Die Snaefell-Halbinsel

Mit der Halbinsel Snaefellsness haben wir noch eine Rechnung offen. Es muss dort mehr geben als jenes braun geflieste Hotelzimmer nach einem Regentag, unsere einzige Erinnerung an diesen Landstrich aus 2009. Und tatsächlich, nach einer Nacht auf einem verschneiten Pass sehen wir vor uns die schneebedeckten Gipfel der Halbinsel unter einem vielversprechenden wolkenlosem Blau. Für die nächsten Tage folgen wir der Küstenlinie.

Zwei Nächte bleiben wir im Lavafeld Berserkerhraun. Der Sage nach hieben zwei bärenstarke Männer einen Weg durchs Gestein, damit einer die schöne Tochter des Landbesitzers freien konnte. Doch Undank war der guten Tat Lohn, denn der Vater ließ beide Männer erschlagen. Archäologen fanden als Beleg hier zwei Hügelgräber mit männlichen Skeletten. Die brütenden Nachbarn am Bach machen drei Kreuze, als wir am dritten Tag den Feldweg räumen.

Im Lavafeld hinter Olafsvik fahren wir auf den Snaefellsjökull. Passfahrten sind immer ein Abenteuer für sich. Die Landschaft wandelt sich hinter jeder Kurve, Wasserfälle rauschen ins Tal und die Piste wird immer schlechter, je höher es geht. In der alpinen Zone endet der Weg vor einem Schneefeld und wir erkunden den Fuß des Gletschers. Bereits im Tal wurde davor gewarnt, den Gletscher zu besteigen, da die Oberfläche aufgrund der Schneeschmelze nicht mehr überall trägt und tiefe Risse im Verborgenen lauern. Mir ist es auch etwas unheimlich, auf der Schneedecke herumzustapfen. Nebelfelder und Sprühregen ziehen auf, später taucht der markante Gipfel aus den Wolkenschwaden auf. Unser weiterer Weg sollte eigentlich entlang der Piste zur Straße 570 führen, doch der Steyr bleibt gleich zu Beginn in einem Schneefeld stecken. Raus geht es nur rückwärts, danach fahren wir den gleichen Weg ins Tal zurück.

Nächster Tag, Vulkankrater Saxhóll. Es regnet. Wir werfen einen Blick über den Rand. Ein Krater sieht innen eigentlich selten interessant aus. Die Erosion der Kraterwände hat die kollabierte Magmakammer längst zu einer sanften Kuhle aufgefüllt, in der zartes Grün gedeiht. Nichts weist mehr auf die zerstörerische Naturgewalt hin, die in diesem verlassenen Landstrich vor wenigen tausend Jahren wütete. An einem trüben Tag wie diesem erscheint das schroffe Gestein düster und unheilvoll. Moose und Flechten überziehen das schwarze Lavagestein mit einer dunkelgrünen Masse und geben ihm eine niederschmetternde Aura. Im nebligen Gegenlicht gelingt ein stimmungsvolles Bild.

Auch bei der Bucht von Dripvik verbringen wir eine Nacht. An diesem Ort verdingten sich über Jahrhunderte isländische Männer im Frühjahr der beschwerlichen Seefischerei. Dunkle Wolken ziehen tief und bedrohlich über den Nachthimmel. Zwischen hochaufragenden, wild gezackten Vulkanfelsen erstreckt sich die schwarze Bucht. Der weitgeschwungene Strand ist wie eine riesengroße schwarze Welle geformt, die in die zerrissene Vulkanlandschaft rollt. Abermillionen flache, glattpolierte, schwarz glänzende Kieselsteine bilden diese Welle. Vor 70 Jahren strandete hier ein englischer Fischkutter. Nur eine Handvoll Seeleute überlebte. Rostfarbene Metalltrümmer aus dem zerschlagenen Bootskörper liegen auf der Bucht verstreut. Zum Wasser hin steigt der Kiesboden an, um dann steil ins Meer abzufallen. Am Scheitelpunkt stehen unheimliche Steinfiguren, die beim Aufstieg gegen den düsteren Himmel beinahe lebensecht anmuten. Die Steine sind nur lose aufeinander gestellt, kein Klebstoff und keine eingearbeitet Stütze gibt ihnen Halt. Allein die perfekte Balance hält die fragilen Figuren aufrecht. An diesem Ort spüren wir die dunkle Magie Islands. Mit eingezogenem Kopf hasten wir zurück zum Auto.



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