Latrabjarg - Abendromantik im Nordpolarmeer

Weit abgelegen in den Westfjorden liegt Latrabjarg, ein Fixpunkt unserer Reise. Jenen bemerkenswerten Vogelfelsen besuchten wir erstmals 2009, damals unter ganz besonderen Bedingungen.

Nach einer langen und monotonen Fahrt über schlechte Straßen entlang der Fjorde kamen wir sehr spät und müde an eine einfachen Parkplatz an einem langweiligen Berghang. Nur wenige Schritte vom Parkplatz entfernt ist jedoch die Abbruchkante der Steilklippe und dort stockte uns der Atem. Die ganze Kante entlang saßen, standen und trippelten hunderte Papageitaucher, nur eine Armlänge entfernt! Nirgendwo sonst auf Island sind diese Vögel so zutraulich wie hier. Im Licht der Mitternachtssonne glühte die Klippe in rotgoldenem Schein. Die Atmosphäre prägte sich tief in unser Gedächtnis ein. Prägend war auch, dass der einzige Kameraakku just in dem Moment versagte, als wir aus dem Auto stiegen, so daß es davon keine Fotos gibt.

Mit unserer mobilen Energiestation und voll geladenen Akkus sind wir wieder da. Das Wetter ist so lala, es herrscht kein gutes Fotolicht. Im Moment ist es noch zu früh für die Papageitaucher, sie kommen erst in der Dämmerung vom Meer zurück. Der Parkplatz ist rammelvoll. Reisebusse kommen und gehen, doch für die Tagesgäste wird sich Latrabjarg niemals so einprägen wie uns damals. Weder treten sich die Puffins um diese Zeit auf die Füße, noch können die aktuellen Lichtverhältnisse vergleichbare Emotionen wecken.

Wir flanieren die Steilküste entlang. Auf der Leuchtturmseite entdecken wir einen Seelöwen und nach etwas suchen noch gut 15 weitere Artgenossen. Sie räkeln sich auf den kalten und feuchtglitschigen Felsen als ob es keinen gemütlicheren Ort auf der Welt gäbe. Ihre Rufe dringen herüber. Von hoher Warte aus können wir die Seelöwen sogar unter Wasser tauchen sehen.

Die Leuchtturmseite empfiehlt sich auch für die Papageitaucher. Während die meisten Besucher links die Klippe besteigen, sitzen die kleinen Flattermänner rechts fast neben dem Parkplatz. Je später der Abend, umso mehr davon. Dem starken Wind trotzend sitzen sie auf der Kante der Steilwand und wackeln bedenklich hin und her. Nicht ganz klar ist, wer hier wen beobachtet. Bleibt man eine Weile ruhig sitzen, kommen immer mehr zum Vorschein.

Es sieht zu drollig aus, wie sie sich das Fliegen mühsam erarbeiten. So wirklich dafür gemacht scheinen sie mir nicht. Direkt vor uns stemmt sich einer ins Gras, beginnt frenetisch mit den Flügeln zu schlagen und hebt in Zeitlupe ab. Ein Stück senkrecht nach oben, dann dreht er ab und stürzt sich die Felswand hinunter. Die kleinen Clowns sind Meister der Bruchlandung, stolpern mit ernster Miene herum, putzen sich, schnäbeln miteinander und stecken den Kopf unter die Flügel. Ihre unfreiwillig komische Art entlockt uns manchen Lacher.

Die Hoffnung auf Wiederholung des rotgoldenen Abendlichtes erfüllt sich zwar nicht, dafür ist nachts kaum Betrieb und wir haben die Papageitaucher fast für uns allein. Stundenlang schauen wir zu bis der kalte Wind schließlich durch alle Kleidungsschichten dringt. Glücklich und froh treten wir den Rückweg an. Einmal mehr ist klar, daß es nur etwas Freiheit und Einsamkeit braucht, um inneren Frieden zu erlangen.

Wir bleiben zwei Nächte auf dem nahe gelegenen Campground. Ich finde Campingplätze recht unterhaltsam. Da gibt es Backpacker mit riesigen Rucksäcken, die sich allein auf ihr Glück als Anhalter verlassen. Andere sind mit dem Fahrrad da, eine mentale Härteprobe gegen Wind und Wetter. Der freundliche Franzose ist schon quer durch die Mongolei geradelt und hat hier das Hochland im Visier. Wieder andere sind mit dem eigenen vollgestopften PKW aus Belgien angereist. Allrad Fehlanzeige, wozu auch. Mietnomaden sind mit dem gemieteten Wohnmobil unterwegs und kämpfen mit der ungewohnten Fahrzeuggröße und der Wohnmobiltechnik. Auch wir gehören zum illustren Volk und werden laufend fotografiert. Vor allem die Isländer sind von Oschis großen Rädern angetan.

Auf der Weiterfahrt passiert bei einem Stopp ein Missgeschick. Heftiger Rückenwind reißt mir beim Aussteigen die Fahrertür aus der Hand und verbiegt sie in den Scharnieren. Aus dem geplanten kurzen Stopp wird eine längere Schrauberei, bis sich die Tür wieder im Gegenstück am Fahrerhaus verriegeln lässt. Ein Schwachpunkt am Steyr, den wir in der Winterpause beheben.



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