Abenteuerwanderung am Glymur

Der Hvalfjörður ist einer der lieblichsten Fjorde Islands. Am Ende des Fjords lockt die spektakuläre Wanderung entlang einer Schlucht zum Glymur, mit knapp 200 Metern Höhe Islands höchster* Wasserfall. Laut Reiseführer gibt es mehrere Wege, die zu unterschiedlichen Aussichtspunkten führen. Was die Reiseführer eher verschweigen, ist, dass hier ein abenteuerlicher Rundwanderweg versteckt liegt, der zu den schönsten Wanderungen gehört, die wir je gemacht haben.

Bei bestem Wetter wählen wir die rechte Seite des Flusses für den Aufstieg und müssen dafür die Botsná durchqueren, was zur Hälfte auf einem Baumstamm möglich ist. Die andere Hälfte ... nun, wo ein Wille ist... Der Aufstieg ist anspruchsvoll aber lohnenswert. Steile Klettersteige mit Seil lösen sich mit etlichen Bachläufen ab, die zu überquerend sind. Haarscharf am Abgrund entlang führt der Pfad und bietet spektakuläre Einblicke in die atemberaubende Schlucht. Möwen nisten an den Steilwänden und ziehen ihre Kreise über dem Wassernebel, der in allen Regenbogenfarben leuchtet.

Der rechts gelegene Weg ist nur selten markiert, oft muss man ihn sich suchen. Mit einem wachen Auge und Mut zur Lücke ist das aber gut möglich. Belohnt wird man auch auf Abwegen mit einer fantastischen Aussicht. Auf halber Höhe liegt ein Naturpool unter einem kleinen Wasserfall. Das Wasser glitzert in der Sonne, und so steigen wir spontan aus den Klamotten, um im eiskalten Wasser herumzutoben.

Ein gutes Stück über dem Wasserfall überqueren wir den Flusslauf, der den Glymur speist. Die Botsná ist hier zwar breit aber eher flach. Vereinzelte tiefe Stellen mit starker Strömung lassen sich umgehen. Am anderen Flussufer angekommen kippt das Wetter. Windig und etwas regnerisch beginnt der Abstieg recht harmlos mit einer sumpfigen Hangwiese. Diese macht dann einem Schotterfeld Platz. Anschließend liegt der Weg in einem Bachlauf, der sich durch einen Zwergbirkenwald windet. Das große Finale ist erreicht, als der Pfad im Fichtenunterholz verschwindet. Danach geht es aufrecht zum Parkplatz zurück. Die Wanderung hat mich zwar meine altgedienten Stiefel gekostet, gehört aber zu den Aktivitäten, die man in dieser Gegend unbedingt unternehmen muss.

Bei unserer Rückkehr treffen wir Rune, der sich zum Schutz vor dem Regen gerade unter dem Steyr ein Essen zubereitet. Sofort erkenne ich den folgenschweren Fehler, nie über die Nutzung der Fläche unter dem Auto nachgedacht zu haben. Stattdessen haben wir viel Geld in eine Kabine investiert... Rune ist mit einem Fixed Gear Rad und Zelt für zwei Wochen in Island unterwegs. Oschi weckt bei ihm sichtbar Gefallen an der Vorstellung, mobil zu leben.

Später halten wir auf die Westfjorde zu. Da wir auf der Suche nach einem schön gelegenen Übernachtungsplatz sind, durchkreuzen wir das Hinterland Skardsheidi auf immer kleineren Schotterstraßen. An der Querung des Borgarfjörður bei Ferjukot ist er plötzlich da, der Point of no Return. Auf einer wunderschön geschwungenen doch viel zu zierlichen Bogenbrücke ist der Fluss zu überqueren. Einen Hinweis auf eine Gewichtsbegrenzung sehen wir nicht. Aber in Deutschland ginge das hundertprozentig als Fußgängerbrücke durch!

Zurück will ich nicht fahren und Furten ist nicht möglich, also vorwärts. Langsam fahre ich an den Brückenkopf heran. Zwischen den Leitplanken sind nur wenige Zentimeter Spielraum. In der Untersetzung fädle ich Oschi behutsam zwischen die Randsteine ein. Einer hängt links zum Fenster, eine rechts heraus. Zentimeter für Zentimeter schieben wir uns auf die Brücke. Nach vorne schaue ich nicht, der Anblick ist nichts für mein zartes Gemüt. Im Fahrerhaus sitzt man weit oberhalb des Brückengeländers, und die Brücke wirkt aus dieser Perspektive schmaler als das Fahrerhaus.

Stück für Stück tasten wir uns voran. Hinter uns warten ein Traktor und ein PKW vor der Brücke. Immerhin gestikulieren sie nicht wild. Vielleicht denken sie auch genau wie ich "jetzt nur keine hektischen Bewegungen...". Es vergehen anstrengende Minuten, und hartnäckig hält sich am Rande des Bewusstseins der Gedanke einer einstürzenden Brücke.

Nach gelungener Überquerung will ich nur noch weg und bloß nicht darüber nachdenken. So haben wir leider kein Foto davon.

* Unser Reiseführer ist nicht mehr up-to-date, vor wenigen Jahren wurde im Hochland ein noch höherer Wasserfall gefunden. Somit ist der Glymur nur noch die Nummer zwei.



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