uns selbst kreisen, um Haben, Wollen und Schein? Ich schaue auf diese Hänge, deren Farbenpracht ihren Ursprung in einer alles Leben zerstörenden Naturgewalt hat. Vielleicht sind wir Menschen nur eine Laune der Natur. Ein Artefakt, das unvorstellbare Kräfte ebenso mühelos vom Erdboden vertilgen könnten, wie sie diese Bergwelt geschaffen haben. Vielleicht sind Orte wie dieser aber auch eine Liebeserklärung der Natur an den Menschen. Schaut her, sagt die Welt, seht mich an, schön wie ich bin.



Kommentare: 1
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    Detlef Seidelmann (Dienstag, 08 Juli 2014 17:07)

    .... du bist ein Natur-(ha, ha)-Talent im Schreiben. Wenn du diesen Blog nicht 1:1 als Buch veröffentlichst, kündige ich dir die Freundschaft :-)