Auf Abwegen

Über die Kjölur-Hauptroute, die mit einem normalen PKW befahrbar ist, sind wir auf dem Weg ins Hochland. Für mehr Spannung halten wir uns bei Kerlingafjöll östlich der Hauptroute und wählen einen der nicht nummerierten Trails in den Süden. Strecken wie diese werden vom Straßenbau kaum gepflegt und versprechen Abenteuer. Endlich darf der Steyr zeigen, was er kann.

Holzstangen weisen die Richtung. Das, was da durch das Hochland führt, hat den Namen "Weg" kaum verdient. Zumindest in diesem Jahr war hier noch kein anderes Auto unterwegs. Wir sehen Hufspuren aber keine frischen Reifenabdrücke. Hier sind wir allein in der Wildnis unterwegs. Der Trail wird von einigen anderen gekreuzt, Straßenschilder sind selten. Um der geplanten Route zu folgen, sind bei uns mehrere Navigationsmedien im Einsatz. Neben einer groben Straßenkarte und einem Atlas im Maßstab 1:200.000 nutzen wir auch elektronische Navis: ein Tablet mit Navigationssoftware und OpenStreetMap-Karten, ein Garmin Edge und mein altgedientes Handy-Navi.

Fortwährend wechseln Umgebung und Untergrund. Eben noch felsige Hügel, nun eine topfebene Aschewüste. Graue Felssplitter lösen sich mit feuchtbrauner Erde ab. Dann ist es plötzlich wieder ringsherum grün. Große Felsbrocken testen die Bodenfreiheit und tiefe Risse die mögliche Verschränkung des Fahrgestells. Pausenlos liegt scharfkantiges Gestein im Weg. Mal steige ich aus, um Steine aus dem Weg zu rollen. Mal muss ich mich einweisen lassen. Ungleich einfacher ist es, in aufgeweichter Erde zu fahren. Ich halte das Lenkrad nur fest und lasse Oschi einfach machen. Unbeirrt arbeitet er sich durch die Spurrillen. Auch die Fuhrten werden interessanter, das Wasser reicht schon mal bis zur Stoßstange.

Nachdem ich bei den ersten Schräglagen des Fahrzeugs noch Blut und Wasser schwitzte, machen sie mir mittlerweile nicht mehr so viel aus. Das Popometer scheint inzwischen kalibriert. Der kurze Radstand macht das Auto zwar sehr wendig, für einseitige Auswaschungen aber auch sehr empfänglich. Solange entweder nur die Vorder- oder die Hinterachse schräg abtauchen, bleibt das Fahrzeug halbwegs aufrecht. Wenn aber eine Seite komplett wegsackt, verstummt schon mal das Gespräch im Fahrerhaus.

Tagelang fahren wir Schrittgeschwindigkeit, Spitze 20 km/h. Der Reifendruck liegt bei 4 bis 4,5 bar, die Längssperre ist geschaltet. Mit wenigen hundert Umdrehungen über Standgas klettert der Steyr in der kleinen Getriebegruppe vor sich hin. Über den vierten Gang komme ich selten hinaus. Manchmal nutze ich die Untersetzung zum feineren Manövrieren. Oschi zeigt sich völlig unbeeindruckt von Wasser, Asche, Matsch und Gestein. Die Achssperren brauche ich nur einmal. Nach einer Flussdurchfahrt fehlt am anderen Ufer die Auffahrt, die Piste ist glatt abgerissen. An der Abbruchkante schalte ich die Hinterachssperre zu, um aus dem Flussbett herauszukommen. Es ist ein wenig wie senkrecht die Wand hochfahren.

Als wir beim Gulfoss die Hochspannungsleitung erreichen - für Wanderer ein wichtiger Orientierungspunkt in der Gegend - wird der Weg besser. Hier hat der Straßenbau schon ein Räumfahrzeug durchgeschickt und die Fahrbahn geglättet. Eine willkommene Abwechslung nach all dem Geschüttel.



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