Wild Life am Jökulsárlón

Wilde Rentiere säumen den Weg entlang der Nationalstraße 1, der Winter drängte sie ins Tal. Wir fahren zum Jökulsárlón, dem See der Eisberge. Der liegt zu Füßen von Islands größtem Gletscher, dem Vatnajökull. Vom Gletschersee bis zum Meer verläuft Islands kürzester Fluss. Nur wenige hundert Meter lang ist diese Eisbergautobahn, auf der die Abbrüche des Gletschers in den Nordatlantik hinaus treiben. 2.000 Jahre soll es dauern, bis das auf dem Gipfel als Schnee gefallene Wasser seinen Weg zurück ins Meer findet.

Wir halten etwas abeits auf dem meerseitigen Parkplatz. Eine Handvoll Seehunde spielt im Fluss und am Mündungsdelta in der Brandung. Gerade wechselt sich Ebbe mit Flut ab. Große Eisbrocken haben sich im Flussbett verhakt. Mit ansteigender Flut drücken immer größere Meerwassermassen in den Fluss und nehmen die Nachzügler unter den Eisbergen wieder mit zum See zurück. Die Strömung wächst gewaltig an, der Tidenhub beträgt gute anderthalb Meter.

Auf der Ostseite des Gletschersees wollen wir bis zur Abbruchkante des Gletschers wandern. Die Wolken hängen tief, doch je weiter wir wandern, umso mehr Sonnenstrahlen dringen durch. Immer weiter ziehen sich die Wolkenbänke zurück. Nach zwei Stunden haben wir freie Sicht auf die Berggipfel, die schneeweißen Hänge gleißen in der Sonne. Der See liegt spiegelglatt und bizarr geformte Eisbrocken ruhen scheinbar bewegungslos im Wasser. Doch still ist es nicht. Tropfen um Tropfen schmilzt das Eis, hundertfach, tausendfach, fällt millionenfach von ungezählten Eisbrocken in den See. Ein leises Rauschen liegt in der Luft, ähnlich einem Gebirgsbach, der ins Tal rauscht. Dann und wann brechen größere Stücke mit einem trockenen Krachen ab, von der Sonne ihrer Tragfähigkeit beraubt. Mit lautem Klatschen schlagen die Bruckstücke ins Wasser, die Augen suchen den Ort des Geschehens. Nicht immer sieht das Auge, was das Ohr weithin vernehmen kann. Große Eisbrocken scharren am Grund, stoßen mal mit dumpfen Pochen, mal mit hellem Klang zusammen. Langsam wandern wir am Ufer entlang. Immer wieder neu, immer wieder anders ist das Lichtspiel im von Eisbergen übersäten See. Foto um Foto versuchen wir, die Stimmung einzufangen. Erst an der letzten Landzunge vor der Abbruchkante kehren wir um.

Anders als die Chefin, die am Ufer entlang wandert, wähle ich zurück den Höhenweg, um Fotos aus höherer Perspektive zu machen. Zwei große arktische Raubmöwen, die sogenannten Skuas,  beobachten mein Nahen auf einem Feldweg. Komme ich ihnen zu nabe, erheben sie sich und ziehen elegant im Gleitflug ihre Kreise um mich. Unwissend, dass sie mich nur taxieren, freue ich mich über die Nähe dieser großen Vögel. Unvermittelt gehen die Raubmöwen zum Angriff über. Abwechselnd stoßen sie auf mich herab und ihre Kreise ziehen sie immer enger. Es ist Hochsaison in der Brutzeit und da verteidigen die Vögel ihr Revier. Diese zwei spielen jedoch in einer ganz anderen Liga als die kleinen Küstenseeschwalben, deren Scheinangriffe eher lästig als gefährlich sind. Die Attacken werden schneller, näher, und ein paar Mal werfe ich mich aus Sorge vor ihren Krallen zu Boden. Trotzdem kann ich mir die Gelegenheit für einen Schnappschuss nicht entgehen lassen. Mit einem Foto vom Frontalangriff im Kasten nehme ich die Beine in die Hand und stolpere fast noch in einen großen Graben, der den Feldweg für Autos versperrt. Eine Heerschar von Küstenseeschwalben nutzt die Gelegenheit sich auf mich zu stürzen und macht durch ihre schiere Menge wett, was ihnen im Vergleich zu den Skuas an Größe fehlt. Mit ordentlich Adrenalin im Blut treffe die Chefin wieder, die mir stolz Handybilder von aufstiebenden Vogelscharen zeigt...

Zurück zum Auto, 20 Uhr, der Gezeitenwechsel zur Ebbe ist in vollem Gange. Auf dem Fluss hängen wieder große Eisbrocken am Grund fest, kleinere bahnen sich ihren Weg drum herum, manche versuchen es auch mittendurch. Wieder ist die Strömung gewaltig. Große Strudel haben sich gebildet, das Wasser staut sich, wellt sich, dreht sich und jagt schließlich in Richtung Meer davon. Ungeachtet des Mahlstroms, der sich da bildet, jagen Seehunde im Wasser nach Nahrung. Ein großer Schwarm Seeschwalben steht über dem Mündungsdelta. Diese Flugkünstler stoßen kurz ins Wasser herab, um gleich darauf mit einem Fisch im Schnabel wie ein Pfeil in die Luft zu schießen. Als wäre das nicht schon Spektakel genug, mischen sich nun einige Raubmöwen in den Schwalbenschwarm. Die Schwalben jagen Fische, aber die Raubmöwen jagen die Schwalben und deren Beute! Wir bestaunen atemberaubende Zweikämpfe in der Luft.

Wer Tiere in freier Wildbahn beobachten will, tut dies am besten in der Dämmerung ... oder am frühen Morgen. Nach einer ungestörten Nacht am Gletscherabfluss schauen wir morgens auf den Nordatlantik. Es ist Ebbe, am Strand verstreut liegen Eisbrocken aller Größen. An der Flussmündung kämpft das aus dem See abfließende Wasser mit der Brandung. Unmengen von Schwalben suchen ihr Morgenmahl. Der Blick schweift übers das Treiben im Meer. Ein grauschwarzer Buckel hebt sich aus dem Wasser, eine Rückenflosse ist kurz zu sehen, dann schließen sich die Wellen wieder. Mit offenem Mund stehe ich da. Das glaubt uns keiner, ein Wal ganz nah am Strand! Durch den Sand stolpere ich zum Parkplatz zurück und hole die Kamera aus dem Auto. Immer wieder taucht ein Walbuckel auf. Der große Brackwasserstrudel scheint ein reiches Nahrungsangebot zu bergen. Wir unterscheiden mindestens einen großen und einen kleinen Wal, vielleicht eine Mutter mit Kalb? Sie in Megapixel einzufangen gelingt nicht, zu kurz ist der Moment, zu unvorhersehbar ihr Auftauchen.



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